Indigene in Brasilien Die Viren der Weißen

Das Immunsystem der Indigenen ist besonders anfällig für globalisierte Seuchen, warnen ihre Anführer. Sie fordern, Goldgräber und Holzfäller aus ihrem Territorium zu verbannen.
Yanomami-Aktivisten fordern, in ihrem Territorium besser geschützt zu werden vor weißen Eindringlingen, Goldgräbern etwa oder Holzfällern

Yanomami-Aktivisten fordern, in ihrem Territorium besser geschützt zu werden vor weißen Eindringlingen, Goldgräbern etwa oder Holzfällern

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Peter Summers/ Getty Images

Das erste Mal, dass der 15-jährige Alvinei Xirixana bei einem Arzt vorstellig wurde, war am 17. März, drei Wochen vor seinem Tod. Xirixana, der dem Stamm der Yanomami angehörte, hatte sein Regenwalddorf im Norden Brasiliens verlassen und in der nahe gelegenen Stadt Alto Alegre die Notaufnahme eines Krankenhauses aufgesucht. Er klagte über ein Unwohlsein im Körper und hatte Fieber. Das diensthabende Personal verschrieb ihm auf Verdacht ein Medikament gegen Meningitis.

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Xirixana reiste weiter.

Am 20. März testeten ihn Ärzte in Boa Vista, der Hauptstadt des Bundesstaats Roraima, ergebnislos auf Malaria. Am 22. berichtete er ihnen von Schmerzen in den Muskeln. Ohne Befund, erfuhr Xirixana, könnte man nichts für ihn tun, und das Gleiche hörte er auch in einer Einrichtung für Indigene, wo er über Schmerzen im Bauch- und Nackenbereich geklagt hatte.

Xirixana reiste weiter.

Ein Taxi brachte ihn zunächst zurück ins Dorf Boqueirao, wo er seit einiger Zeit zur Schule ging. Dann stieg er in ein Boot und fuhr über den Rio Uraricoera tiefer in den Wald hinein. Im Dorf Helepe, wo er aufgewachsen war, stellten ihn seine Eltern einem Wunderheiler vor, aber Xirixanas Zustand besserte sich nicht. Das Fieber stieg. Er spürte Atemnot. Am 3. April rief das Personal einer am Fluss gelegenen Gesundheitsstation schließlich ein Flugzeug, das ihn zurück nach Boa Vista transportierte, aber die Hilfe kam zu spät.

Die Odyssee des Alvinei Xirixana endete am Abend des 8. April auf der Intensivstation des Allgemeinen Krankenhauses von Roraima, wo man ihn bei seinem dritten Aufenthalt zum ersten Mal auf Covid-19 testete. Auf dem Foto, das viele Zeitungen nach seinem Tod abdruckten, sah man einen Jugendlichen, der mit verträumtem Blick in einer Hängematte lag.

Der Fall weckt traumatische Erinnerungen

Xirixana war der erste im Wald lebende Indigene, der in Brasilien an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus starb. Nicht nur unter den Yanomami weckte sein Tod traumatische Erinnerungen an frühere Epidemien, die zahllose Stämme dramatisch dezimiert oder vollständig ausgerottet haben. In ganz Brasilien weisen die Anführer indigener Völker zurzeit verzweifelt darauf hin, dass ihre Immunsysteme den Viren der Weißen schutzlos ausgeliefert sind.

"Wir sind in Gefahr", heißt es in einem Kommuniqué der in Boa Vista sitzenden Yanomami-Vertretung Hutukara. "Es ist möglich, dass Eindringlinge, die in unserem Gebiet nach Gold suchen, dieses Virus einschleppen."

Es ist die große Frage, die sich die Yanomami stellen in diesen Tagen, in denen ganz Brasilien bereits 23 infizierte Indigene zählt: Wie hat sich Xirixana infiziert? Wie viele andere hat er angesteckt auf seiner wochenlangen Irrfahrt durch den Wald?

Um zu verhindern, dass ihre schlimmsten Befürchtungen Wirklichkeit werden, fordern die Yanomami nun, dass die Regierung ihre "Anstrengung verdoppelt". Sie verlangen, dass die Indianerschutzbehörde ihren Auftrag endlich ernst nimmt und all die weißen Goldgräber und Holzfäller, die sich in der Nähe ihrer Dörfer eingenistet haben, aus ihrem Territorium verbannt. Das Problem ist, dass diese Behörde heute auf das Kommando eines Mannes hört, der ein erklärter Feind der Indigenen ist.

"Wir haben zwei Feinde, wir kämpfen gegen das Virus und einen Völkermörder."

Für Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro sind die Ureinwohner seines Landes etwas, das der Vergangenheit angehört, nicht der Gegenwart. Mit ihren Anliegen und Rechten, glaubt er, sollte man abschließen, um die immensen Flächen, die sie besetzen, für die Bergbau- oder Agrarindustrie zu öffnen. "Absurd, wie viele Reichtümer in ihrem Boden liegen", sagte Bolsonaro im vergangenen Jahr über das Gebiet der Yanomami. Dann kündigte er an, diese Schätze gemeinsam "mit ein paar Konzernen aus der Ersten Welt" zu heben.

