Fotos: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

Rettung von Indonesiens Hauptstadt und Megacity Ein simpler, aber genialer Plan für Jakarta

Jakarta versinkt im Meer, leidet unter Stau und Müll. Die indonesische Regierung baut daher eine neue Stadt. Doch eine Architektin will ihre Heimat retten – die Idee ist ein Vorbild für andere von der Klimakrise bedrohte Städte.
Aus Jakarta berichten Maria Stöhr und Muhammad Fadli (Fotos)
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Beim Landeanflug ist Jakartas größtes Problem schon aus der Luft zu erkennen. Wie das Meer sich in die küstennahen Viertel der Stadt frisst, Stück um Stück Land untergeht im Wasser. Man kann sogar die große Mauer sehen, die, als Schutz gegen die Fluten, vor der Küste in den Boden gerammt worden ist, um dem Wasser Einhalt zu gebieten.

Video: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

Hier in Jakarta, auf der Insel Java gelegen, leben offiziell zehn Millionen Menschen. Zählt man die Außendistrikte dazu, beträgt die Einwohnerzahl 20 bis 30 Millionen. Doch dieser Ort, den so viele ihr Zuhause nennen, Hauptstadt Indonesiens, Zentrale eines Landes mit Zehntausenden Inseln und insgesamt 270 Millionen Einwohnern, kämpft um sein Überleben. Zu viele Menschen, zu viel Verkehr, Müll, Luftverschmutzung – gepaart mit Folgen der Klimakrise: steigende Meeresspiegel, unvorhersehbarer Regen.

Nordjakarta

An einem frühen Montagmorgen im Oktober kehren Hochseefischer nach sechs Monaten auf See in den großen Industriehafen im Norden der Stadt zurück. Die Männer steigen aus rot und blau gestrichenen Booten, sie tragen Gummistiefel und Handschuhe, Zigarette im Mund, und entladen tiefgefrorenen Thunfisch, Barrakuda, Blauen Marlin, Speerfisch.

Jakarta ist eine Stadt, in der die Menschen schon immer mit und vom Wasser gelebt haben, vom Fischfang, als Verkäuferin von getrockneten Makrelen, als Arbeiter in den Werften. Doch zu spät hat die indonesische Regierung verstanden, dass das Wasser längst nicht mehr nur das Überleben sichert, sondern die Stadt ernsthaft bedroht.

Kartinem lebt in einer Bambushütte auf Stelzen im Wasser. Sie verkauft getrockneten Fisch.

Kartinem lebt in einer Bambushütte auf Stelzen im Wasser. Sie verkauft getrockneten Fisch.

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL
Fischer zerlegen Schwertfisch in Jakartas Industriehafen

Fischer zerlegen Schwertfisch in Jakartas Industriehafen

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

Jakarta liegt in einem Delta, seine Topografie ist flach, 40 Prozent befinden sich unterhalb des Meeresspiegels. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Stadt stark gewachsen, es leben doppelt so viele Menschen  dort wie noch im Jahr 1975 – die Infrastruktur hielt nicht Schritt: Trink- und Abwassersysteme erreichen einen Großteil der Menschen nicht, die Mehrheit hat kein fließendes Wasser, pumpt deshalb Grundwasser ab. Die Folge: Der Boden, schlammig und weich, senkt sich ab, um zehn bis 15 Zentimeter pro Jahr. Zugleich steigt durch den Klimawandel der Meeresspiegel. Es gibt Prognosen, nach denen im Jahr 2050 95 Prozent von Nordjakarta unter dem Meeresspiegel liegen könnten. Die Stadt zählt wie andere Millionenstädte in Südostasien, Bangkok, Singapur, Manila, Saigon, zu den am schnellsten sinkenden Städten der Welt.

Seit einigen Jahren gibt es die kilometerlange Flutmauer aus Beton, dreimal ist sie schon erhöht worden. Es werden Dämme, große Pumpen, Rückhaltebecken gebaut. Doch sie können nicht mehr sein als ein Provisorium.

