Luftwaffenchef im Staatsfernsehen Revolutionsgarde übernimmt Verantwortung für Abschuss

Nach Absturz einer ukrainischen Boeing mit 176 Passagieren hat die Luftwaffe der iranischen Revolutionsgarde um Entschuldigung gebeten. Ein General sagt: "Ich wünschte, ich wäre tot."
General Amir Ali Hajizadeh in Teheran: "Volle Verantwortung" (Archivfoto von 2019)

General Amir Ali Hajizadeh in Teheran: "Volle Verantwortung" (Archivfoto von 2019)

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MEGHDAD MADADI/ AFP

Die Revolutionsgarden haben sich für den Abschuss eines Flugzeugs nahe Teheran entschuldigt. "Ich wünschte, ich könnte sterben und hätte nicht Zeuge eines solchen Unglücks sein müssen", sagte ihr Luftwaffenchef Amir Ali Hajizadeh nach Angaben der Agentur Reuters in einer Videobotschaft an die Nation. Die Garde übernehme die volle Verantwortung für den Vorfall. Man habe das Flugzeug mit einem Marschflugkörper verwechselt. Beim Abschuss einer Kurzstreckenrakete auf das Flugzeug sei man für einen "totalen Krieg" mit den USA bereit gewesen.

Ein technischer Fehler habe zu dem Unglück beigetragen. Die ukrainische Maschine wurde nach seinen Worten als potenzielle Gefahr eingestuft. Der zuständige Offizier wollte diese Gefahr demnach der Zentrale melden - genau zu dem Zeitpunkt habe es einen Defekt im Kommunikationssystem gegeben.

Der Offizier hatte laut Hajizadeh dann nur wenige Sekunden, um zu entscheiden, ob er eine Luftabwehrrakete abfeuere oder nicht. "Und leider tat er es", sagte Hajizadeh. Der Kommunikationsdefekt sei keine Rechtfertigung und unverzeihlich. Als Chef der Abteilung für Luft- und Weltraumabteilung trage er die volle Verantwortung und sei bereit, alle Konsequenzen zu tragen.

DER SPIEGEL

Hajizadeh verteidigte die zivile Luftfahrtbehörde, die einen Abschuss dementiert hatte. "Sie trifft keine Schuld, weil sie das Ganze aus technischer Sicht gesehen haben und nichts über den Ablauf wussten", sagte er. Seiner Einschätzung nach hätte es aber an dem Tag landesweit ein Flugverbot geben sollen, weil sich das Land in einer Art Kriegssituation befunden habe.

Das Militär hatte zuvor nach zahlreichen Dementis eingeräumt, die verunglückte Maschine zum Absturz gebracht zu haben. Sie war am Mittwoch kurz nach dem Start nahe Teheran abgestürzt, alle 176 Insassen starben.

"Ein schrecklicher Fehler"

Irans Präsident Hassan Rohani

In einer im Staatsfernsehen verlesenen Mitteilung des Militärs hieß es, der ukrainische Jet sei "aus Versehen" zum Absturz gebracht worden. Die Verantwortlichen innerhalb des Militärs würden zur Rechenschaft gezogen. Vor dem Abschuss hatte der Iran zwei von US-Soldaten genutzte Stützpunkte im Irak angegriffen.

Nach Angaben der iranischen Streitkräfte gab es an dem Unglückstag mehrere US-Drohungen, iranische Ziele anzugreifen. Daher habe im iranischen Militär "höchste Alarmbereitschaft" geherrscht. Nachdem sich die ukrainische Maschine dann einer "strategisch wichtigen Militäranlage" genähert habe, sei dies "versehentlich" als eine Drohung eingestuft und die Maschine abgeschossen worden. Es handle sich um "menschliches Versagen". Das Militär sprach den Familien der Opfer sein Mitleid aus und versprach, solch ein "Fehler" werde nicht mehr vorkommen.

Irans Präsident Hassan Rohani schrieb in einer ersten Reaktion auf Twitter, er bedauere den unbeabsichtigten Abschuss der Maschine zutiefst. "Ein schrecklicher Fehler." Er sei in Gedanken bei den trauernden Angehörigen und bete für sie. Die Untersuchung zum Absturz werde fortgesetzt.

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Auch der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif entschuldigte sich für die Katastrophe. "Unser tiefes Bedauern, Entschuldigungen und Beileid gegenüber unserem Volk, den Familien aller Opfer und anderen betroffenen Nationen", schrieb Sarif auf Twitter. Es handle sich um einen "traurigen Tag". Zugleich gab er den USA eine Mitschuld: Menschliches Versagen "zur Zeit der durch das Abenteurertum der USA verursachten Krise" habe "zu einem Desaster geführt".

Nach dem Eingeständnis forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Iran auf, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen und Entschädigungen zu zahlen. "Der Morgen heute war nicht gut, aber zumindest brachte er die Wahrheit ans Licht", schrieb Selenskyj auf Facebook. Er erwarte ein volles Schuldeingeständnis und eine offizielle Entschuldigung über diplomatische Kanäle. Zudem sollten die Körper der Toten in ihre Heimatländer überstellt werden.

Der ukrainische Präsident betonte, dass er von Teheran eine "vollständige und offene Untersuchung" erwarte. "Wir hoffen, dass die Ermittlungen ohne vorsätzliche Verzögerungen und Hindernisse fortgesetzt werden", schrieb er. Die Experten aus der Ukraine sollten weiterhin vollen Zugang zu möglichem Beweismaterial erhalten.

Die USA, Kanada und Großbritannien hatten zuvor erklärt, die Maschine sei vermutlich abgeschossen worden - was Teheran vehement zurückgewiesen hatte. Noch am Freitag hatte die iranische Luftfahrtbehörde behauptet, ein Abschuss sei technisch und wissenschaftlich absurd. Laut einem ersten Untersuchungsbericht der iranischen Behörden war ein Brand infolge eines technischen Defekts die Ursache für das Unglück.

Die Lage am Persischen Golf war eskaliert, nachdem die USA den iranischen Topgeneral Soleimani Ende vergangener Woche in Bagdad gezielt getötet hatten. Zuletzt hatten die Zeichen im Konflikt zwischen den USA und Iran nach den gezielten Militärschlägen auf Entspannung gestanden. Nach dem Angriff Irans auf die von den USA genutzten Militärbasen im Irak hatten US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Rohani angekündigt, den Konflikt zunächst auf politischer Ebene führen zu wollen.

Um den Iran-Konflikt wird es auch bei einem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Samstag in Moskau gehen. Russland und Deutschland sind sich einig, möglichst das Atomabkommen mit Iran zu erhalten.

jpz/Reuters/AP