Irans Armee Der schlagkräftige Underdog

Eine halbe Million Mann unter Waffen, aggressive Cyberkrieger und eines der größten Raketenarsenale der Region: Irans Armee verfügt über beträchtliche militärische Schlagkraft - und könnte den USA schaden.
Iranische Revolutionswächter: Ideologische Speerspitze des Regimes

Iranische Revolutionswächter: Ideologische Speerspitze des Regimes

Foto: Vahid Salemi/DPA

Die Führung in Teheran schwor Rache. Die gezielte Tötung ihres Topgenerals Qasem Soleimani durch einen US-Drohnenschlag werde nicht ungesühnt bleiben, kündigte das Regime an. Nun hat es die ersten Geschosse abgefeuert.

Mit mehreren ballistischen Raketen griff Iran zwei Militärstützpunkte im Irak an, auf denen auch US-Soldaten stationiert sind. „Alles ist gut“, twitterte Donald Trump. Derzeit würden mögliche Opfer und Schäden bewertet. Der US-Präsident äußerte sich zunächst nicht dazu, wie Amerika nun reagieren werde. Sein iranischer Amtskollege Hassan Rohani drohte hingegen: Bei einem weiteren US-Angriff würde Teherans Antwort noch härter ausfallen.

DER SPIEGEL

Ein konventioneller Krieg zwischen Amerika und Iran gilt zwar als sehr unwahrscheinlich. Eine größere militärische Konfrontation wäre auch für die USA mit erheblichen Folgen verbunden. US-Militärs und Geheimdienste spielen aber verschiedene Szenarien durch, wie Iran Amerika und seinen Verbündeten schaden könnte: neben Attacken auf US-Botschaften und Militärstützpunkte im Nahen Osten zählen dazu auch Sabotageakte gegen Öltanker in der Straße von Hormus und Cyberangriffe.

Eine halbe Million Mann unter Waffen

Fest steht in jedem Fall: Auch wenn Iran der Supermacht Amerika insgesamt unterlegen ist, verfügt das Land über beträchtliche militärische Kapazitäten.

Nach Schätzungen des Londoner International Institute for Strategic Studies hat Iran mehr als 520.000 aktive Soldaten. 350.000 davon zählen zur regulären Armee, 150.000 zum Korps der Islamischen Revolutionswächter (IRGC).

Letzteres bildet die ideologische Speerspitze des Regimes. Es wurde vor 40 Jahren ins Leben gerufen, um die Errungenschaften der Islamischen Revolution zu verteidigen. Die USA stufen das IRGC als Terrororganisation ein.

Die Revolutionswächter verfügen nicht nur über Zehntausende Kämpfer, sie kontrollieren auch die sogenannten Basij-Einheiten: Freiwilligenverbände, die in der Vergangenheit an der Niederschlagung von Protesten im Land beteiligt waren. Das Regime soll Hunderttausende dieser Freiwilligen mobilisieren können.

Hinzu kommt die IRGC-Seestreitkraft mit rund 20.000 Marinesoldaten. Diese patrouillieren unter anderem in der Straße von Hormus, einem wichtigen Knotenpunkt der Weltwirtschaft und dem Schauplatz mehrerer Konfrontationen im vergangenen Jahr.

Milizen in der Region und ein weltweites Netzwerk

Irans militärische Macht ist seit Jahren im gesamten Nahen Osten spürbar. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Quds-Brigaden zu, deren Kommandeur Soleimani war. Die Eliteeinheit wurde 1979 mit dem Zweck gegründet, die Islamische Revolution ins Ausland zu tragen. Ihr sollen rund 5000 Mann angehören, die am Boden, in der Luft und zu Wasser aktiv sind.

In seiner Zeit als Kommandeur der Brigade war Soleimani entscheidend beteiligt am Aufbau eines Netzwerks verbündeter Milizen in der gesamten Region. Im Irak unterstützt Teheran von Schiiten dominierte paramilitärische Kräfte, die maßgeblich zur militärischen Niederlage des "Islamischen Staats" beitrugen. In Syrien retteten Soleimanis Schattenkrieger das Überleben des Regimes von Baschar al-Assad. Auch im Jemen sind die Quds-Brigaden als Militärberater aktiv.

Ein weiterer wichtiger Verbündeter Teherans ist die Hisbollah. Die libanesische Miliz ist über die schiitische Diaspora in aller Welt vernetzt: von Westafrika über Südamerika bis in die USA.

Raketen und das Atomprogramm, Drohnen und Cyberattacken

Irans Luftwaffe gilt als vergleichsweise schwach. Umso wichtiger ist das Raketenarsenal des Landes. Laut einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums handelt es sich dabei um das größte des Nahen Ostens. Zu diesem gehören vor allem Kurz- und Mittelstreckenraketen. Viele mögliche Ziele in Saudi-Arabien, am Golf und womöglich sogar in Israel liegen innerhalb der Reichweite der Geschosse.

Dem Pentagon zufolge arbeitete Iran auch an der Entwicklung von Langstreckenraketen. Laut dem Royal United Services Institute (RUSI), einem sicherheitspolitischen Thinktank in London, kam dieses Programm im Zuge des Atomabkommens zum Stillstand. Unklar ist, ob es im Zuge des Ausstiegs der USA aus dem Deal wieder aufgenommen wurde.

Auch das Schicksal des Atomabkommens insgesamt ist derzeit ungewiss. Einerseits kündigte Iran nach der Tötung Soleimanis an, sich nicht mehr an dessen Auflagen halten zu wollen. Andererseits sagten Vertreter des Regimes kürzlich, sie wollten weiter mit der Atomaufsichtsbehörde der Uno zusammenarbeiten.

Im Kampf gegen den IS im Irak kamen 2016 auch iranische Drohnen zum Einsatz. Von Stützpunkten in Syrien aus sollen iranische Drohnen auch schon in israelischen Luftraum eingedrungen sein. Mitte September kam es zu Drohnen- und Raketenangriffen auf Ölfelder in Saudi-Arabien. Auch dahinter steckt mutmaßlich Iran.

Irans Revolutionswächter sollen inzwischen über beträchtliche Fähigkeiten im Cyberbereich verfügen und so unter anderem Industrie- und Militärspionage betreiben. Das US-Militär warf Iran zuletzt vor, unter anderem Luftfahrt- und Energieunternehmen sowie private Militärdienstleister ins Visier genommen zu haben. Im Oktober berichtete dann Microsoft  von den Aktivitäten einer Hackergruppe „mit Verbindungen zur iranischen Regierung“. Deren Ziel demnach: Accounts, die zu einer US-Präsidentschaftskampagne gehören, sowie solche von aktuellen und früheren US-Regierungsbeamten.

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