IS-Experte im Irak erschossen Mord vor der Haustür

Hisham al-Hashemi, ein weltbekannter Experte für die Terrororganisation "Islamischer Staat", wurde in Bagdad erschossen. Viele vermuten hinter dem Mord jedoch nicht die Dschihadisten - sondern deren Iran-treue Gegner.
Demonstranten mit einem Porträt des ermordeten Hashemi in Bagdad

Demonstranten mit einem Porträt des ermordeten Hashemi in Bagdad

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AHMAD AL-RUBAYE/ AFP

Am späten Montagabend fuhr Hisham al-Hashemi, 47, in seinem weißen SUV nach Hause nach Zeyuna, einem besseren Stadtteil Bagdads. Seine Mörder warteten dort schon auf ihn. Das Video einer Überwachungskamera zeigt zwei schlanke Männer auf einem Moped oder Motorrad an der gegenüberliegenden Straßenecke. Hashemi bemerkte offenbar nichts.

Ein zweites Überwachungsvideo zeigt, wie Hashemi vor seinem Haus parkt. Noch bevor er aussteigen kann, springt einer der Männer vom Motorrad, rennt zur Fahrerseite und schießt durch das Seitenfenster, mindestens vier Mal. Danach rennt der Mörder zum wartenden Motorrad. Die Männer brausen davon, während Hashemis Nachbarn und drei seiner vier Kinder helfen, seinen blutenden Körper aus dem Auto zu ziehen. Er stirbt wenig später im Krankenhaus.

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Hashemi gehörte zu den weltweit führenden Experten zum Thema "Islamischer Staat" (IS). Der IS tyrannisierte seine Heimat, den Irak, und das benachbarte Syrien. Hashemi war einer der Ersten, der die Führungsfiguren der Terrororganisation identifizierte. Nach der Niederschlagung der Dschihadisten 2017 forschte er zunehmend auch über Iran-treue Milizen im Irak, die sich als Staat im Staate aufführen. Von beiden Seiten wurde er zuletzt bedroht.

Ein Rückschlag für die Reformer

In den vergangenen Jahren war Bagdad wieder sicher geworden. Normales Straßenleben war zurückgekehrt. Doch nicht zuletzt schockiert der Tod Hashemis viele Iraker auch deshalb, weil er so symbolisch erscheint: Untrennbar sind Hashemis Leben und Sterben mit dem Schicksal des ganzen Landes verwoben.

Unter dem Diktator Saddam Hussein hatte Hashemi im Gefängnis gesessen; er hatte sich in der Opposition engagiert. Nach dem gewaltsamen Sturz Saddam Husseins durch die USA schlug Hashemi sich als Journalist durch und spezialisierte sich auf die bewaffneten Gruppen im Irak.

Seit fast einem Jahr fordern viele Iraker immer lauter ein Ende der Korruption und der Tyrannei der Milizen. Hashemi war dabei eine der klarsten Stimmen. Im irakischen Fernsehen war er ein regelmäßiger Gast, geschätzt für seine präzisen und unerschrockenen Analysen. Gerade erst schien sich endlich das Land zum Besseren zu verändern - und nun dieser Rückschlag.  

Hashemi galt als Vertrauter des neuen irakischen Premierministers Mustafa al-Kasimi, der seit Mai im Amt ist und vor ein paar Wochen Unerhörtes tat: Als erster Premier führte er eine Razzia gegen die Iran-treue Miliz "Kataib Hisbollah" durch, was Hashemi begrüßte. Viele Iraker interpretieren die Ermordung Hashemis entsprechend auch als Warnung an den neuen Premier: Wer die mächtigen Milizen kritisiere oder gar bekämpfe, müsse um sein Leben fürchten.

Der Premier will die Milizen entmachten

Die "Kataib Hisbollah", die selbsterklärten "Kampfgruppen der Partei Gottes", gelten als eine der mächtigsten bewaffneten Gruppen im Irak. Kaum jemand im Land wagt es, ihren Namen offen auszusprechen. Die schiitisch-islamistische Miliz wird von Iran unterstützt und gilt als vehement antiamerikanisch. Sie war es auch, die im Dezember die US-Botschaft in Bagdad stürmte, was zu einer gefährlichen Eskalation führte, als Washington daraufhin den iranischen Militärführer Qasem Soleimani  ermorden ließ.

Die Macht der "Kataib Hisbollah" schien allerdings zuletzt zu bröckeln: Bei dem US-Angriff auf Soleimani am Flughafen von Bagdad im Januar starb auch ihr Anführer, Abu Mahdi al-Muhandis, der den Iraner abholen wollte. Muhandis war nicht nur Chef der "Kataib Hisbollah", sondern galt auch als Bindeglied zwischen den verschiedenen proiranischen Milizen im Irak und in Teheran. Sein Tod bedeutete für die Milizen einen schweren Rückschlag. 

Auch die Wahl Kasimis zum irakischen Premier wurde als Zeichen des schwindenden Einflusses der Milizen gewertet. Denn die "Kataib Hisbollah" lehnen Kasimi entschieden ab. Er gilt ihnen als zu US-freundlich. Kasimi hatte angekündigt, die Milizen entmachten zu wollen. Dennoch machten die "Kataib Hisbollah" weiter Druck: So berichtete  der irakische Aktivist Ghaith al-Tamimi, ein Freund Hashemis, dass dieser ihn im Juni um Rat gefragt habe, er werde von den "Kataib Hisbollah" bedroht.

"Der Irak wird nicht ruhen"

In seinem letzten Fernsehauftritt  in den Stunden vor seinem Tod sagte Hashemi, dass Iran weiterhin großen Einfluss im Irak ausübe: politisch über Iran-nahe Abgeordnete und Beamte in Ministerien, sowie wirtschaftlich und militärisch. Die Macht der Milizen sei noch nicht gebrochen, sagte Hashemi sinngemäß.

In seinen letzten Tweets  prangerte Hashemi erneut die Korruption im Irak an und die Instrumentalisierung von jungen Irakern durch religiöse Gruppen. Der Konflikt zwischen den USA und den Golfstaaten diene den irakischen Milizenchefs nur als Vorwand. Tatsächlich ginge es ihnen nur um den eigenen Reichtum und Einfluss.

Premierminister Mustafa al-Kasimi zeigte sich auf Facebook  bestürzt über den Tod Hashemis. "Wir werden niemals Chaos und Mafia-Politik zulassen." Es sei nun die Zeit des Handelns. "Der Irak wird nicht ruhen, bis die Täter sich vor Gericht für ihre Verbrechen verantworten müssen."

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