Kinder klettern auf einen der Dämme, die das Viertel Muara Baru vor den Fluten schützen sollen. Dahinter liegt direkt die Jakarta Bay.

Kinder klettern auf einen der Dämme, die das Viertel Muara Baru vor den Fluten schützen sollen. Dahinter liegt direkt die Jakarta Bay.

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL
Erst Anfang November gab es wieder Überflutungen in vielen Teilen Jakartas, wie hier im Norden, im Viertel Muara Baru

Erst Anfang November gab es wieder Überflutungen in vielen Teilen Jakartas, wie hier im Norden, im Viertel Muara Baru

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

In dieser Geschichte besuchen wir die, die von den Überschwemmungen und dem Wandel der Megacity Jakarta am meisten betroffen sind. Wir treffen auch die, die die Prognosen vom Untergang ihrer Stadt nicht mehr hören können. Die sich auf die Suche gemacht haben nach Lösungen.

Wer die Zerstörungen sehen möchte, die das Wasser anrichtet, kann nach Muara Baru gehen, einen der ältesten Stadtteile, im Norden gelegen. Bis zu 20 Zentimeter pro Jahr gibt der Boden dort nach. Man erkennt das mit bloßem Auge, wenn man durch die Straßen und Gassen geht. Ältere Häuser liegen inzwischen oft mehr als einen Meter tiefer als die neueren Gebäude, Treppen führen nach unten, um zu den Haustüren zu gelangen: Was einmal das Erdgeschoss war, ist nach unten in die Erde gerutscht, auf Kellerniveau. Jedes Jahr, wenn der Regen kommt, steht hier das Wasser bis zu zwei Meter in den Wohnungen, erst neulich wieder, Anfang November. Viele Menschen lagern deshalb ihre Kühlschränke und Elektrogeräte erhöht, auf Hockern, Brettern, Tischchen.

Jakarta ist durchzogen von mehr als 15 Flüssen und Kanälen. Direkt an den Flüssen stehen die Hütten der ärmeren Bevölkerung; schwillt der Fluss an, sind ihre Siedlungen die ersten, die mit den Fluten umgehen müssen.

Im Viertel Poncol lebt Irma, 65 Jahre, mit ihrer Tochter Ita, 36. Irma hat vor 15 Jahren Land direkt am Fluss Krukut gekauft. Sie habe damals schon gewusst, dass es überschwemmungsgefährdet sein würde. »Aber ich konnte mir nichts anderes leisten.« Das Viertel mit den Gässchen, Müll auf den Wegen, wo Warane und Katzen um Essensreste kämpfen, liegt direkt gegenüber dem teuren Marriott Hotel auf der anderen Flussseite.

Augustines Gefühl trügt nicht: Die Gewässer Jakartas sind verschmutzt von Fäkalien und Müll, alles wird ins Wasser geleitet. Fischer erzählen, dass sie früher mit ihren kleinen Booten raus vor die Küste gefahren und jeden Tag mit 20 Kilo Fang zurückgekommen seien. Dass sie heute gerade mal drei Kilo fangen, wenn es gut läuft.

Und die Probleme hören nicht beim Wasser auf: Die Stadt wächst und wächst und wächst, der Verkehr ballt sich, etwa die Hälfte der Bevölkerung pendelt täglich in die Innenstadt zur Arbeit. Viele verbringen pro Tag drei, vier Stunden im Auto; sie stehen mitten in der Nacht auf, um trotz Staus pünktlich im Büro zu sein. Der öffentliche Nahverkehr wird ausgebaut, aber das Netz ist immer noch so lückenhaft, dass die meisten nicht auf ihr Auto verzichten können.

