Urteil gegen IS-Vergewaltiger "Die Todesstrafe ist gerecht"

Erstmals hat eine Jesidin vor einem irakischen Gericht gegen ihren Vergewaltiger ausgesagt. Der Mann, ein Mitglied des "Islamischen Staates", wurde zur Höchststrafe verurteilt.
Aschwak Hadschi Hamid Talo wurde vergewaltigt und sagte vor Gericht aus: "Ich hoffe, dass andere es mir nun nachmachen."

Aschwak Hadschi Hamid Talo wurde vergewaltigt und sagte vor Gericht aus: "Ich hoffe, dass andere es mir nun nachmachen."

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Es ist einer 20-Jährigen zu verdanken, dass erstmals ein Mitglied der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) von einem irakischen Gericht für die Vergewaltigung einer Jesidin verurteilt wurde: Aschwak Hadschi Hamid Talo. Sie sagte am Montag vor Gericht in Bagdad aus - ein Schritt, den viele Frauen nicht wagen, denn Vergewaltigungen sind im Irak ein Tabu. Die Opfer werden stigmatisiert, als seien sie selbst schuld an ihrem Unglück. "Ich hoffe, dass andere es mir nun nachmachen. Die Mädchen und Frauen haben oft zu große Angst davor", sagt Talo am Telefon. Woher sie die Kraft dafür nahm? "Gott hat mir geholfen." 

Der Fall von Aschwak Talo hatte in Deutschland im Sommer 2018 für Aufsehen gesorgt. Drei Jahre zuvor war sie im Rahmen eines Flüchtlingsprogramms für IS-Opfer nach Baden-Württemberg gelangt. Aschwak glaubte, sie habe in ihrer neuen Heimat Schwäbisch Gmünd ihren Vergewaltiger wiedererkannt. Sie erzählte einem kurdischen Journalisten, er habe ihr zweimal auf der Straße aufgelauert und sie angesprochen. Die Aufmerksamkeit in den deutschen Medien war groß.

"Du hast mein Leben zerstört!"

Aschwak Talo weiß heute: "Ich habe mich damals geirrt. Der irakische Geheimdienst sagt, dass Abu Humam nie in Deutschland war." Abu Humam, so lautete beim "Islamischen Staat" der Kampfname von Mohammed Rashid Sahab, 36. Er stammt aus Anbar im Westirak. Mit 19 hatte er einen Taxifahrer ermordet und dessen Auto gestohlen. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Als die Dschihadisten Gefängnisse im Irak stürmten und öffneten, kam er frei und schloss sich dem IS an. Er habe die Jesidin als "Sklavin" geschenkt bekommen, weil er an der Offensive im Sindschar-Gebirge teilgenommen habe, sagte Mohammed Rashid Sahab aus, der seit 2018 im Irak inhaftiert ist. 

Aschwak Hadschi Hamid Talo hält die Fotos von IS-Opfern, als sie den Lalisch-Tempel im Nordirak besucht: "Die Mädchen und Frauen haben oft zu große Angst"

Aschwak Hadschi Hamid Talo hält die Fotos von IS-Opfern, als sie den Lalisch-Tempel im Nordirak besucht: "Die Mädchen und Frauen haben oft zu große Angst"

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"Der irakische Geheimdienst hat mir ein Foto geschickt. 'Ist er das?' Ich habe ihn sofort erkannt", erzählt Aschwak Talo. Sie reiste nach Bagdad, um ihrem Vergewaltiger persönlich entgegenzutreten. Das irakische Staatsfernsehen filmte das Treffen. Unter Tränen sagte Talo: "Ich war damals 14 Jahre alt, so alt wie deine Tochter, dein Sohn, deine Schwester, als du mich vergewaltigt hast. Du hast mein Leben zerstört!"

Als die Terrormiliz 2014 im nordirakischen Sindschar-Gebirge einfiel, wurden jesidische Mädchen und Frauen systematisch entführt, wie Sklavinnen gehalten und vergewaltigt, Tausende jesidische Männer und Jungen wurden ermordet. Die Uno bezeichnete das Vorgehen der Dschihadisten im Sindschar als Völkermord.

"Ich will, dass die Täter vor Gericht kommen."

"Der Völkermord an Jesiden ist eine internationale Angelegenheit", sagt Aschwak Talo. "Ich will, dass die Täter vor Gericht kommen. Ich bin so froh, dass Abu Humam gefunden wurde. Ich hatte die ganze Zeit solche Angst, dass er mich finden würde. Die Todesstrafe ist gerecht. Er hat gemordet und vergewaltigt."

Der irakischen Justiz wird von Menschenrechtsorganisationen vorgeworfen, Menschen in Massenverfahren wegen vermuteter Mitgliedschaft im "Islamischen Staat" zum Tode zu verurteilen, nicht selten aufgrund von Geständnissen, die unter Folter erzwungen wurden.

Der Fall von Aschwak Talo ist eine Ausnahme, weil eine Zeugin der Anklage auftrat und sich die Richter auf ihre Aussagen stützen konnten. "Wir hoffen, dass auch andere aussagen wollen", sagte Haider Jalil Khalil, der Richter, der in dem Fall das Urteil gesprochen hatte.

"Wir versuchen jetzt alle, nach Australien zu gehen."

Aschwak Talo will nicht nach Deutschland zurückkehren. "Ich werde im Irak bleiben bei meiner Familie. Ich habe mich in Deutschland ohne meinen Vater und meine Geschwister nicht sicher gefühlt." Sie hat elf Brüder und Schwestern sowie zehn Halbgeschwister von der Zweitfrau ihres Vaters. Derzeit lebt Aschwak Talo im Flüchtlingslager für Jesiden im kurdischen Nordirak.

Insgesamt sechs ihrer Geschwister werden noch immer vermisst – sie wurden wahrscheinlich vom "Islamischen Staat" ermordet. Eine Schwester und zwei Halbschwestern leben derzeit noch in Deutschland, zwei Schwestern und ein Bruder in Australien. Wie mehrere deutsche Bundesländer hatte auch Australien ein Flüchtlingsprogramm für Jesiden aufgelegt, die Opfer der Dschihadisten wurden. "Wir wollen die Familie wieder zusammenbringen", sagt Aschwak Talo. "Wir versuchen jetzt alle, nach Australien zu gehen."

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