Indiens Coronakatastrophe »Bitte helft uns mit Sauerstoff, sonst kommt es zur Tragödie«

Eine Million Infizierte – in drei Tagen: Nirgendwo grassiert das Coronavirus so heftig wie in Indien. Nach SPIEGEL-Informationen bittet das Land nun die Bundeswehr um Hilfe.
Verbrennung der Toten in Delhi: Die Flammen lodern Tag und Nacht

Verbrennung der Toten in Delhi: Die Flammen lodern Tag und Nacht

Foto: SOPA Images / SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Krankenwagen stehen Schlange vor den Notaufnahmen, und das orangefarbene Licht der Scheiterhaufen flackert am Nachthimmel: Was Amit Gupta, ein Mediziner aus Oxford, in seinem Gastbeitrag  auf dem Nachrichtenportal von »New Delhi TV« beschreibt, nennt er selbst »apokalyptisch«. Diese Szenen beschrieben jedoch nichts weiter als »die Tragödie«, die sich derzeit in Indien entfalte, »in einem Krankenhaus nach dem anderen, in einer Stadt nach der anderen«. Der Arzt ruft zu einem offiziellen Lockdown in ganz Indien auf – bisher gibt es dort nur Maßnahmen zur kleinräumigen Eindämmung der Pandemie. Angesichts der dramatischen Lage fragt Gupta: »Worauf warten wir noch?«

346.786 Fälle an nur einem Tag, in nur einem Land: Indien vermeldet einen weltweiten Höchstwert bei Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Und das nun den dritten Tag in Folge. Damit hat das südasiatische Land allein in den vergangenen drei Tagen rund eine Million Menschen als infiziert gemeldet.

Die Lage in den Krankenhäusern ist dramatisch. Denn angesichts der vielen Covid-19-Patienten ist die medizinische Versorgung an vielen Orten kaum noch gewährleistet. Mit einem flammenden Appell wandte sich bereits der Regierungschef für die Hauptstadtregion Delhi, Arvind Kejriwal, an Ministerpräsident Narendra Modi. »Bitte helft uns, Sauerstoff zu bekommen, sonst kommt es hier zu einer Tragödie.« Die indische Regierung setzt bereits Militärflugzeuge und Züge ein, um Sauerstoff aus verschiedenen Regionen im In- und Ausland nach Delhi zu bringen.

»Auch wenn die Zentralregierung uns hilft, ist die Coronalage so ernst, dass die verfügbaren Ressourcen nicht ausreichen«, schreibt Kejriwal auf Twitter, und er bittet die Regierungsverantwortlichen anderer Bundesstaaten, ihre übrigen Sauerstoffvorräte nach Delhi zu schicken.

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Wie es aussieht, wenn das Gesundheitssystem in dem nach Bevölkerung zweitgrößten Land der Welt an seine Belastungsgrenze kommt, zeigen Fernsehbilder. Die Stationen wirken überfüllt, ein TV-Beitrag  von DW News zeigte vor ein paar Tagen, wie sich Patienten in einem Krankenzimmer voller piepender Geräte eine Liege teilen. Die »Times of India« (TOI) teilt ein Foto von einem Gastankwagen, der in den Bauch einer Maschine der Indian Air Force geladen wird. Logistik, die Leben retten soll.

Der akute Mangel an Sauerstoff, der für die künstliche Beatmung der Erkrankten nötig ist, forderte in einer Klinik nun 20 Tote, schreibt die »Hindustan Times« . Eine zu geringe Sauerstoffzufuhr bei der Beatmung sei der Grund dafür gewesen, dass sie starben, gab das Jaipur Golden Hospital im Nordwesten von Neu-Delhi demnach bekannt. Die Vorräte seien schlicht aufgebraucht gewesen.

Im indischen Bundesstaat Maharashtra hat Sharad Pawar, Chef der Partei NCP, die Zuckerfabrikanten nun dazu aufgerufen, auf die Herstellung von Sauerstoff umzustellen, schreibt die »TOI« .

Temporäre Sauerstofffabrik – Indien bittet Bundeswehr um Hilfe

Die Bundesregierung prüft derzeit, wie man das Land im Kampf gegen das Coronavirus unterstützen kann. Ein Hilferuf ging nach SPIEGEL-Informationen vor einigen Tagen bei der Bundeswehr ein, ob die Truppe rasch eine temporäre Sauerstofffabrik errichten könnte. Auch Brasilien hat wegen der Sauerstoffknappheit eine ähnliche Bitte nach Berlin gesandt.

Während Entscheidungen in der Sache jeweils noch nicht bekannt sind, hat die Bundesregierung inzwischen angekündigt, Einreisen aus Indien zu stoppen. Ab Montag null Uhr dürften Deutsche aus Indien nur noch dann einreisen, wenn sie vor ihrem Abflug getestet wurden. Nach Ankunft müssen sie 14 Tage in Quarantäne gehen. Ausländer dürfen nicht mehr aus Indien nach Deutschland reisen.

