Indische Wanderarbeiter in der Coronakrise Als die Köchinnen und Putzkräfte die Stadt verließen, verloren viele die Annehmlichkeiten des Alltags

Im März liefen Millionen indischer Tagelöhner zu Fuß aus den Großstädten zurück in ihre Heimatdörfer. Der bekannte Journalist P. Sainath über die Folgen der bislang größten Wanderbewegung des Landes.  
Ein Interview von Fiona Weber-Steinhaus
Wanderarbeiter ruhen sich im April 2020 auf Schienen aus

Wanderarbeiter ruhen sich im April 2020 auf Schienen aus

Foto: PRASHANT WAYDANDE/ REUTERS
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Ab Ende März galt in Indien knapp zwei Monate lang ein strikter Lockdown. Weil ihre Arbeit in den Städten wegbrach, liefen laut der indischen Regierung 10,5 Millionen Wanderarbeiter zu Fuß zurück in ihre Heimatdörfer. Wie ist die Situation heute, knapp acht Monate später?

P. Sainath: Erst mal: Die Zahlen der Regierung sind kompletter Mumpitz. Es waren mindestens mehr als doppelt so viele Menschen. Genauso absurd ist es anzunehmen, wir hätten auch nur irgendeine Ahnung, wie viele Tausend oder Millionen in den vergangenen Monaten in die Städte zurückgekehrt sind. Was wir allerdings wissen: Viele Bundesstaaten haben während der Pandemie ihre Arbeitsrechte gelockert. Wanderarbeiter, die etwa wieder in Fabriken arbeiten, berichten, dass sie nun zwölf statt acht Stunden arbeiten müssen. Sie bekommen Überstunden nicht mehr bezahlt, Arbeitgeber drücken die Löhne. 

Zur Person
Foto: privat

P Sainath, Jahrgang 1957, berichtet seit mehr als 25 Jahren über die ländlichen Regionen Indiens. 2014 gründete er das »People’s Archive of Rural India «. »Pari« hat zwei Funktionen: Neben der journalistischen Berichterstattung über die Landbevölkerung sammelt und archiviert die Plattform Sprachen, Dialekte und Traditionen Indiens.

SPIEGEL: Das betrifft aber nur die wenigsten. 90 Prozent der Bevölkerung arbeiten ja im informellen Sektor, also etwa als Rikschafahrer, Tagelöhner, Teeverkäufer, Dienstmädchen.

Sainath: Nach den Reiselockerungen haben viele inzwischen auch wieder begonnen, als Rikschafahrer, Bauarbeiter oder Straßenköche zu arbeiten – vielleicht aber in einem anderen Bundesstaat oder einer anderen Stadt. Laut einer Studie sind während des Lockdowns mehr als 121 Millionen Jobs im informellen Sektor weggefallen. Ob diese alle wieder aufgenommen wurden, weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass die allermeisten der Arbeiter irgendwann zurück in die Städte ziehen werden. Was bleibt ihnen anderes übrig? Im Bundesstaat Rajasthan liegt der staatliche Mindestlohn zum Beispiel bei umgerechnet 2,50 Euro pro Tag. Die Menschen verdienen nichts oder zu wenig. Sie hungern. Die Coronakrise legt uns den bislang schonungslosesten Obduktionsbericht unserer Gesellschaft vor. Überlegen Sie mal: Seit Ende März reden plötzlich alle über Arbeitsmigranten. Vorher hat sich keiner um diese Menschen geschert. 

Foto: NOAH SEELAM/ AFP

SPIEGEL: Und warum jetzt? 

Sainath: Ich unterstelle vielen Wohlhabenden Krokodilstränen des vorgetäuschten Mitgefühls. Als ihre Köchinnen und Putzkräfte die Stadt verließen und der Rikschafahrer nicht mehr an der Straße wartete, verloren sie die Annehmlichkeiten des Alltags. 

SPIEGEL: Man sieht allerdings auch im ganzen Land, wie viele Bürger Spenden sammeln, in Küchen aushelfen, sich für medizinische Betreuung engagieren. 

Sainath: Das stimmt. Viele verstehen durch die Pandemie auch, dass nicht allein die schlauen Boys aus der IT-Stadt Bangalore das Land versorgen, sondern die Bauern, die unsere Lebensmittel ernten. Doch die Reaktion der Mittel- und Oberschicht ist ja nur ein Beispiel. Allein der Beginn des Lockdowns zeigt, wie die Politik die Landbevölkerung konsequent ignoriert. 

SPIEGEL: Was meinen Sie damit? 

