Coronakrise Das Rätsel um Indiens gesunkene Infektionszahlen

Im Frühjahr fegte eine zweite Coronawelle über Indien, es gingen schreckliche Bilder um die Welt. Nun sind die Zahlen rapide heruntergegangen. Doch die Frage ist: für wie lange?
Anstehen für die zweite Covid-19-Impfung in Ajmer, Rajasthan: Indien wird sein Impfziel bis Ende des Jahres wohl nicht erreichen – bisher sind nur etwa sieben Prozent vollständig immunisiert

Anstehen für die zweite Covid-19-Impfung in Ajmer, Rajasthan: Indien wird sein Impfziel bis Ende des Jahres wohl nicht erreichen – bisher sind nur etwa sieben Prozent vollständig immunisiert

Foto: Himanshu Sharma / Anadolu / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Juli, vielleicht noch der August. Das würden die sicheren, ruhigeren Monate in Indien sein. Jene, in denen das Coronavirus in allen Bundesstaaten relativ gut eingehegt sein würde. Das sagte die renommierte Epidemiologin Bhramar Mukherjee von der Universität Michigan bereits im Frühjahr  voraus. Was sie in ihren Modellrechnungen damals auch prognostizierte : Bis Mai würden die Infektionszahlen beängstigend schnell steigen – und dann sehr schnell abfallen.

Tatsächlich gingen kurz darauf, im April und Mai 2021, Bilder aus indischen Krankenhäusern um die Welt, in denen Menschen auf den Fluren erstickten, weil kein Sauerstoff mehr da war; Covid-Tote wurden in Massen auf Parkplätzen verbrannt. Schreckliche Szenen .

Ein Blick auf die aktuellen Statistiken zeigt: Mukherjee hat in beiden Punkten recht behalten. Die Infektionskurve in Indien zwischen April und Juli ragt aus dem Verlauf wie ein spitzer Zahn. Die Kurve ist so steil gestiegen, wie sie danach gefallen war. Der Juli war ein relativ ruhiger Monat. Am vergangenen Dienstag war die Zahl der Neuinfektionen so niedrig wie seit vier Monaten nicht.

Angesichts dessen wird eine ähnliche Frage diskutiert wie in den Niederlanden und Großbritannien , wo die Ansteckungen aktuell auch zurückgehen: Warum sind in Indien die Infektionszahlen mit der hochansteckenden Delta-Variante derart schnell gesunken? Was lässt sich daraus ableiten für europäische Länder, in denen diese Mutante gerade erst zu wüten beginnt? Ist gar ein Ende der Pandemie in Sicht?

Der Immunologe Satyajit Rath vom Indian Institute of Science Education and Research in Pune bremst diese Interpretation und diese Hoffnung am Telefon sofort. Er sagt, in Indien stelle man sich solche Fragen nicht. Niemand zweifle daran, dass eine nächste Welle kommt. »Die Zahlen steigen ja schon wieder, im Nordosten etwa«, sagt er. Die einzige Frage, die man sich stelle, laute: Wann wird der nächste Peak kommen?

Bestattung eines Covid-19-Toten: Eine erste unabhängige Untersuchung zeigt, dass die Übersterblichkeit in Indien zehnmal höher liegen könnte, bei 4,7 Millionen Toten zwischen Januar 2020 und Juni 2021

Bestattung eines Covid-19-Toten: Eine erste unabhängige Untersuchung zeigt, dass die Übersterblichkeit in Indien zehnmal höher liegen könnte, bei 4,7 Millionen Toten zwischen Januar 2020 und Juni 2021

Foto: C. K. Thanseer / DeFodi / Getty Images

Die Krankenhäuser hätten für die nächste Lage aufgerüstet, was die Versorgung mit Sauerstoff angeht. Sie seien diesmal etwas besser vorbereitet. »Aber ausreichend vorbereitet auf das, was kommen wird? Ich denke nicht«, so Rath. Viele, sagt er, hoffen, dass die Impfungen den nächsten Anstieg abfedern und das Gesundheitssystem entlasten.

Regierung verfehlt selbst gestecktes Impfziel

Drei bis fünf Millionen Menschen pro Tag werden aktuell in Indien geimpft. Das ist, und so verkauft es auch die indische Regierung gern, in absoluten Zahlen so viel wie in fast keinem anderen Land der Welt. Relativ gesehen aber, angesichts der 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner im Land, ist es eine schwache Bilanz. Die Regierung wird ihr ausgerufenes Ziel, die gesamte erwachsene Bevölkerung – 940 Millionen Menschen – bis zum Ende des Jahres durchzuimpfen, ziemlich sicher verfehlen. Bisher sind nur etwa sieben Prozent der Inderinnen und Inder vollständig geimpft, etwa ein Viertel hat zumindest eine Dosis bekommen.

