Gefechte in der Grünen Zone »Dies ist keine Revolution«

Nach dem Rücktritt von Muktada al-Sadr eskalieren Proteste seiner Anhänger. Der Schiitenführer rief nun dazu auf, das Blutvergießen zu beenden.
Anhänger Muktada al-Sadrs im Regierungspalast

Anhänger Muktada al-Sadrs im Regierungspalast

Foto: Hadi Mizban / dpa

Der politische Konflikt im Irak ist in der Nacht zu Dienstag in Gewalt umgeschlagen. Videos zeigten die Miliz Saraja al-Salam des einflussreichen Schiitenführers Muktada al-Sadr, die sich in der sogenannten Grünen Zone in Bagdad mit irantreuen Milizen schwere Kämpfe liefert. Dabei waren lange Feuersalven zu hören. Mindestens elf Menschen seien getötet und 160 weitere verletzt worden, hieß es aus medizinischen Kreisen. Die Nachrichtenseite Al-Sumaria berichtete von 15 Toten und 350 Verletzten. Die Kämpfe gingen am Dienstagmorgen trotz einer Ausgangssperre teils weiter.

Al-Sadr forderte seine Anhänger am Dienstag auf, ihre Proteste im Zentrum Bagdads aufzugeben, und entschuldigte sich beim irakischen Volk. »Dies ist keine Revolution (mehr), weil sie ihren friedlichen Charakter verloren hat«, sagte Sadr in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache. »Das Vergießen von irakischem Blut ist verboten«, fügte er hinzu.

In der rund zehn Quadratkilometer großen und eigentlich hochgesicherten Grünen Zone im Zentrum Bagdads befinden sich zahlreiche Regierungseinrichtungen, das irakische Parlament sowie mehrere Botschaften, darunter auch die diplomatische Vertretung der USA. Die Gegend gilt eigentlich als ein vergleichsweise sicherer Zufluchtsort.

Kämpfe nahe der niederländischen Botschaft

Berichten zufolge gingen in der Nacht auch mehrere Raketen in der Grünen Zone nieder. Videos in sozialen Netzwerken sollen zeigen, dass daraufhin auch das Raketenabwehrsystem (C-Ram) zum Schutz der US-Botschaft aktiviert wurde.

Der niederländische Außenminister Wopke Hoekstra teilte mit, in der Gegend um seine Botschaft werde gekämpft. Die Mitarbeiter seien evakuiert worden und würden vorübergehend aus der deutschen Botschaft arbeiten. Die Lage im Irak sei »sehr angespannt« und ändere sich rasch, schrieb Hoekstra bei Twitter.

Iran stellte alle Flüge in Richtung Bagdad ein und schloss nach Angaben des Innenministeriums auch die Grenzen zum Nachbarland Irak. »Die Grenzen bleiben bis auf Weiteres geschlossen, bis die politische Lage im Irak sich beruhigt«, sagte ein Ministeriumssprecher laut iranischen Medien am Dienstag.

Anhänger der einflussreichen Geistlichen Sadr hatten den Regierungspalast mit dem Büro von Ministerpräsident Mustafa al-Kasimi am Montag gestürmt und vorübergehend besetzt. Zuvor hatte Sadr seinen Rückzug aus der Politik erklärt. Am späten Montagabend gab der 48 Jahre alte Religionsführer auch bekannt, in einen Hungerstreik zu treten, bis die Gewalt gegen seine Anhänger eingestellt werde.

Sadrs Bewegung war aus der Parlamentswahl im Oktober vergangenen Jahres als stärkste Kraft hervorgegangen. Es gelang ihr aber nicht, eine Regierung zu bilden. Sadr weigerte sich, mit den Iran nahe stehenden Parteien zu kooperieren. Damit kam es zu einer Spaltung des schiitischen Lagers. Einen von seinen politischen Gegnern vorgeschlagenen Regierungschef will Sadr auch nicht akzeptieren. Es entstand eine politische Pattsituation, die sich über Monate immer weiter zuspitzte. Sadr fordert als Ausweg aus der Krise Neuwahlen. Vor einem Monat hatten seine Anhänger bereits das Parlamentsgebäude besetzt.

Demonstrationen breiten sich in anderen Provinzen aus

Eigentlich galt schon von Montagnachmittag an in Bagdad und vom Abend an landesweit eine Ausgangssperre. Ministerpräsident Kasimi ordnete an, dass die offiziellen Arbeitszeiten am Dienstag im ganzen Land ausgesetzt seien. Das teilte das Kabinett der staatlichen Nachrichtenagentur INA zufolge in der Nacht mit.

Die Demonstrationen der Sadristen breiteten sich auch auf andere Provinzen aus. Laut Berichten zogen seine Anhänger dabei unter anderem auch in Basra und Dhi Kar im Süden auf die Straße und besetzten Gebäude der Provinzregierungen. Dass der Konflikt sich in einen landesweiten »Bürgerkrieg unter Schiiten« ausweite, sei derzeit aber noch unwahrscheinlich, schrieb Jisar al-Maliki, Analyst bei der Middle East Economic Survey (MEES).

Uno-Generalsekretär António Guterres äußerte sich besorgt über die Proteste. Er rufe zu Ruhe und Zurückhaltung auf, teilte sein Sprecher mit. Die Europäische Union bezeichnete es in einer Mitteilung als »entscheidend, dass alle Akteure von Handlungen absehen, die zu weiterer Gewalt führen könnten«. Die US-Botschafterin im Irak, Alina Romanowski, sagte, die »Sicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit des Irak« könne nicht aufs Spiel gesetzt werden.

muk/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.