Coronakrise in Indien "Steine kann man nicht essen"

Indien hat in der Coronakrise die größte Ausgangssperre der Welt verhängt. Tausende Wanderarbeiter, die keine Arbeit mehr finden, kehren in ihre Dörfer zurück - und mit ihnen womöglich das Virus.
Von Laura Höflinger und Katrin Kuntz, Bangalore und Hamburg
Exodus der Wanderarbeiter: Ohne Einkommen bleibt vielen von Indiens Ärmsten nur die Rückkehr in ihre Dörfer

Exodus der Wanderarbeiter: Ohne Einkommen bleibt vielen von Indiens Ärmsten nur die Rückkehr in ihre Dörfer

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Es ist nicht das Virus, das Bunty Angst macht. Es ist die Frage, wovon seine Familie in den nächsten Tagen leben soll.

Er läuft am Seitenstreifen einer Straße entlang, sein kleiner Sohn hockt auf seinen Schultern, er hat die Arme über den Kopf seines Vaters gelehnt. Ein Reporter des indischen Fernsehsenders NDTV begleitet die Familie ein Stück des Weges, er trägt einen Mundschutz. Buntys Frau läuft ein paar Schritte hinter ihnen. Auf dem Kopf balanciert sie eine große blaue Tasche, darin befindet sich alles, was die Familie besitzt. Die zwei anderen Kinder trotten hinterher.

Die Familie ist zu Fuß unterwegs. Denn Busse und Züge fahren in Indien seit Anfang der Woche nicht mehr, Taxifahrten sind verboten, Flüge gibt es erst recht keine mehr. Und selbst wenn: Bunty könnte sich wohl kaum ein Ticket leisten. Er ist Tagelöhner, die verdienen in Indien kaum mehr als zwei Euro am Tag. Und seitdem die indische Regierung dem Land aus Angst vor dem neuen Coronavirus den Stillstand verordnet hat, bleibt ihm auch dieses mickrige Einkommen verwehrt.

Die Fabriken stehen still, Baustellen liegen brach, die Straßen Delhis, wo sich sonst Massen drängen, wirken seltsam verwaist. Schon jetzt hat die Familie zu wenig zu essen und der Marsch, der vor ihnen liegt, wird beschwerlich werden: 150 Kilometer sind es von Delhi aus bis in ihr Heimatdorf. Bunty schätzt, dass sie zwei Tage unterwegs sein werden, wahrscheinlich länger. Aber in der Stadt zu bleiben, war für sie keine Option, stellt seine Frau klar: "Steine kann man nicht essen", sagt sie dem Reporter.

Ausgangssperre in Delhi: Die Straßen, auf denen sich sonst Menschenmassen drängen, wirken seltsam leer

Ausgangssperre in Delhi: Die Straßen, auf denen sich sonst Menschenmassen drängen, wirken seltsam leer

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Tausende Männer und Frauen wie sie, darunter auch Kinder und Jugendliche, wandern derzeit die Highways entlang, weil sie in den Städten keine Arbeit mehr finden und weil der öffentliche Nahverkehr zum Erliegen gekommen ist. Sie tragen Bündel und Rucksäcke, manchmal nicht mehr als Plastiktüten bei sich. Viele haben sich Tücher um den Mund gebunden - wegen Corona, aber auch gegen den Staub. Es ist ein Exodus der Wanderarbeiter, all jener, die ihr Glück in der Stadt gesucht haben und nun ihr Heil auf dem Land suchen. Es ist genau das, was die indische Regierung verhindern wollte: Dass Tausende Menschen aus den Städten in ihre Dörfer zurückkehren – und mit ihnen womöglich das Virus.

Social Distancing ist ein Privileg, das in Slums nicht existiert

In einer Rede hatte Premier Narendra Modi am Dienstagabend eine Ausgangssperre verkündet, die in ihren Ausmaßen jegliche Vorstellungskraft sprengt: Indiens 1,37 Milliarden Bürger sollen drei Wochen lang zu Hause bleiben. Modi, der sonst gerne auf starken Mann macht, war sichtlich emotional. Er machte keinen Hehl daraus, was Indien blühen könnte: Er sprach von Italien und den USA mit "den besten Gesundheitssystemen der Welt" - die Frage, die dabei mitschwang, war kaum zu überhören: Wenn die reichen Länder kollabieren, wie sollen wir es dann packen?