Holzschlag im Amazonas-Gebiet: Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro hält wenig vom Schutz des Regenwaldes

Holzschlag im Amazonas-Gebiet: Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro hält wenig vom Schutz des Regenwaldes

Foto: Felipe Werneck/ AP

Auch aufgrund von Aussagen wie dieser glauben heute viele Indigene, dass Bolsonaro das Coronavirus als willkommenen Verbündeten betrachtet, der ihn in der Indianersache schneller an sein Ziel bringt. Anders jedenfalls können sie sich die Gleichgültigkeit des Präsidenten nicht erklären.

"Wir haben zwei Feinde, wir kämpfen gegen das Virus und einen Völkermörder, der unsere Kultur nicht respektiert", so sagt es Dario Kopenawa, ein junger Mann, der als Vizepräsident der Organisation Hutukara dieser Tage nur schwer zu erreichen ist. Mehrere Stunden am Tag kommuniziert Kopenawa über den Radiofunk mit den Kaziken in den Dörfern. Bleibt im Wald, schärft er ihnen ein. Covid-19 ist gefährlich. Selbst die Weißen sterben gerade vor Angst.

Von Xirixana, sagt Kopenawa, habe er erst gehört, als er schon im Krankenhaus gelegen habe. In sein Dorf Helepe wurden 70 Tests geschickt, aber Gott sei Dank, sagt Kopenawa, gehe es allen gut. Er betet, dass es so bleibt. Die Familien der Yanomami leben in runden, um einen großen Innenhof herum gebauten Gemeinschaftshäusern auf engstem Raum zusammen. Sie teilen Töpfe oder Schüsseln. In einer Kultur des Kollektivs kann sich das Virus leicht verbreiten.

Auf 25.000 habe sich die Zahl der Eindringlinge im letzten Jahr verdoppelt

Neun Millionen Hektar umfasst das im Grenzgebiet zu Venezuela gelegene Yanomami-Territorium. Es entspricht etwa der Größe Portugals. 26.000 Menschen verteilen sich darin auf 380 Dörfer, in denen die Älteren den Jungen jetzt davon erzählen, wie es war, als in den Siebzigerjahren die Bulldozer anrückten, um im Auftrag der Regierung eine Perimetral Norte genannte Nord-Süd-Achse durch ihren Wald zu schlagen. Mit den Arbeitern kam die Grippe, die Tuberkulose, die Malaria. Einer wie der 82-jährige italienische Missionar Carlo Zacquini, der die Yanomami seit mehr als einem halben Jahrhundert begleitet, sagt, dass ihn die Bilder noch heute in den Schlaf verfolgen: wie sie in Panik vor ihm wegrannten. Wie ganze Dörfer plötzlich im Busch verschwanden.

Die Indigenen vom Volk der Yanomami leben auf einem Territorium so groß wie Portugal. Sie fürchten das Coronavirus besonders, denn die Weißen haben schon Grippe und Tuberkulose eingeschleppt.

Die Indigenen vom Volk der Yanomami leben auf einem Territorium so groß wie Portugal. Sie fürchten das Coronavirus besonders, denn die Weißen haben schon Grippe und Tuberkulose eingeschleppt.

Foto: STRINGER Brazil/ REUTERS

In mehreren Siedlungen entlang der Strecke radierten die neuen Krankheiten ein Fünftel der Bevölkerung aus. Als kurz darauf die ersten Goldsucher über die neue Straße einfielen, töteten die Masern jeden sechsten Yanomami. Auf bis zu 40.000 Mann, schätzt Zacquini, wuchs die Zahl der Invasoren damals, und es besserte sich erst, als die Grenzen ihres Territoriums Anfang der Neunzigerjahre offiziell demarkiert wurden. Es gab nun Kontrollen. Die Behörden verhängten Strafen oder Bußgelder, wenn jemand illegal die Grenze überquerte, und wenn sie einen Trupp von Goldsuchern auf frischer Tat ertappten, dann zerstörten sie ihre Geräte.

Nach und nach verschwanden die Weißen aus ihren Gebieten. Erst mit Bolsonaro kamen sie wieder zurück. Auf 25.000 habe sich die Zahl der Eindringlinge im letzten Jahr verdoppelt, sagt Kopenawa.

Auf der Facebook-Seite seiner Organisation kann man Videos anklicken, die sie bei Überflügen aus dem Hubschrauber gedreht haben. Darauf erkennt man die blauen Zeltplanen der Goldsucher, die sich entlang der Flüsse aufreihen. Die riesigen, türkis schimmernden Tümpel, die im Hinterland der Ufer nach dem Auswaschen des Goldes übrig bleiben. Die Landepisten, die sie in den Dschungel geschlagen haben. Satellitenbilder stützen, was Kopenawa sagt. Aus ihnen geht hervor, dass die Abholzung des Waldes im Gebiet der Yanomami im vergangenen Jahr um 80 Prozent zugenommen hat.

