Iranischer Atomphysiker getötet Irans Armee droht mit »fürchterlicher Rache« – Uno mahnt zur Zurückhaltung

Für das Attentat auf den iranischen Atomwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh gibt Iran Israel die Schuld – und kündigt Vergeltung an. Der Uno-Generalsekretär warnt vor einer Eskalation des Konflikts.
Ort des Attentats auf den iranischen Atomwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh

Ort des Attentats auf den iranischen Atomwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh

Foto: IRIB HANDOUT/EPA-EFE/Shutterstock

Nach der Ermordung eines hochrangigen iranischen Atomphysikers und Schuldzuweisungen Teherans an Israel hat Uno-Generalsekretär António Guterres Zurückhaltung angemahnt. Man habe Berichte über den Vorfall zur Kenntnis genommen, teilte Uno-Sprecher Farhan Haq der dpa mit. »Wir fordern Zurückhaltung und sehen es als notwendig an, dass Maßnahmen vermieden werden, die zu einer Eskalation der Spannungen in der Region führen könnten.«

Mohsen Fakhrizadeh war am Freitag nach Angaben der iranischen Regierung in seinem Auto angeschossen und schwer verletzt worden. Kurz darauf sei er in einem Krankenhaus gestorben. Das iranische Verteidigungsministerium sprach bei Bekanntgabe der Nachricht von einem »Märtyrertod«.

Außenminister Dschawad Sarif berichtete von »ernst zu nehmenden Hinweisen« auf eine Beteiligung Israels. Zunächst gab es jedoch keine Klarheit, wer hinter dem Anschlag steckt.

Sarif appellierte auf Twitter insbesondere an die Europäische Union, »ihre beschämenden Doppelstandards aufzugeben und diesen Akt des Staatsterrors zu verurteilen«. Der Generalstabschef der iranischen Streitkräfte, Mohammad Bagheri, drohte »fürchterliche Rache« an.

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Irans Uno-Botschafter Madschid Tacht verwies in einem Schreiben an Guterres darauf, dass in den vergangenen zehn Jahren mehrere hochrangige iranische Wissenschaftler »in terroristischen Anschlägen« getötet worden seien. Verantwortlich dafür zeichneten »bestimmte ausländische Kreise«. Die Tötung Fakhrizadehs – bei der es ernsthafte Hinweise auf Israels Verantwortung gebe – sei ein weiterer Versuch, die Region ins Chaos zu stürzen und die wissenschaftliche Entwicklung Irans zu stören.

Rawanchi warnte zugleich die USA und Israel vor »Abenteueraktionen« in der verbleibenden Amtszeit des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump. Iran werde »alle notwendigen Maßnahmen« zu seiner Verteidigung ergreifen, unterstrich er.

Nach Medienberichten wurde Fakhrizadeh in der Stadt Absard erschossen, einem Vorort östlich der Hauptstadt Teheran. Örtlichen Behörden zufolge wurden auch mehrere Angreifer getötet.

Fakhrizadeh war Mitglied der iranischen Revolutionsgarden und ein Experte für die Herstellung von Raketen. Nach Informationen der iranischen Nachrichtenagentur Fars sollen israelische Geheimdienste seit Jahren bemüht gewesen sein, ihn auszuschalten. Zuletzt leitete Fakhrizadeh die Abteilung für Forschung und technologische Erneuerung im Verteidigungsministerium.

Mohsen Fakhrizadeh ist der iranischen Regierung zufolge einem Mordanschlag zum Opfer gefallen (Archivbild)

Mohsen Fakhrizadeh ist der iranischen Regierung zufolge einem Mordanschlag zum Opfer gefallen (Archivbild)

Foto: - / AFP PHOTO / HO / KHAMENEI.IR

Bei westlichen Staaten und in Israel sowie bei im Exil lebenden Gegnern der iranischen Führung stand der Wissenschaftler im Verdacht, der Architekt eines verdeckten Atomwaffenprogramms gewesen zu sein, das nach Darstellung der Regierung in Teheran 2003 eingestellt wurde.

Ex-CIA-Chef verurteilt Tötung als »kriminellen Akt«

Der frühere CIA-Chef John Brennan verurteilte das tödliche Attentat. Es handele sich dabei um einen »kriminellen Akt und ein höchst rücksichtsloses« Vorgehen, schrieb Brennan auf Twitter.

»Ich weiß nicht, ob eine ausländische Regierung die Ermordung Fakhrizadeh angeordnet oder ausgeführt hat«, schrieb Brennan mit Blick auf die Vorwürfe der iranischen Regierung. »Ein solcher Akt von staatlich gefördertem Terrorismus wäre eine eklatante Verletzung des Völkerrechts und würde weitere Regierungen dazu ermutigen, tödliche Attacken gegen ausländische Regierungsbeamte auszuführen.«

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Fakhrizadeh sei nicht auf Terrorlisten geführt worden oder Mitglied der Terrormiliz Al-Qaida oder der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) gewesen, so Brennan. Wer auf solchen Listen geführt werde, sei ein legitimes Ziel tödlicher Anschläge.

Mit der Tötung Fakhrizadehs riskierten die Verantwortlichen »tödliche Vergeltung« und »eine neue Runde regionaler Konflikte«, so Brennan.

Der als scharfer Kritiker des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump geltende Ex-CIA-Chef appellierte an die Regierung in Teheran, »dem Verlangen auf Vergeltung zu widerstehen«. Mit Blick auf die geplante Amtseinführung des gewählten Präsidenten Joe Biden am 20. Januar rief er Teheran auf, auf »die Rückkehr einer verantwortlichen amerikanischen Führung auf der globalen Bühne« zu warten.

Brennan war von 2013 bis 2017 Direktor der CIA – er diente also unter dem früheren US-Präsidenten Barack Obama und dessen damaligem Vize Biden. Diese Woche hatte der künftige Präsident jedoch bekannt gegeben, dass nach seinem Amtsantritt Brennans frühere Stellvertreterin Avril Haines Geheimdienstdirektorin werden soll.

Die US-Regierung äußerte sich bisher noch nicht. Trump leitete lediglich über seinen Twitteraccount unkommentiert einen Tweet des israelischen Journalisten Yossi Melman zum Tod Fakhrizadehs weiter. Darin schrieb Melman, Fakhrizadeh sei der Leiter des geheimen iranischen Militärprogramms gewesen und seit Jahren vom israelischen Geheimdienst Mossad gesucht worden. Sein Tod sei ein schwerer Schlag für Iran. Melman schrieb in einem weiteren Tweet, er sei verwirrt über Trumps Retweet.

Unter Präsident Donald Trump hatten die USA ein internationales Abkommen, das Iran am Bau einer Atombombe hindern sollte, 2018 einseitig aufgekündigt und neue Sanktionen gegen die Regierung in Teheran verhängt. Nach einer Frist von einem Jahr, in der Teheran die anderen Vertragspartner vergeblich zur Vertragseinhaltung drängte, hatte Iran schrittweise ebenfalls fast alle Bestimmungen des Abkommens ignoriert. Ungewiss ist, ob die USA unter dem neugewählten Präsidenten Joe Biden zum Atomdeal zurückkehren könnten.

cop/dpa/Reuters/AFP