Noch hat Indien mit weniger als tausend Infizierten vergleichsweise wenige Fälle, noch beharrt das Gesundheitsministerium darauf, dass sich das Virus nicht frei in der Bevölkerung überträgt. Aber was, wenn es passiert? Inder leben enger zusammen als Europäer, oft wohnen drei Generationen unter einem Dach. In den Slums ist Platz für Social Distancing ein Privileg, das nicht existiert. Das fragile staatliche Gesundheitssystem stößt schon an guten Tagen an seine Grenzen.

Existenz von Millionen Menschen bedroht

"Wenn wir die nächsten 21 Tage nicht durchstehen, dann werden viele Familien für immer zerstört werden", sagte Modi. Er spreche nicht als Premier zu ihnen, sondern als Teil ihrer Familie. Dann legte er die Hände vor dem Gesicht zusammen und flehte seine Landsleute regelrecht an, zu bleiben, wo sie sind.

Was er nur unzureichend erklärte, war, wie Indiens Millionen Tagelöhner die nächsten Wochen ohne Einkommen überleben sollen. Solche, die Rikschas ziehen, die Wachschutzmänner, die Müllsammler und Bauarbeiter, all die Menschen die Metropolen wie Delhi, Mumbai oder Bangalore am Laufen halten. Drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung arbeiten im sogenannten informellen Sektor ohne soziale Absicherung. Zu Hause zu bleiben, ist ein Luxus, den sie sich ein paar Tage lang leisten können, aber nicht drei Wochen lang. Tempel und Moscheen, die sonst Essen an Obdachlose verteilen, sind geschlossen. Hilfsorganisationen wissen nicht, was noch erlaubt ist und was nicht. Der Lockdown war schlecht vorbereitet, es herrscht Chaos im Land, und so drastisch es klingen mag, im schlimmsten Fall müssen Indiens ärmste Bürger entscheiden, wovor sie mehr Angst haben: Covid-19 oder zu verhungern?

Andererseits: Welche Wahl blieb Modi? Deutschland verfügt über rund 29 Intensivbetten pro hunderttausend Einwohner, Italien über zwölf, Indien über knapp zwei. Eine Infektionswelle, wie westliche Länder sie derzeit erleben, könnte das indische Gesundheitssystem binnen kurzer Zeit überfordern – und nicht nur dieses.

Wanderarbeiter aus Thailand flüchteten nach Kambodscha und Myanmar

Das Coronavirus hat die Schwellenländer Asiens erreicht, und die Pandemie tritt damit in eine neue Phase ein. Länder wie Indien, Thailand und Kambodscha haben in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Eine neue Mittelschicht ist entstanden, Millionen sind der Armut entkommen. Allesamt Erfolge, die das Virus zunichtemachen könnte. "Die Zukunft dieser Pandemie wird zu einem großen Teil in den dicht bevölkerten Ländern entschieden", sagte Mike Ryan, Notfallchef der WHO.

Thailand: Am Mo Chit Bus Terminal in Bangkok kam es zu chaotischen Szenen

Thailand: Am Mo Chit Bus Terminal in Bangkok kam es zu chaotischen Szenen

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA/ AFP
  • In Thailand etwa, wo bislang offiziell 1388 Fälle registriert sind, hat die Militärregierung am Donnerstag den Notstand ausgerufen und die Grenzen bis Ende April geschlossen. Bereits Ende der vergangenen Woche machte die Regierung für 22 Tage Schulen, Bars, Restaurants und Malls zu. Am Wochenende verließen daraufhin etwa 40.000 Menschen die Metropole Bangkok in Richtung ihrer Heimatorte. Die Bitte des Gouverneurs von Bangkok, die Stadt nicht zu verlassen, war wirkungslos. Etwa 60.000 Menschen aus Laos, Myanmar und Kambodscha eilten aus Angst vor der nahenden Grenzschließung zu den Grenzübergängen, wo sie stundenlang warten mussten. Thailand beherbergt drei Millionen Wanderarbeiter, von denen etliche jetzt ihre Arbeit verloren haben.

