Datenauswertung Übersterblichkeit in Indien könnte zehnmal so hoch sein wie offizieller Coronawert

Während der Coronapandemie starben in Indien offenbar mehrere Millionen Menschen, wie ein neuer Bericht zeigt. Die Autoren gehen von der »wohl schwersten menschlichen Tragödie« seit Jahrzehnten aus.
Leichnam eines Coronatoten in Indien: Die schwerste Tragödie seit der Teilung

Leichnam eines Coronatoten in Indien: Die schwerste Tragödie seit der Teilung

Foto: Amit Sharma / dpa

Etwa 414.000 Menschenleben hat Corona in Indien gefordert. Das ist jedenfalls der offizielle Wert. Fachleute gehen schon länger davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. Die Regierung des Landes tat solche Befürchtungen in der Vergangenheit aber als übertrieben ab.

Eine nun veröffentlichte Auswertung legt indes nahe, dass die Pandemie Indien deutlich härter getroffen haben dürfte, als die amtliche Statistik besagt. Die sogenannte Übersterblichkeit im Land von Januar 2020 bis Juni 2021 bewege sich zwischen 3 Millionen und 4,9 Millionen Toten, schätzen die Verfasser eines Berichts , den der Thinktank »Center for Global Development« veröffentlicht hat.

Es handelt sich vielmehr um die Lücke zwischen der Gesamtzahl der tatsächlich Verstorbenen und dem zu erwartenden Wert. Letzterer richtet sich nach den Zahlen der vergangenen Jahre, wobei genauere Bestimmungen in Indien deutlich schwieriger sind als etwa in Deutschland. Denn schon vor der Pandemie wurden in dem Land nicht alle Toten statistisch erfasst.

Die Übersterblichkeit umfasst nicht nur an oder mit Corona Gestorbene.

Die Autoren gehen von höheren Zahlen aus als manche Epidemiologen. Deren Schätzungen zufolge ist die Übersterblichkeit fünf- bis siebenmal so hoch wie die amtliche Zahl der Coronatoten.

Die schwerste Tragödie seit Jahrzehnten

Die Verfasser des Berichts, unter ihnen ein früherer wirtschaftlicher Berater der indischen Regierung, räumen ein, dass die Ermittlung eines genauen Werts schwierig sei. Dennoch gehen sie davon aus, dass die von ihnen präsentierten Zahlen ein deutlich realistischeres Bild von der Schwere der Coronakrise zeichneten als offizielle Statistiken. Letztere etwa erfassten nicht jene Tode, zu denen es infolge der Überlastung von Krankenhäusern kam. Die Gesamtzahl der Toten während der Pandemie liege wahrscheinlich »bei mehreren Millionen, nicht bei Hunderttausenden«, heißt es im Bericht.

Den Berechnungen liegen folgen Daten zugrunde:

  • die registrierten Geburten und Tode in sieben Bundesstaaten

  • Bluttests, die ein Bild von der Verbreitung des Virus im Land abgeben

  • eine dreimal jährliche durchgeführte Wirtschaftsumfrage mit 900.000 Teilnehmern.

Die Verfasser des Berichts räumen ein, dass alle drei Ansätze ihre Schwächen haben. In ihrer Schlussfolgerung sind sie sich aber sicher: Indien durchlebt die »wohl schwerste menschliche Tragödie seit der Teilung und der Unabhängigkeit«.

1947 wurde der zuvor von der Kolonialmacht Großbritannien beherrschte indische Subkontinent in die modernen Staaten Indien und Pakistan aufgeteilt. Im Zuge dessen kam es zu Vertreibungen, Krawallen und Massakern. Hunderttausende wurden getötet.

Die Situation in Indien hatte sich im April und Mai unter anderem im Zusammenhang mit der dort erstmals entdeckten Delta-Variante des Coronavirus dramatisch zugespitzt . An einigen Tagen wurden 400.000 Neuinfektionen gemeldet. Krankenhäuser waren teils so überlastet, dass Menschen auf Parkplätzen davor starben, der medizinische Sauerstoff ausging und Angehörige selbst bei Krematorien warten mussten.

Inzwischen hat sich die Lage wieder entspannt. Es werden täglich zwischen 30.000 und 40.000 neue Coronafälle gemeldet. Angesichts einer niedrigen Impfrate und einer zurückkehrenden Normalität warnen Experten jedoch vor einer dritten Welle.

asa
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