Demonstrationen in über 150 Städten Mehr als 200.000 Franzosen protestieren gegen Impfpflicht und Gesundheitspass

Bei erneuten Massenkundgebungen gegen schärfere Coronaregeln in Frankreich ist es zu Ausschreitungen gekommen, es gab Verletzte und mehrere Festnahmen. In Paris wurden die Hauptzugänge der Champs-Élysées abgeriegelt.
Ein Demonstrant in Paris tritt eine Tränengasgranate von sich weg

Ein Demonstrant in Paris tritt eine Tränengasgranate von sich weg

Foto: GEOFFROY VAN DER HASSELT / AFP

Der Protest gegen die Ausweitung des Gesundheitspasses und die Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in Frankreich hat deutlich zugenommen. Landesweit gingen am Samstag nach Angaben des Innenministeriums mehr als 200.000 Menschen auf die Straßen, um gegen die verschärften Regelungen zu demonstrieren. An den beiden vergangenen Wochenenden, vor dem Parlamentsbeschluss zu den Maßnahmen, waren jeweils mehr als 100.000 Menschen auf die Straße gegangen.

Insgesamt wurde am Samstag in mehr als 150 Städten demonstriert – darunter Toulon, Montpellier, Bordeaux, Marseille und Nizza. In Paris versammelten sich nach Angaben des Innenministeriums mehr als 14.000 Menschen. Dabei wurden nach Angaben der Behörden in der Hauptstadt Paris drei Polizisten verletzt. Nach Angaben des Innenministeriums wurden 19 Aktivisten festgenommen.

Die Demonstranten in Paris, darunter auch viele »Gelbwesten«, warfen der Regierung auf Plakaten unter anderem einen »Angriff auf die Freiheit« vor. Mehr als 3.000 Polizisten waren im Einsatz, unter anderem auf den Champs-Élysées, deren Hauptzugänge abgeriegelt waren.

Gelbwestenträger auf einer Demonstration in Paris

Gelbwestenträger auf einer Demonstration in Paris

Foto: CHRISTOPHE PETIT TESSON / EPA

Die Chefin der rechtsextremen Partei Rassemblement National (früher: Front National), Marine Le Pen, rief die Regierung auf Twitter auf, die Proteste ernst zu nehmen. Es sei noch Zeit, einen Rückzieher zu machen. Auch der führende Linksaußenpolitiker Jean-Luc Mélenchon, schrieb, die Proteste müssten respektiert und verstanden werden.

Das französische Parlament hatte das Gesetz zur Verschärfung der Corona-Regeln am vergangenen Sonntag nach langem Ringen verabschiedet. Es tritt am 9. August in Kraft und sieht eine Corona-Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegekräfte sowie Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte vor. Anders als ursprünglich von der Regierung gewollt, droht Impfverweigerern in diesen Berufen allerdings nicht die Entlassung, sondern nur eine Aussetzung des Gehalts.

Beschlossen wurde auch eine Ausweitung des Gesundheitspasses, der Aufschluss über eine Impfung oder einen Negativ-Test gibt. Dabei soll nun erstmals eine Testpflicht für Ungeimpfte in Gaststätten und Fernzügen sowie Messen und Jahrmärkten greifen. In Kinos, Theatern oder Museen muss bereits seit 21. Juli eine Impfung, eine überstandene Infektion oder ein negativer Corona-Test nachgewiesen werden.

Die Opposition hat sich an den Verfassungsrat gewandt, um das Gesetz zu verhindern. Auch die Regierung legte dem Rat das Gesetz zur Prüfung vor. Der Verfassungsrat wird seine Entscheidung am 5. August bekanntgeben – also nur wenige Tage vor dem geplanten Inkrafttreten.

78 Prozent aller Corona-Opfer ohne Impfung

In Frankreich sind mehr als die Hälfte der Menschen vollständig geimpft. Laut einer am Freitag veröffentlichten amtlichen Statistik ist ein überwältigender Anteil der Covid-19-Patienten, die in französischen Krankenhäusern behandelt werden, nicht geimpft: Rund 85 Prozent der Covid-19-Patienten auf den Normal- und Intensivstationen haben demnach keine Impfung gegen das Coronavirus. Zudem liege bei 78 Prozent aller Todesfälle nach einer Corona-Infektion keine Impfung vor.

Zuletzt lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Menschen innerhalb einer Woche landesweit bei etwa 214. In einigen Gegenden etwa an der Grenze zu Spanien oder in Nordkorsika gelten deshalb inzwischen noch strengere Regeln. So müssen teils Läden und Restaurants früher schließen und Menschen auch im Freien eine Maske tragen.

sol/afp/dpa/reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.