  • Zehntausende Wanderarbeiter kamen Anfang dieser Woche im benachbarten Kambodscha an, was dort eine Panik vor neuen Infektionen auslöste. Die Autoritäten, die am Freitag 96 Infektionen mit dem Coronavirus gezählt hatten und inzwischen den Notstand ausgerufen haben, waren überfordert und konnten die Menschen nicht ausreichend untersuchen. Nur 35 der rund 15.000 Rückkehrer aus Thailand konnten getestet werden, teilte die Regierung mit. Man sei auch nicht in der Lage, sie in Quarantäne zu schicken. "Bitte erklärt ihnen, dass sie sich nicht berühren sollen", teilte der Innenminister mit.

  • Rund 30.000 Menschen kehrten zeitgleich nach Myanmar zurück, in der Hoffnung, dort ohne Job bei Familie und Verwandten überleben zu können. Das Arbeitsministerium in Myanmar, wo bis zum Ende dieser Woche offiziell nur fünf Covid-19-Fälle registriert waren, stoppte in dieser Woche die Ausreise seiner Wanderarbeiter. Zuvor waren die Menschen vom Ministerium vor allem nach Thailand, Malaysia und Japan geschickt worden – allein im Februar verließen 27.330 Wanderarbeiter noch das Land.

Die Familie als soziales Netz

Indien hat mittlerweile ein knapp 20 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für die Armen angekündigt, um die Auswirkungen der Ausgangssperre abzumildern. Arme sollen Geld auf ihre Bankkonten überwiesen bekommen, die mittlerweile viele, wenn auch nicht alle, besitzen. Reis und Mehl sollen kostenlos verteilt werden und auch Gasflaschen zum Kochen. Aber all das läuft nur langsam an, und nicht alle wollen oder können so lange warten.

Auch Mintu Chaudhry nicht. Er ist 32 Jahre alt und fährt eine Auto-Rikscha in Jaipur, einer Stadt in Rajasthan. Er unterstützt die Ausgangssperre. "Wer seine Familie rettet, der rettet sein Land", sagt er am Telefon. Er hat sich eine Gesichtsmaske für umgerechnet 60 Cent gekauft, er wäscht sich die Hände, so oft er kann. Er war auch schon in der Klinik, weil Bekannte, die wissen, dass er manchmal Touristen zum Flughafen gefahren hat, gesagt hätten: "Du hast das Gepäck von so vielen Ausländern getragen, du hast dich bestimmt angesteckt." Chaudhry findet, dass "wir jetzt alles tun müssen, was nötig ist." Aber seit dem Inkrafttreten der Ausgangssperre findet er keine Fahrgäste mehr, die Polizei hat seine Rikscha beschlagnahmt, die Preise für Gemüse und Milch sind in die Höhe geschossen, weil Menschen in Panik einkaufen und der Nachschub ausbleibt. Chaudhry verdiente früher am Tag rund zehn Euro, ohne Arbeit schwinden seine Ersparnisse.

Ein Obdachloser wartet vor einer staatlichen Hilfseinrichtung auf eine warme Mahlzeit: Die indische Regierung hat ein milliardenschweres Hilfspaket für die Armen angekündigt

Ein Obdachloser wartet vor einer staatlichen Hilfseinrichtung auf eine warme Mahlzeit: Die indische Regierung hat ein milliardenschweres Hilfspaket für die Armen angekündigt

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Also hat er sich entschieden, die Stadt zu verlassen. Die Polizei in seiner Nachbarschaft in Jaipur scheuche derzeit jeden, der sich vor die Tür traut, zurück ins Haus, notfalls auch mit Schlägen, berichtet er. Aber morgens, wenn der Markt öffne, lockert die Polizei die Regeln. Das nutzte Chaudry: Sie seien zu sechst gewesen, vier Erwachsene, zwei Kinder, verteilt auf zwei Motorräder. Sie mieden die breiten Straßen und fuhren durch die Gassen, um den Kontrollen aus dem Weg zu gehen. Jetzt sitzt Chaudhry in dem Dorf seiner Eltern, 120 Kilometer von Jaipur. Und er sei nicht der einzige, erzählt er: "Wir sind alle nach Hause gekommen."

Es gibt in Indien kein sicheres soziales Netz, auf den Staat ist nicht immer Verlass. Die Familie birgt hier den größten, wenn nicht gar einzigen Schutz. Die Chaudhrys haben ein kleines Haus, das aus einem Zimmer besteht. Sie besitzen ein kleines Stück Land, das ist in Krisenzeiten viel wert. Die Preise für Milch sind niedriger. Chaudhry sagt: "Ich wollte bei meiner Familie sein."