Sainath: Es fängt schon dabei an, wie der Lockdown verkündet wurde: Vier Stunden nach Premierminister Narendra Modis Rede am 24. März wurde das Land komplett heruntergefahren! Selbst eine Infanteriebrigade im Krieg hätte mehr Zeit gehabt, sich vorzubereiten, sagte ein hochrangiger pensionierter Regierungsbeamter später. Und: Wir hätten Migranten in den geschlossenen Schulen, Hochzeits- und Messehallen unterbringen und versorgen können. Stattdessen haben wir sie auf den Hauptstraßen mit Pestiziden besprüht, um sie zu desinfizieren.

SPIEGEL: Weil die Züge nicht mehr fuhren, mussten die Menschen nach Hause laufen, manchmal mehr als 1000 Kilometer.

Wanderarbeiter auf dem Weg nach Hause (Archivbild)

Wanderarbeiter auf dem Weg nach Hause (Archivbild)

Foto: Amit Dave / REUTERS

Sainath: Ja, wir haben den Tod dieser Menschen willentlich in Kauf genommen. Sie konnten an den Straßen ja weder trinken noch essen, alle Restaurants und Teestände hatten geschlossen. Noch heute verfolgt mich das Schicksal der zwölfjährigen Jamlo, die vom Bundesstaat Telangana in ihre Heimat Chhattisgarh laufen musste. Nach drei Tagen, 60 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt, verstarb sie. Dieses Mädchen symbolisiert für mich das wahre Ausmaß der Tragödie. Für »Pari« haben wir ihr Heimatdorf besucht und über die Familie berichtet. 

SPIEGEL: Vor sechs Jahren gründeten sie das »People's Archive of Rural India« (Pari), eine journalistische Plattform, die sich auf das ländliche Indien fokussiert. Hat sich seitdem die Berichterstattung der anderen Zeitungen über die Landbevölkerung verändert?

Sainath: Schauen Sie mal auf die Titelseiten indischer Tageszeitungen. Dort steht nichts über die Landbevölkerung. In einer Fünfjahresstudie des Center for Media Studies zeigte sich: Nur 0,67 Prozent aller Titelseiten behandeln den ländlichen Raum. Wie viele Redaktionen haben Reporter, die sich einzig um Themenfelder wie Aktienmärkte oder Film kümmern – aber keinen einzigen, der sich nur auf Arbeiter oder die Landbevölkerung konzentriert. Das bedeutet: 75 Prozent der Bevölkerung sind keine Nachricht wert – außer, wenn Wahlen anstehen.

Feldarbeiter in Ahmedabad, Indien

Feldarbeiter in Ahmedabad, Indien

Foto: Amit Dave / REUTERS

SPIEGEL: Zwei Drittel aller Krankenhäuser in Indien liegen etwa in den Städten, dort arbeiten auch knapp zwei Drittel aller Ärzte. Und jetzt verzeichnen vor allem die ländlichen Regionen hohe Infektionsraten. 

Sainath: Die Leute haben ja das Virus zum Teil aus den Städten mit in die Dörfer gebracht. Jetzt zeigt sich dieses Ungleichgewicht. Wer kann sich Corona-Tests leisten? Wer kann es sich leisten, zu Hause zu bleiben, nicht zu arbeiten, Abstand zu wahren? Doch die Infektions- und Todeszahlen sind unzuverlässig. Vielleicht können Sie in Deutschland vergleichen, wie die Todesfälle von 2019 zu 2020 gestiegen sind. Wir führen kein ordentliches Sterberegister. Und manche Bundesstaaten wie etwa Uttar Pradesh überprüfen die Infizierten nur mit Antigen-Tests, die als unsicher gelten. 

SPIEGEL: Kerala im Süden hingegen galt lange als Vorzeige-Bundesstaat im Kampf gegen Covid-19. Was hatte die Regierung vor Ort anders gemacht?

Sainath: Kerala hat früh mit Kontaktpersonennachverfolgung begonnen und testet viel – übrigens vermehrt mit den als sicherer geltenden PCR-Tests. Ich erinnere mich, dass ich bereits Anfang Februar am Flughafen der Stadt Kochi zu meiner Reise befragt und meine Temperatur gemessen wurde. Doch inzwischen sind auch in Kerala die Zahlen stark angestiegen. Ende August feierten viele Onam, eines der wichtigsten Feste des Staates. Zu viele Menschen waren wohl davon ausgegangen, dass das Virus besiegt sei. Trotzdem scheint die Todesrate weiterhin sehr gering zu sein – und Keralas Statistiken sind verlässlicher als die der anderen Bundesstaaten. 

SPIEGEL: Woran liegt das? 

Sainath: Kerala führt alle Listen der Wohlstandsindikatoren im nationalen Vergleich an; egal ob es um Bildung geht oder um Lebenserwartung. Das Gesundheitssystem ist besser aufgestellt, die Landesregierung reagiert schneller und effizienter als andere in Indien. Dies wirkt sich natürlich auch im Kampf gegen Covid-19 aus.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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