Beim Impfstoff von AstraZeneca – im Serum Institute of India hergestellt und im Land als Covishield vermarktet – der oft verabreicht wird, ist der Schutz von einem Shot jedoch nicht ausreichend, vor allem nicht gegen die Delta-Variante. Fraglich ist auch, wie wirksam der lokale Impfstoff Covaxin, das russische Sputnik V oder auch etwa Moderna auf längere Sicht schützen können.

Der indische Premier Narendra Modi hatte die Gefahr von Corona von Anfang an nicht geleugnet. Er hatte, im Gegenteil, seinen Bürgerinnen und Bürgern einen harten Lockdown verordnet, gleich zu Beginn der Pandemie, als die Zahlen noch niedrig waren. Es war ihm klar, wie bedrohlich das Virus ein Gesundheitssystem wie jenes in Indien treffen würde.

Allerdings führte der Lockdown zu einem wirtschaftlichen Kollaps, gerade für Wanderarbeiter und Menschen am Existenzminimum wurden die Wochen des Stillstands so bedrohlich, dass es nun, vor einer möglichen dritten Welle, auch viele gibt, die mehr Angst haben vor einem erneuten Shutdown als vor dem Virus. »The cure is much worse than the desease«, ist ein Satz, von dem viele überzeugt sind. Das Heilmittel sei viel schlimmer als die Krankheit selbst.

Wie verlässlich sind die Daten aus Indien?

Als im Mai Menschen auf den Bürgersteigen des Landes nach Luft rangen, als das Gesundheitssystem dann tatsächlich zusammenbrach, war Premier Modi abgetaucht . Die Menschen in Indien haben nach eineinhalb Jahren Pandemie also auch dieses Gefühl: Auf die Regierung muss niemand hoffen.

Immunologe Rath sagt, er halte nicht viel von der Konzentration auf die Infektionswellen. »Das Bild einer Welle tut so, als würden Infektionen landesweit gemeinsam steigen und danach wieder überall fallen. Aber so funktionieren diese Ausbrüche nicht. Sie finden in verschiedenen Teilen des Landes statt. In verschiedenen sozialen Gruppen. Zu unterschiedlichen Zeiten. Kleinere, größere.«

Das Problem sei allein schon, dass in ländlichen Gebieten Indiens viel weniger getestet werde. Es könne sein, dass es irgendwo auf dem indischen Land einen Ausbruch gibt, der in den aktuellen Statistiken nicht auftaucht.

Die Gefahr impfstoffresistenter Varianten

Die Testraten, überhaupt das Datenmaterial in Indien, von dem das meiste aus den Städten stammt, waren von Beginn an lückenhaft. Die Genom-Sequenzierung etwa, mit der neue Varianten gefunden werden können, ist weiterhin mangelhaft. Große Diskussion gibt es vor allem zu den Opferzahlen. Offiziell starben bisher rund 400.000 Menschen in Indien an dem Coronavirus. Schon länger war die Diskrepanz aufgefallen  zwischen den Zahlen der Regierung und dem, was Bestatter, Krankenhauspersonal und Rettungssanitäter berichteten. Nun kommt eine unabhängige Untersuchung des Center for Global Development  in Washington vom Juli zu dem Ergebnis, dass die Übersterblichkeit zehnmal höher liegen könnte, bei 4,7 Millionen Toten zwischen Januar 2020 und Juni 2021.

Auch die Hoffnung auf Herdenimmunität sei eine Illusion, so der Immunologe Rath. Bisher hätten in einigen Gegenden die Hälfte der Menschen noch keinen Kontakt zum Virus gehabt – also noch keine Immunabwehr aufbauen können.

Covid-19-Test bei Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen, die Ende Juli mit dem Pendlerzug in Mumbai angekommen sind

Covid-19-Test bei Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen, die Ende Juli mit dem Pendlerzug in Mumbai angekommen sind

Foto: Anshuman Poyrekar / Hindustan Times / Getty Images

Die Coronakrise hätte, glaubt Rath, vielleicht sogar früher in den Griff bekommen werden können. Wenn überall auf der Welt mit der gleichen Geschwindigkeit und vergleichbaren Impfstoffen Menschen geschützt worden wären. Er sorgt sich, dass durch die Ungleichheit der weltweiten Impfkampagnen nun ein viel größeres Problem entstehen könnte, überall in unterversorgten Ländern und gerade in Indien.

»Hier gibt es Nachbarschaften, die eher wohlhabend sind und in denen alle Leute bereits voll geimpft sind. Direkt daneben leben Communitys, in denen fast niemand geimpft ist. Dort kann sich das Virus super verbreiten, es entstehen Varianten. Und diese versuchen, auch die geimpfte Nachbarschaft anzustecken. Sie scheitern und scheitern und scheitern an der Barriere des Impfschutzes, immer wieder. Bis es doch mal eine Variante schafft und die Barriere bricht.«

Wenn das passiere, hätte nicht nur Indien, sondern die ganze Welt ein riesiges Problem: eine impfstoffresistente Variante.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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