In den U-Bahnen und auf Jakartas Straßen ballen sich am frühen Morgen und ab dem späten Nachmittag Menschenmassen

In den U-Bahnen und auf Jakartas Straßen ballen sich am frühen Morgen und ab dem späten Nachmittag Menschenmassen

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL
Vier Stunden Stau pro Tag – für viele in Jakarta Alltag

Vier Stunden Stau pro Tag – für viele in Jakarta Alltag

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

Das schlägt sich auf die Luftqualität in der Stadt nieder. Im vergangenen Juni wurde Jakarta als die am stärksten luftverschmutzte Stadt der Welt  eingestuft. Schadstoffwerte, die Asthma und Hautkrankheiten verursachen, lagen im Juni 27 Mal über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation . In einem bahnbrechenden Urteil  entschied ein Gericht in Jakarta im vergangenen Jahr, die Regierung verwehre ihren Bürgerinnen und Bürgern das Recht auf saubere Luft.

Ab wann ist eine Stadt nicht mehr lebenswert? Ab wann muss man gehen?

Sidik Pramono sagt: »Die Belastung für alle, die in Jakarta leben, ist hoch.« Pramono ist Sprecher der New Capital Authority, jener Behörde, die dafür zuständig ist, ein irres Projekt umzusetzen: den Bau einer neuen Hauptstadt.

Pläne für das Projekt liegen seit Jahrzehnten in den Schubladen, der aktuelle Präsident Joko Widodo ist es angegangen. Nusantara soll die Stadt heißen, 1,5 Millionen Einwohner haben und auf der Nachbarinsel Borneo angesiedelt sein, wo es, im Gegensatz zu Jakarta, keine Erdbeben und keine Überschwemmungen gibt.

Derzeit wird mit großen Maschinen Agrarwald gerodet, die Bauarbeiten hinken im Zeitplan hinterher, doch Widodo hat angekündigt: 2024 soll die Regierung umziehen, soll das Zentrum der Stadt fertig sein.

In einem Café in Jakarta erzählt Pramono von erneuerbaren Energien, vor allem aus Solar- und Windtechnik, aus der in Nusantara künftig der Strom bezogen werden soll. Von Nachhaltigkeit, von grünen Parks. Dass alles in der Stadt in zehn Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein soll. Es klingt wie eine Wiedergutmachung vom Moloch Jakarta.

Kritiker sagen: Um die Stadt aus dem Boden zu stampfen, müsse die Natur weichen. Die Regierung habe Schwierigkeiten bei der Finanzierung, gerade jetzt, in Zeiten von Krisen und Währungsverfall; dass sich Präsident Widodo ein Denkmal setzen möchte.

»So eine neue Hauptstadt bringt der aktuellen Hauptstadt nichts«, sagt Elisa Sutanudjaja. Sie ist Architektin in Jakarta und kritisiert, das Projekt sei elitär, die meisten Bürger von Jakarta würden ja nicht mitziehen in die neue Stadt. »Die bleiben an diesem Ort zurück. Für sie sollte die Regierung Geld in die Hand nehmen.« Anfangs sollen nur etwa 200.000 Menschen umziehen nach Nusantara. Das wäre, wenn man von 20 Millionen Bürgern in der alten Hauptstadt ausgeht, gerade einmal ein Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen Jakartas.

Sutanudjaja ist eine von denen, die ihre Heimatstadt nicht aufgeben wollen. Sie sagt: »Wir müssen kreative Lösungen finden und uns an die neuen Realitäten anpassen.« Anpassen, wieder einmal.

Wer die Stadt retten will, findet Sutanudjaja, muss bei denen anfangen, die den Katastrophen am meisten ausgesetzt sind. »Das sind die Armen in der Stadt.« Wie das gehen kann, beweist die Architektin mit einem Hausprojekt. Im Jahr 2016 wurden das Quartier Akuarium im Norden Jakartas von den Behörden geräumt, die Bewohner an den Rand der Stadt vertrieben, man bot ihnen dort Sozialwohnungen an. Das alte Quartier sei zu stark von den Überschwemmungen betroffen, so die Begründung; die Hütten illegal gebaut.

Doch Menschen, die ihr ganzes Leben in einstöckigen kleinen Häuschen gelebt haben, erklärt die Architektin, Leute, die eine starke Gemeinschaftsstruktur gewohnt sind, mitten in der Stadt, können sich mit abgetrennten Hochhauswohnungen, in denen es keine Orte zum Treffen gibt, kaum anfreunden.

