Irak nach dem IS »Ihr habt 24 Stun­den, euch eine neue Bleibe zu su­chen«

Der Irak will seine Lager für Binnenflüchtlinge schließen. Die Menschenrechtlerin Belkis Wille warnt: Mit einem Schlag könnten Zehntausende obdachlos werden.
Ein Junge und sein Drachen in einem Camp nahe Erbil: Die Erinnerung an die Verbrechen ist nicht verblasst

Ein Junge und sein Drachen in einem Camp nahe Erbil: Die Erinnerung an die Verbrechen ist nicht verblasst

Foto: THOMAS COEX/ AFP

Die Terrorherrschaft des IS im Irak ist seit rund drei Jahren zu Ende. Die Erinnerung an seine Verbrechen ist bis heute nicht verblasst. Die Männer des IS vergewaltigten und entführten Zehntausende Frauen und Mädchen. Sie brachten Kindern bei, wie man Menschen enthauptet, schändeten Kirchen und erschossen unschuldige Männer.

Etliche Iraker, die zwi­schen 2014 und 2017 vom IS ver­trie­ben worden sind, haben sich inzwischen wieder ein Leben aufgebaut. Zehntausenden anderen ist das nicht gelungen, sie leben bis heute in Flüchtlingscamps. Im Oktober hat der ira­ki­sche Pre­mier Mu­stafa Al-​Kad­himi angekündigt, 17 dieser Camps zu schließen. Mehr als zehn hat er bis Dezember bereits aufgelöst, rund 30.000 Menschen mussten ihre Zelte verlassen, darunter vor allem Frauen und Kinder. Bis 2021 soll die Schließung komplett sein.

Foto: HRW

Belkis Wille ist Senior Researcher bei Human Rights Watch. Sie berichtet seit Anfang 2016 für die Menschenrechtsorganisation über den Irak. Wille hat sich eingehend mit Missbrauch unter dem IS und nach dem IS auseinandergesetzt und sich mit den kollektiven Bestrafungsmaßnahmen befasst, denen Familien mit vermeintlicher IS-Zugehörigkeit durch die Regierung und lokale Gemeinschaften ausgesetzt sind. 

SPIE­GEL: Frau Wil­le, warum schließt die ira­ki­sche Re­gie­rung jetzt die Flücht­lings­camps?

Wil­le: Die Re­gie­rung kün­digt dies an, seit der Kampf gegen den IS zu Ende ge­gan­gen ist. Sie will das Flüchtlingskapitel schließen, weil sie denkt: Ein Land, das Menschen in Camps beherbergt, hat mit dem Krieg nicht abgeschlossen. Vor den Wahlen im Jahr 2018 gab es schon einmal das Bestreben. Der Versuch scheiterte damals, weil die Lage zu in­sta­bil war. Im Juni 2021 ste­hen er­neut Wahlen an. Die Schließung der Camps ist Teil eines vorgezogenen Wahlkampfs. Man will den Bürgern zeigen, dass man sich um die Reintegration der vertriebenen Familien bemüht.

SPIE­GEL: Ist die Auf­lö­sung der Camps denn sinn­voll?

Wil­le: Wir machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass diese Camps wie Freiluftgefängnisse sind. Die Menschen darin haben keinen Zugang zu zivilrechtlichen Dokumenten, sie können ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Haben keine Arbeit. Die Bewohner sind praktisch von der Gesellschaft abgeschnitten. Die Regierung sieht diese Camps als Nährboden der Radikalisierung, vor allem in Hinblick auf die Kinder, die seit vier Jahren darin leben. Die Auflösung ist nicht per se schlecht, aber die Herangehensweise ist problematisch. Die Re­gie­rung sollte sich die Si­tua­tion jeder einzelnen Fa­mi­lie an­schau­en und sicherstellen, dass ein jeder und eine jede Zugang zu Obdach und Nahrung hat, an­statt zu sa­gen: Ihr habt 24 Stun­den Zeit, euch eine neue Bleibe zu su­chen.

SPIE­GEL: Erzählen Sie uns mehr über die Bewohner der Camps.

Vater und Sohn in der irakischen Stadt Balad: Von der Gesellschaft abgeschnitten

Vater und Sohn in der irakischen Stadt Balad: Von der Gesellschaft abgeschnitten

Foto: AMINA ISMAIL / REUTERS

Wil­le: Durch den IS wur­den Mil­lio­nen Men­schen ver­trie­ben, die zunächst Zuflucht in diesen Camps fanden. Die meis­ten sind inzwischen zu­rück­ge­kehrt. Jene, die noch in den Camps le­ben, sind entweder so arm, dass sie sich in ihren teilweise immer noch zerstörten Heimatorten nicht über Wasser halten könnten. Oder sie sind in ihren ehemaligen Dörfern unerwünscht, weil sie durch den Vater, Ehemann oder Söhne echte oder ver­meint­li­che Ver­bin­dun­gen zum IS haben. In ihren Heimatorten leben etliche Menschen, die sich als Opfer des IS sehen. Diese Menschen würden womöglich getötet, wenn sie dorthin zurückkehren. Einige, die es gewagt haben, bekommen mitten in der Nacht als Warnung eine Granate in ihren Garten geworfen. Die Regierung hat für die Versöhnung im Land nach dem Niedergang des IS so gut wie nichts getan.

