Ausschreitungen während Trumps Indien-Reise Außen Protz, innen Protest

US-Präsident Trumps Indien-Besuch wird von Gewalt überschattet: In Delhi kam es zu den massivsten Ausschreitungen seit Jahren. Mindestens zehn Menschen starben, mehr als 150 wurden verletzt.
Von Laura Höflinger, Bangalore
Eine Gruppe Männer schlägt mit Stöcken und Kricketschlägern auf einen am Boden liegenden Muslim ein

Eine Gruppe Männer schlägt mit Stöcken und Kricketschlägern auf einen am Boden liegenden Muslim ein

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Es könnten so schöne Bilder sein: US-Präsident Donald Trump und Indiens Premier Narendra Modi Hand in Hand, Tausende jubeln ihnen zu; das Ehepaar Trump vor dem Taj Mahal; Melania Trump, wie sie am Dienstag mit Blumenketten um den Hals eine Schulklasse in Neu-Delhi im Glücksunterricht besucht.

Doch zur gleichen Zeit und nur wenige Kilometer entfernt steigen über der Stadt dunkle Rauchsäulen auf. Im Nordosten Delhis randalieren Mobs, die Männer tragen Stöcke und Molotowcocktails bei sich, einige auch Schusswaffen. Fernsehsender zeigen Bilder von verkohlten Häusern und Autos. Mindestens zehn Menschen sind bislang gestorben, darunter ein Polizist, den ein Stein am Kopf getroffen hatte; mehr als 150 Menschen wurden verletzt - Dutzende haben Schusswunden davongetragen.

Die Gewalt, die am Sonntag in Teilen Delhis losbrach und weiter anhält, gehört zu den schlimmsten Ausschreitungen, die die Stadt seit Jahren erlebt hat. Für die Regierung könnte sie zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen. Der Trump-Besuch hätte die Gelegenheit sein sollen, das Image des Landes wieder ins rechte Licht zu rücken und an seine guten Seiten erinnern: Indien, die größte Demokratie der Welt, potenzielles Gegengewicht zum autokratischen China, künftige wirtschaftliche Supermacht und Hort der Spiritualität. Es sollte die zunehmende Kritik im Ausland - vor allem die aus den USA – vergessen machen. Etwa, dass die Regierung in Kaschmir den längsten Blackout in der Geschichte einer Demokratie angeordnet hat. Oder, dass Minderheiten im Land zunehmend um ihre Sicherheit bangen. Modis Kritiker fürchten, der Premier und seine hindu-nationalistische BJP planen, Indien in einen Hindu-Staat umzubauen.

Muslime und Hindus gehen aufeinander los

Die Mehrheit der Inder sind Hindus, aber alle großen Religionen der Welt sind hier vertreten. Der Islam stellt mit 14 Prozent die größte Minderheit. Gerade das macht das neue Staatsbürgerschaftsgesetz so brisant: Dieses erleichtert Hindus, Sikhs, Christen, Buddhisten, Jains und Parsen, die vor 2014 aus Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan geflohen sind und sich irregulär in Indien aufhalten, die Einbürgerung. Also fast jeder religiösen Minderheit Südasiens, mit einer großen Ausnahme: den Muslimen. Zum ersten Mal wird damit die Staatsangehörigkeit gesetzlich über Religion definiert.

Schon seit Dezember kommt es überall im Land immer wieder zu Protesten gegen und für das Gesetz. Der Streit darum spaltet zunehmend die Gesellschaft und die jetzigen Entwicklungen nähren Ängste, dass die Proteste, die bislang größtenteils friedlich abliefen, in eine neue gefährlichere Phase übergehen könnten. Denn am Montag und Dienstag gingen in Delhi Berichten zufolge Hindus und Muslime gezielt aufeinander los.

"Erschießt die Landesverräter!"

Ein Foto der Nachrichtenagentur Reuters zeigt einen Mann mit Bart und muslimischer Kopfbedeckung, der blutend am Boden kniet, die Hände hat er schützend über den Kopf gelegt. Eine Gruppe Männer schlägt mit Stöcken und Kricketschlägern auf ihn ein. Ein Fotograf der Times of India  berichtet, wie ein Mob angedroht habe, ihm die Hose herunterzuziehen, "um seine Religionszugehörigkeit zu überprüfen". Auch religiöse Einrichtungen wurden angegriffen.

Auslöser der Gewalt war offenbar die Rede eines BJP-Politikers nahe der nun betroffenen Nachbarschaft. Am Sonntag hatte der Politiker diejenigen, die gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz demonstrieren, vor Konsequenzen gewarnt. In einem Video, das er im Anschluss selbst auf Twitter verbreitete, ist zu hören, wie er sagt: "Solange Trump in Indien ist, lassen wir die Gegend in Ruhe. Aber danach werden wir nicht mehr auf die Polizei hören." Viele nahmen die Rede als Drohung wahr – oder, je nachdem, auch als Ermutigung: Im Anschluss warfen Anhänger der beiden Lager Steine aufeinander.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Politiker der Regierungspartei unverhohlen zu Gewalt aufrief. Ende Januar tauchte ein Video eines Staatsministers auf, in dem er seinen Zuschauern zurief: "Erschießt die Landesverräter!". Wenige Tage darauf schoss ein junger Mann in eine Gruppe von Demonstranten. Ein Student wurde an der Hand verletzt.

Die Anti-Muslim-Rhetorik mag Indiens Ansehen im Ausland schaden; im Inneren jedoch verfängt sie. Indien hat in seiner Geschichte bereits mehrere schlimme Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen erlebt. Seit Modis BJP an der Macht ist, fühlen sich die Muslime zunehmend an den Rand gedrängt, nicht wenige sind geradezu panisch. Bei der hinduistischen Mehrheit, gerade unter jungen Männern, kommen solche Sätze jedoch gut an. Sie glauben, Indiens Ex-Regierungen hätten sich der muslimischen Minderheit angebiedert und die hinduistische Mehrheit unterdrückt. Die BJP bedient dieses Gefühl regelmäßig im Wahlkampf. Auch Modi selbst hat die Demonstranten mehrfach mit Terroristen verglichen und als Versuch bezeichnet, "einen Keil zwischen die Menschen zu treiben". Dass diese spalterische Propaganda eines Tages zu Gewalt führen könnte, war dabei stets klar - nun ist es ausgerechnet während des Trump-Besuchs passiert.