Islamfeindliche Verschwörungstheorie Indien verbietet »Liebes-Dschihad«

Indische Politiker schüren Ängste vor einer angeblichen neuen Bedrohung: Muslimische Männer sollen junge Frauen zum Islam verführen. Nun hat der erste Bundesstaat ein Gesetz dagegen erlassen.
Von Laura Höflinger, Bangalore
Protest gegen das neue Gesetz in Bangalore

Protest gegen das neue Gesetz in Bangalore

Foto: JAGADEESH NV/EPA-EFE/Shutterstock

Ob die Liebe zwischen zwei Menschen erlaubt ist oder ein Verbrechen, das entscheidet im nordindischen Uttar Pradesh seit Neuestem die Polizei.

Ende November trat in dem Bundesstaat ein Gesetz in Kraft, das offiziell illegale Konvertierungen verhindern soll. Inoffiziell aber einen ganz anderen Zweck verfolgt: Es soll Frauen vor der Gefahr des »Liebes-Dschihads« schützen.

Hinter dem Begriff steckt eine Verschwörungstheorie der Hindu-Nationalisten: Muslimische Männer sollen angeblich scharenweise Hindu-Frauen in die Ehe locken, um sie so zum Islam zu bekehren. Neu ist das Märchen vom blauäugigen Hindu-Mädchen und vom räuberischen Muslim nicht. Aber was früher nur radikale Splittergruppen ernst nahmen, hat es unter der Führung von Premier Narendra Modi und seiner hindu-nationalistischen BJP mittlerweile in den indischen Mainstream geschafft.

Mitglieder seiner Partei, darunter ein Regierungschef eines Bundesstaats, ein sogenannter Chief Minister, haben in der Vergangenheit behauptet, indische Muslime würden Geld aus dem Ausland erhalten, um mit teuren Geschenken Frauen zu verführen. Ihr Ziel: nicht muslimische Frauen massenhaft zu konvertieren, um aus Indiens hinduistischer Mehrheit eine Minderheit zu machen.

Bis zu zehn Jahre Haft

Beweise haben sie für diese Behauptung bislang nicht erbracht. Mehrfach schon wurde der Vorwurf von offizieller Seite untersucht, das Ergebnis war immer das gleiche: Ein organisierter »Liebes-Dschihad« existiert in Indien nicht. So wie überhaupt Heiraten über Religionsgrenzen hinweg in Indien extrem selten vorkommen. Künftig könnte es noch schwieriger werden.

Uttar Pradesh, in dem das Gesetz nun in Kraft trat, ist nicht irgendein indischer Staat; er ist der bevölkerungsreichste im Land: Mehr als 200 Millionen Menschen leben hier, ungefähr so viele wie Brasilien Einwohner hat. Vier weitere große BJP-geführte Staaten haben angekündigt, ähnliche Gesetze zu verabschieden. Danach muss eine Konvertierung 60 Tage vor der Eheschließung den Behörden gemeldet werden, die den Fall überprüfen. Sollte sich herausstellen, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, drohen bis zu zehn Jahre Haft oder eine hohe Geldstrafe. Die Beweislast obliegt dem Paar.

»Die Darstellung von Hindu-Frauen als Opfer falscher Liebe zeigt nicht so sehr den Wunsch, sie zu beschützen, als den Wunsch, sie zu disziplinieren und zu kontrollieren.«

Charu Gupta, Historikerin

Befürworter des Gesetzes wenden ein, dass interreligiöse Ehen nach wie vor erlaubt sind. Das Gesetz untersage lediglich Konvertierungen, bei denen Täuschung oder Zwang im Spiel war. Es schütze Frauen. Es benenne an keiner Stelle den Islam, sondern behandele alle Religionen gleich. Das stimmt.

Auch Netflix steht am Pranger

Aber es ist auffällig, dass die Polizei bislang nur gegen muslimische Männer vorgegangen ist. Die Beamten haben Hochzeiten gesprengt. Frauen, die aussagten, aus freien Stücken geheiratet zu haben, wurden ignoriert, ihre Ehemänner abgeführt. BJP-Politiker haben zudem nie einen Hehl daraus gemacht, auf wen das Gesetz abzielt. Uttar Pradeshs Chief Minister Yogi Adityanath versprach noch im Oktober, gegen das Übel des »Liebes-Dschihads« vorgehen zu wollen. Er warnte solche, die »mit der Ehre unserer Schwestern spielen«.

Yogi Adityanath ist in Indien kein Unbekannter, sondern ein politischer Star. Er ist kontrovers und beliebt; so sehr, dass ihm manche nachsagen, er habe das Zeug, eines Tages Premier Modi zu beerben. Das Gesetz, das seine Idee war, ist in den Augen der Kritiker daher alles andere als obskur. Es ist ein essenzieller Teil des BJP-Programms zur Umgestaltung Indiens: Nach den demokratischen Institutionen soll auch das öffentliche Leben verstärkter politischer Kontrolle unterworfen werden. Tatsächlich scheint die Hindu-Nationalisten derzeit wenig mehr zu interessieren als die Frage: Wer darf in Indien wen lieben?

Im Herbst zog ein bekannter Juwelier einen Werbespot zurück, in dem eine Hindu und ein Muslim heiraten. Nutzer hatten sich in sozialen Medien empört. Kurz darauf forderten Hindu-Nationalisten rechtliche Schritte gegen Netflix, weil sich in einer Serie des Streamingdiensts ein Muslim und eine Hindu vor dem Hintergrund eines Tempels küssen.

»Für radikale Hindu-Gruppen ist es unmöglich nachvollziehbar, dass Frauen aus freien Stücken mit einem Mann durchbrennen oder für ihn konvertieren würden«, sagt die Historikerin Charu Gupta, die den Ursprüngen der Verschwörungstheorie nachgegangen ist. Es widerspreche ihrem Bild einer Gesellschaft, in der alles ihren Regeln folgt, selbst die Liebe.

»Die Darstellung von Hindu-Frauen als Opfer falscher Liebe zeigt nicht so sehr den Wunsch, sie zu beschützen, als den Wunsch, sie zu disziplinieren und zu kontrollieren«, sagt Gupta.

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