Die Architektin protestierte mit den Anwohnerinnen vor dem Präsidentenpalast gegen die Vertreibung. Präsentierte einen Gegenvorschlag: Gemeinsam mit den Betroffenen plante sie Wohnblöcke, je vier Stockwerke, insgesamt 241 Apartments. Und zwar an der Stelle, von wo die Menschen vertrieben worden waren – in ihrem alten Quartier.

Die Architektin Elisa Sutanudjaja geht mit ihrem Hausprojekt neue Wege. Sie will damit Vorbild sein für andere kreative Projekte, die das Ziel haben: Jakarta zu retten.

Die Architektin Elisa Sutanudjaja geht mit ihrem Hausprojekt neue Wege. Sie will damit Vorbild sein für andere kreative Projekte, die das Ziel haben: Jakarta zu retten.

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Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

Die Wohnblöcke aus Sutanudjajas »vertikalem Dorf«

Die Wohnblöcke aus Sutanudjajas »vertikalem Dorf«

Foto: Muhammad Fadli / DER SPIEGEL

»Ja, auch wir haben am Ende Hochhauswohnungen gebaut. Aber der Unterschied war: Wir haben uns mit den Anwohnern zusammen hingesetzt. Haben ihnen erklärt, dass ihre Hütten durch die Überschwemmungen in Zukunft kein guter Ort zum Leben mehr sein werden«, sagt Sutanudjaja. Um den Menschen den Klimawandel zu beschreiben und was er mit ihrem Leben zu tun hat, müsse man eine Sprache benutzen, die die Menschen verstehen. Denn bewusst ist hier den wenigsten, warum das Wasser immer häufiger immer höher steigt.

Die Häuser sind widerstandsfähig gegen die Fluten gebaut, die Wohnungen liegen alle über den Flutpegeln. Und sie sind – dem Leben im alten Quartier nachempfunden – gemeinschaftlich organisiert. Es gibt breite Flure, wo man sich treffen kann. Einer hat vor seiner Wohnung einen Kiosk eingerichtet. Zwei Mütter sitzen vor ihren Wohnungen mit den Kindern. Im Erdgeschoss befindet sich eine Wäscherei für alle Bewohner, Versammlungsräume, eine Bibliothek. Die Baukosten lagen bei etwa vier Millionen US-Dollar, finanziert durch einen Fonds von Immobilienfirmen und Stiftungen.

Alle im Haus kümmern sich gemeinsam um den Putzdienst. Elisa Sutanudjaja nennt es das »vertikale Dorf«. Die Bewohner sind in einer Genossenschaft organisiert. Sie zahlen eine kleine Miete, umgerechnet zehn Euro im Monat, ein Teil davon für Rücklagen, um künftige Flutschäden an den Gebäuden reparieren zu können.

»Politiker müssen verstehen, dass sie nicht über den Kopf der Menschen hinweg Entscheidungen treffen können. Menschen einfach gegen ihren Willen woandershin verfrachten, das kann nicht funktionieren«, sagt Sutanudjaja. »Jakarta, die Viertel, die Quartiere, das alles ist ihre Stadt. Sie sind hier zu Hause.«

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Wenn man Elisa Sutanudjaja fragt, ob es das geben kann: eine Zukunft für Jakarta, dann wird ihre Stimme laut. »Die Menschen in Jakarta sind doch keine Opfer. Sie sind widerstandsfähig, wandlungsfähig, sie lernen.«

Und dann sagt sie noch etwas. Nämlich, dass das, was in dem Hausprojekt im Kleinen funktioniert, auch in Jakarta und im Großen möglich sei. Auch an anderen Orten in der Welt. Klartext mit den Menschen zu reden, was durch die Klimakrise auf sie zukommen wird. Sie einbeziehen: Was machen wir daraus? Was können wir verhindern? Und wo müssen wir reagieren? Und dann: gemeinsam loslegen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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