Grund dafür ist die Furcht vor einer Verschärfung der Pandemie hierzulande durch die Coronavirus-Variante B.1.617. Bisher wurde die erstmals in Indien entdeckten Mutante zwar erst 21-mal in Deutschland nachgewiesen, wie das Robert Koch-Institut am Freitag mitteilte. Doch wie falsch langsames Handeln sein kann, hat sich in dieser Pandemie bereits gezeigt. »Die neu entdeckte Virusmutation in Indien besorgt uns sehr«, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Daher werde Indien kurzfristig zum »Virusvariantengebiet« erklärt. »Um unsere Impfkampagne nicht zu gefährden, muss der Reiseverkehr mit Indien deutlich eingeschränkt werden«, sagte Spahn am Samstag den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

»EU-Innenminister müssen schneller und konsequenter handeln«

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery befürwortet die Schutzmaßnahmen. »Die indische Mutationsvariante des Virus, die besonders ansteckend und besonders gefährlich sein soll, führt uns deutlich vor Augen, wie wichtig internationale Absprachen, konsequente Lockdown-Maßnahmen und Einschränkungen der Mobilität sind«, sagt Montgomery der »Rheinischen Post«.

Auch der Fraktionschef der konservativen Parteien im Europaparlament, Manfred Weber, hatte in der »Bild«-Zeitung die sofortige Einstellung aller Flugverbindungen zwischen Indien und der EU gefordert. »Diesmal müssen die EU-Innenminister schneller und konsequenter handeln und sofort ein vorübergehendes Verbot von Flügen aus Indien und Einreisebeschränkungen verhängen.« Insgesamt müsse die EU aufgrund der Dynamik der Coronapandemie besser und schneller im koordinierten Vorgehen werden, mahnte Weber. Er verwies darauf, dass Kanada und das Vereinigte Königreich bereits entsprechende Schritte eingeleitet hätten. Kuwait hat dies am Samstag bereits für alle direkten Flüge aus Indien angeordnet. Auch Iran stoppte Einreisen aus Indien.

Das Auswärtige Amt hatte bereits am Dienstag Deutsche in Indien, die nicht gegen Corona geimpft sind, aufgefordert, sie sollten »eine temporäre Rückkehr nach Deutschland bis zur Stabilisierung der medizinischen Versorgungslage« in dem Land erwägen.

2624 Todesfälle an einem Tag

Experten rechnen damit, dass der Höhepunkt der aktuellen Coronawelle frühestens in drei Wochen erreicht wird. Zudem gehen sie von einer hohen Dunkelziffer bei den Todesfällen und Infektionen aus. Insgesamt liegt die Zahl der Infizierten seit Pandemiebeginn nun bei 16,5 Millionen. Damit liegt Indien weltweit auf Platz zwei hinter den USA. Fast 190.000 Menschen in Indien starben an oder mit dem Virus. Am Samstag wurde mit 2624 Todesfällen binnen 24 Stunden nach Behördenangaben ein neuer Höchststand erreicht.

Experten halten die Zahlen jedoch für eine Verzerrung der Realität. Dies schreibt auch die »New York Times«  unter Berufung auf einen US-Epidemiologen von der University of Michigan. »Es ist ein Datenmassaker«, schreibt Bhramar Mukherjee. »Auf Basis all der Modellierungen, die wir gemacht haben, glauben wir, die wahre Zahl der Toten ist zwei- bis fünfmal höher als berichtet.« Das würde auch erklären, warum die Feuer in den völlig überlasteten Krematorien derzeit nicht mehr ausgehen. Suresh Bhai, Mitarbeiter in einem Krematorium im Bundesstaat Gujarat, sagte dem Bericht zufolge, er habe so eine Situation noch nie erlebt: Tote am laufenden Band.

Angesichts der dramatischen Lage in Indien mutet es seltsam an, dass sich bisher nicht alle Teile des Landes in einem absolut strikten Lockdown befinden. Wie die »Times of India« schreibt, schließt zum Beispiel der Bundesstaat Tamil Nadu erst ab Montag seine Kinos, Fitnessstudios und Bars.

Auf breite Lockdowns will Premierminister Narendra Modi möglichst verzichten. Vor einem Jahr hatte ein harter landesweiter Lockdown zur Massenwanderung von Millionen Wanderarbeitern aus den großen Städten in die Dörfer geführt, weil sie Angst hatten zu verhungern. Sie trugen damit auch das Virus in die Provinz.

Ein Gericht in der Metropole Delhi, zu der die Hauptstadt Neu-Delhi gehört, forderte die Regierung auf Initiative mehrerer Krankenhäuser zum Handeln auf. »Wie versuchen wir, Kapazitäten aufzubauen?«, fragte das Gericht an die Adresse der Regierung. Und mahnte: »Es ist ein Tsunami.«

Mit Material von Reuters und AFP

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