Das Problem ist, dass die Goldsucher oft nur wenige Kilometer entfernt von den Yanomami siedeln. Diese Nähe ist gefährlich.

Viele Flüsse im Gebiet der Yanomami sind heute durch Schwermetalle verseucht. Die Fische, von denen sich die Menschen ernährten, sind aus ihnen verschwunden. Dazu hat eine Studie des Forschungsinstituts Fiocruz ermittelt, dass 92 Prozent der Yanomami eine erhöhte Konzentration von Quecksilber im Blut haben, was erklären könnte, warum die Zahl der Krebserkrankungen in den letzten Jahren stark gestiegen ist.

Die Zerstörung der Natur und ihre Folgen für die Gesundheit sind dabei nur ein Aspekt der Nähe. Der andere ist der Kontakt. Die Nichtregierungsorganisation Instituto Socioambiental, die seit einigen Jahren den Raubbau im Amazonas-Gebiet dokumentiert, berichtet auf ihrer Website von einem Treffen im vergangenen November, zu dem sich 120 Yanomami-Führer versammelt hatten, Männer, deren Stämme früher Kriege gegeneinander geführt haben und die nun zusammenrücken angesichts eines gemeinsamen Feinds. Viele dieser Kaziken, heißt es, hätten sich darüber beklagt, dass die Goldsucher mit Schnaps und Drogen in ihre Dörfer kämen. Dass sie über die Mädchen herfielen und versuchten, die jungen Männer als Komplizen zu gewinnen. Nicht ausgeschlossen, dass auch das Corona-Opfer Xirixana Kontakt mit einem dieser Leute hatte. Das Dorf, in dem er lebte, liegt an einer Stelle, die viele Goldsucher auf dem Weg zu ihren Camps im Wald passieren.

Kontrollen nicht erwünscht

Die Frage ist, welche Schlüsse die Regierung daraus zieht. Eigentlich müsste sie jetzt etwas tun, um die Isolation der Indigenen in ihren Territorien zu garantieren, aber kaum jemand glaubt, dass dies geschehen wird.

Die Gründe dafür stehen in einem weiteren, vom Instituto Socioambiental erstellten Bericht, den Kopenawas Vater vor wenigen Wochen persönlich bei der UN-Menschenrechtskommission in Genf einreichte. Was auf diesen 30 eng bedruckten Seiten beschrieben wird, ist die systematische Abwicklung einer im Wesentlichen funktionierenden Politik, die die Rechte und den Lebensraum der Indigenen schützt.

Seit Bolsonaro dem Anwalt Ricardo Salles das Umweltministerium anvertraut hat, schreiben die Verfasser des Berichts, diene das Haus den "rückständigsten Sektoren der Großgrundbesitzer". Salles schleuste Vertraute der Agrarlobby auf Schlüsselstellen, er strich das Referat für Klimafragen und kürzte die Etats der Umweltschutzbehörden. In der Indigenenschutzbehörde Funai, die heute auf das Kommando eines ehemaligen Polizeichefs hört, wurden so viele Mitarbeiter aus dem Dienst entlassen, dass die Arbeit "praktisch zum Erliegen" kam. Im Territorium der Yanomami löste die Funai unter anderem drei Schutztrupps auf, die an strategisch gelegenen Orten darüber wachten, wer in das Indigenen-Gebiet eindringt.

Die Abteilung für isoliert lebende Völker untersteht seit Anfang dieses Jahres einem radikalen evangelikalen Missionar, der sich dafür einsetzt, den todbringenden Kontakt mit diesen Stämmen zu erzwingen. Goldsucher und Holzfäller werden für ihre Straftaten kaum noch zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: In der vergangenen Woche sendete das Fernsehen Bilder von einem Einsatz, bei dem die Mitarbeiter einer Umweltbehörde ein paar Bulldozer in Brand setzen, die illegalerweise in ein Indigenengebiet eingedrungen waren. Sie taten, was das Gesetz verlangt. Tags darauf ihr Vorgesetzter vor die Tür gesetzt.

Das ist also die Lage.

In den Schubladen der Ministerien liegen bereits heute 534 Anträge für geologische Studien, die allein das Yanomami-Territorium betreffen. Während die Firmen ungeduldig darauf warten, dass die Verfassung umgeschrieben wird, hocken die Eltern des jungen Xirixana allein mit ihrer Trauer isoliert in einer Yanomami-Herberge in Boa Vista. Eigentlich wollten sie, wie es Sitte ist, den Leichnam ihres Sohnes mit in den Wald nehmen, um ihn nach ihren Ritualen zu bestatten, aber selbst dies ist nicht mehr möglich. Am Tag nach seinem Tod begrub man ihn auf einem öffentlichen Friedhof.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.