Hygiene-Expertin in Indien Die neuen Jobs der Pandemie

Coronakrise in Indien – Hundert Millionen Menschen haben ihre Arbeit verloren. Doch in der Pandemie entwickeln sich auch neue Berufszweige.
Von Sunaina Kumar, Neu-Delhi
Corona-Aufklärung in einem Slum in Mumbai

Corona-Aufklärung in einem Slum in Mumbai

Foto: Francis Mascarenhas / REUTERS
Globale Gesellschaft

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Jeden Morgen steigt Kalavati schwer bepackt in den Bus. Sie fährt von ihrem Dorf Somanahalli in eines der vielen Industriegebiete außerhalb der indischen IT-Stadt Bangalore. Mit dabei auf der 45-minütigen Fahrt: ein Fünf-Liter-Kanister mit Desinfektionsmittel, zwei Sprühmaschinen und ein Schutzanzug. »Das Schleppen ist das Beschwerlichste am neuen Job«, erzählt sie am Telefon.

Seit Juni – dem Ende des strikten Lockdowns in Indien – arbeitet die Mutter dreier erwachsener Kindern als Hygiene-Expertin. Sie desinfiziert Flure und Arbeitsflächen in Unternehmen und Läden. Für einzelne Kunden sprüht sie deren Motorräder und Auto-Rikschas ab. 

Für Kalavati, die wie viele südindische Frauen nur mit ihrem Vornamen angeredet wird, ist dieser Job eine Möglichkeit, schnell und simpel Geld zu verdienen, ein Aufstieg aus ihrer Arbeitslosigkeit. Kurz nachdem Premierminister Narendra Modi am 23. März einen kompletten Lockdown verkündet hatte, musste sie die Kantine schließen, die sie seit zehn Jahren mit ihrem Ehemann geführt hatte.

Kalavati desinfiziert ein Motorrad in Bangalore

Kalavati desinfiziert ein Motorrad in Bangalore

Foto: Umesh N / LabourNet India

Mittags aßen hier die Mitarbeiter aus den angrenzenden Telekommunikationsbüros und den Elektronik-, Chemie- und Textilfirmen. Mit der Kantine verdiente das Ehepaar etwa 1000 Rupien am Tag, umgerechnet elf Euro.

Während der Pandemie verloren mindestens 100 Millionen Menschen in Indien ihren Job. Frauen waren davon überproportional betroffen. Dies liegt auch daran, dass sie vermehrt in der Gastronomie, Kosmetik, Bildung, Hausarbeit und Pflege arbeiten. Bereits vor der Coronakrise machten sie laut offiziellen Statistiken nur ein Viertel  der arbeitenden Bevölkerung aus.

Inzwischen ist dieser Anteil um 13 Prozent gesunken, verglichen zu den zwei Prozent bei Männern, analysiert die Entwicklungsökonomin Mitali Nikore, die unter anderem die Weltbank berät. 

Doch viele Inder wurden in dieser Ausnahmesituation kreativ. Nach dem Lockdown sieht man in Dörfern neue Handyläden, und Köche berichten, sich mit Essensständen selbstständig gemacht zu haben, es gibt neue Lieferdienste. So hat die Pandemie auch neue Berufszweige generiert.

Doch viele Inder wurden in dieser Ausnahmesituation aus der Not heraus kreativ. Nach dem Lockdown haben einige Workshops besucht, um in ihren Heimatdörfern Reparaturläden für Handys zu eröffnen; eine Dienstleistung, für die man oft in die nächstgrößere Stadt fahren musste.

Und neben den Desinfektionsarbeiten brauchen Corona-Testlabore vermehrt Menschen, um die Daten einzugeben oder auch Assistenten, die Blut entnehmen. Dafür muss man kein Pfleger oder keine Krankenschwester sein – laut der »Economic Times« könnten allein damit 20.0000 Jobs entstehen.

Eine Arbeiterin desinfiziert die Straßen von Dharmsala, Indien

Eine Arbeiterin desinfiziert die Straßen von Dharmsala, Indien

Foto: Ashwini Bhatia / AP

»Ich habe das erste Mal von unserem Dorfältesten von dem Hygienejob gehört«, erzählt die 40-jährige Kalavati. Das Sozialunternehmen Labournet hatte ab Mai Dorfversammlungen in Bundesstaaten wie Odisha oder Karnataka kontaktiert. Sie haben bislang, zusammen mit der Zentralregierung, 450 Menschen aus ländlichen Gebieten als Hygienefachkräfte ausgebildet. Mehr als 5000 sollen es werden.

Labournet hilft Menschen im informellen Sektor bei der Existenzgründung und bietet Weiterbildungen an. Lipsa Bharati, eine der Beraterinnen von Labournet, ist sich sicher, dass auch nach der Pandemie viele Firmen erhöhten Desinfektionsbedarf haben.

Das Unternehmen trainierte Kalavati, wie sie richtig desinfiziert, sich selbst dabei vor dem Virus schützt und vermittelt Putzaufträge. Über eine App können Firmen ihren Bedarf anmelden – und Putzkräfte wie Kalavati den Auftrag annehmen. Dabei ist Labournet keine NGO. Ihr Equipment im Wert von umgerechnet 28 Euro muss sich Kalavati selbst kaufen. Wenn die Firma den Auftrag vermittelt, behalten sie 20 Prozent Vermittlungsgebühr ein. Suchen die Kräfte sich selbst Aufträge, behalten sie fünf Prozent ein. 

Vor dem Büro im Industriegebiet zieht Kalavati ihren blauen Schutzanzug an, setzt Maske und Brille auf und füllt das Desinfektionsmittel in ihre Sprühmaschine. »Ich mag diesen Job, er gibt mir das Gefühl, unabhängig zu sein«, sagt sie. »Als Frau vertrauen mir die Leute, lassen mich in ihre Büroräume.«

Seit Juni hat sie mehr als 100 Büros, Läden, kleine Firmen und Gewerbebetriebe gereinigt, dazu noch Autos, Motorroller und Autorikschas. Pro Tag verdient sie etwa 500 Rupien, erzählt sie, umgerechnet 5,50 Euro. Dies ist weit über dem Mindestlohn des Landes und etwa vergleichbar mit ihrem Lohnanteil in der Kantine. Und sie hilft noch ihrem Mann in dem kleinen Kiosk, den er im Sommer eröffnet hat. Statt Mittagessen verkauft er nun Tee, Obst und Cracker für die Büros. 

Normalerweise ist die Arbeit als Putzkraft in Indien nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch stigmatisiert. Kalavati sagt, sie fühle sich weder diskriminiert noch in Gefahr wegen Corona. Dazu kommt: Es scheint, dass in Zeiten der Pandemie Reinigungskräften ein anderer Stellenwert beigemessen wird; als schützten sie die Gesellschaft vor dem Virus. 

Sie sei stolz, einen Job gefunden zu haben, sagt Kalavati. »Ich verdiene nicht nur für meine Familie, sondern verhindere auch, dass sich die Infektion ausbreitet«, sagt sie. Doch wie lange sie diese Arbeit ausführen wird, hängt auch von der Pandemie ab. Sie hofft, im nächsten Jahr ihre Kantine im Industriegebiet wieder eröffnen zu können – natürlich mit Hygieneschutz. 

Übersetzung: Fiona Weber-Steinhaus

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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