SPIE­GEL: Sie sagen, diese Menschen seien nicht in ihrer Heimat willkommen, weil sie »ver­meint­li­chen Ver­bin­dun­gen« zum IS hätten. Was heißt das?

Listen mit Namen von IS-Kollaborateuren

Wil­le: Die ira­ki­sche Re­gie­rung ver­langt von Bür­gern aus be­stimm­ten Ge­bie­ten, in denen es terroristische Aktivitäten gab, einen Be­leg, dass sie nicht in diese Aktivitäten ver­wi­ckelt waren. Dieser Beleg ist gewissermaßen ein Stempel, der aber für alle weiteren Zer­ti­fi­kate ge­braucht wird – von Hei­rats­pa­pie­ren über Todesscheine bis zu Ge­burts­ur­kun­den. Auch für Sozialleistungen braucht man einen solchen Stempel.

SPIE­GEL: Und dieser Stempel ist so schwer zu bekommen?

Wil­le: Als die Men­schen vor dem IS flo­hen, er­stell­ten Si­cher­heits­leute Lis­ten mit Hunderttausenden Namen von IS-​Kol­la­bo­ra­teu­ren. Sie fragten die Fliehenden, wer in ihrem Dorf mit dem IS zusammengearbeitet hat. Natürlich passierte es auch, dass Menschen auf diesen Listen landeten, die bloß der Nach­bar nicht lei­den konn­te. Oder deren Nachbar fälschlicherweise dachte, dass sie mit dem IS kollaborieren. Die An­ge­hö­ri­gen dieser Menschen sind heute gebrandmarkt. Eine Frau, deren Ehemann auf dieser Liste steht, wird von den Behörden keinen Sicherheitsstempel bekommen. Damit erhält sie keine Geburtsurkunde und kann ihr Kind später auch nicht zur Schule schicken. Die irakische Regierung beginnt mit der Schließung der Camps zum Glück auch, die Hürden für Sicherheitsstempel abzubauen.

SPIE­GEL: Etwa 30.000 Menschen mussten die Camps bereits verlassen. Wohin gehen sie?

Wil­le: Die meisten, mit denen wir in den vergangenen Wochen gesprochen haben, ziehen in eine Großstadt, wo sie sich anonym einfügen können. Etwa nach Mossul. Die Ärms­ten der Armen schla­gen dort ihre Zelte in der Alt­stadt auf, die noch nicht wieder aufgebaut ist. Sie müssen betteln, um zu überleben. Ei­nige zie­hen auch in die we­ni­gen Camps in anderen Landesteilen, die noch offen sind.

Menschen auf der Flucht vor dem IS, 2016: Sehr schwere Traumata

Menschen auf der Flucht vor dem IS, 2016: Sehr schwere Traumata

Foto: Chris McGrath/ Getty Images

SPIE­GEL: Der IS ist seit 2017 weit­ge­hend be­siegt. Wie sieht es heute in sei­nen ehe­ma­li­gen Herr­schafts­ge­bie­ten aus?

Wil­le: Das kommt ganz auf die Region an. Ob­wohl Mos­sul eines der Zen­tren des IS war, ist die Lage dort heute sehr sta­bil. Seit die Stadt 2017 zurückerobert wurde, hat es so gut wie keine neuen IS-Attacken gegeben. Dann gibt es Wüs­ten­ge­bie­te, die für die ira­ki­sche Armee schwie­riger zu kon­trol­lie­ren sind. Dort gibt es noch vereinzelte Attacken. Ge­ne­rell hat der IS keine Ka­pa­zi­tät mehr, Land zu hal­ten, und kann nur noch sehr begrenzt Angriffe fahren. Der Wiederaufbau der zerstörten Städte läuft, auch wenn er wegen fehlender Gelder länger dauert als ursprünglich gedacht.

SPIE­GEL: Der formale Wiederaufbau ist natürlich nicht alles. Wie geht es den Menschen, die schlimmste Verbrechen durch den IS erlebt haben, heute psychisch?

Wil­le: Nach sehr, sehr vielen Gesprächen mit Menschen, die für Jahre unter dem IS leben mussten, kann ich sagen: Viele von ihnen leiden unter sehr schweren Traumata, vor allem die Kinder. Und es gibt für sie in den Camps, und auch außerhalb, so gut wie keine Unterstützung.