Fotoessay Hinter Schleier und Atemmaske

Ende Mai wird Iran von einer zweiten Corona-Welle erfasst. Sieben Fotografen haben sich in verschiedenen Ecken des Landes umgesehen, um den schwierigen Alltag der Frauen in Iran in der Krise abzubilden.

Dieser Fotoessay wurde in Kooperation mit NVP Images und mit Unterstützung des Pulitzer Centers realisiert.

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Iranerinnen verdienen nur ein Sechstel von dem, was ihre Männer durchschnittlich an Einkommen beziehen. Die 58-jährige Zahra (wo der Nachname nicht genannt wird, ist er unbekannt) verkauft Unterwäsche auf dem Markt von Gorgan, Hauptstadt der Provinz Golestan. Sie hat verheiratete Kinder, ist geschieden und lebt allein. Doch wegen der Coronakrise konnte sie bereits zwei Monate keine Miete zahlen und fürchtet die Zwangsräumung. Zurzeit verdient sie pro Tag durchschnittlich etwa 5,50 Euro, das reicht nicht einmal für Essen. Wie Zahra sind zahlreiche Iranerinnen gezwungen zu arbeiten, trotz der Infektionsgefahr und trotz des drohenden Bußgelds wegen des Verstoßes gegen die Quarantäneregeln.

Foto: Kianoush Saadati/ NVP Images
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Doppelter Schutz: Die 31-jährige Mojdeh lehrt Kinder in Gorgan das Klavierspielen. Doch in den letzten zwei Monaten wurden alle ihre Kurse abgesagt. Mit den Kindern via Internet zu üben, hat nicht funktioniert. Nun gibt sie wenige Privatstunden, nur drei pro Tag und verdient damit etwa 63 Euro im Monat. Das reicht nicht, um ihre Lebenskosten und Schulden zu bezahlen. Die speziellen Schutzmasken zu finden, ist schwierig. Außerdem hat das Klavierspielen in Corona-Zeiten laut Mojdeh einen weiteren Nachteil: Das Versprühen von Desinfektionsmittel schädigt auf Dauer das Klavier. Iranische Sängerinnen wiederum geben online Gesangsunterricht im traditionellen Stil für Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die dafür teils auch zahlen. Seit 1979 bis heute dürfen Sängerinnen in Iran allerdings nicht in der Öffentlichkeit auftreten.

Foto: Kianoush Saadati/ NVP Images
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Eine beachtliche Laufbahn hat sie hinter sich: Als Fünfjährige begann Sanaz mit dem Sport, war 13 Jahre professionell dabei und wurde dann Trainerin und Gesundheitsbotschafterin. Heute ist sie 28 und verheiratete Kickboxing-Lehrerin in Babol in der nordiranischen Provinz Masandaran. Jeden Tag hat sie hier mit ihren Schülern für die nationalen Teamwettkämpfe am 1. Mai trainiert, teilweise schon vier Jahre lang. Seit Mitte März wurde jegliches Training verboten, die Wettkämpfe abgesagt. Immerhin kann Sanaz nun seit zwei Wochen einzelne Schüler in ihrem privaten Hinterhof unter Einhaltung des strikten Gesundheitsprotokolls ausbilden. Statt 80 kommen nur noch zwanzig von ihnen am Tag zu ihr.

Foto: Mehran Mafibordbar/ NVP Images
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Die 39-jährige Azadeh Mahjoub betreibt ein Heim für verletzte Tiere in Rascht im Norden des Landes. Um dieses zu finanzieren, hat die studierte Buchhalterin ihren Hochzeitsschmuck verkaufen müssen. Aktuell werden von ihr und drei weiteren Helfern 150 Hunde und 70 Katzen betreut. Doppelt so viele Pfleger wären nötig, doch sie können sich keine weiteren Mitarbeiter leisten. Durch die Coronakrise sind die Spenden beinahe ausgeblieben. Restaurants und Festsäle bleiben geschlossen; zuvor war es üblich, dass sie das Tierheim mit Speiseresten beliefern. Besonders Hunde sind in Iran noch zusätzlich bedroht: Sie gelten nach dem Islam als unrein. Fundamentalisten drohten in der Vergangenheit mehrfach, Azadehs Tierheim in Brand zu stecken.

Foto: Ali Sooteh/ NVP Images
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Eine Privatwohnung in Täbris, Hauptstadt der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan: Als einzige Person in ihrem Haushalt verdient Putzfrau Zahra überhaupt Geld. Sie versorgt ihre vier Töchter und einen kranken, behinderten Ehemann. Die Familie hat keine Krankenversicherung, und den Großteil medizinischer Behandlungen müssen Irans Bürger selbst zahlen. Weil ihre Töchter nicht wollen, dass andere Menschen von ihrem Job als Putzfrau erfahren, arbeitet Zahra nur in wenigen ihr vertrauten Haushalten. Sie habe keine Träume, erzählt Zahra. Nur ihren Töchtern wolle sie ein gutes Selbstwertgefühl und ein ehrwürdiges Leben ermöglichen. Laut Schätzungen sind etwa ein bis zwei Millionen Iraner und Iranerinnen durch die Coronakrise arbeitslos geworden, weitere Millionen sind von Arbeitszeit- oder Lohnkürzungen bedroht.

Foto: Jalal Shamsazaran/ NVP Images
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Sie blickt ausnahmsweise von weit oben auf Täbris hinunter: Da die meisten Schönheitssalons in Iran geschlossen wurden, hat ihre Schwester Nahid gebeten, ihr die Haare bei sich zu Hause zu färben. Auch Nahid hat keine Versicherung und ist trotz Ansteckungsgefahr gezwungen, in Privathaushalten zu arbeiten. Vor einer zweiten Welle des Coronavirus und dem drohenden Jobverlust hat sie weniger Angst als vor der Einsamkeit. Während der Quarantäne fehlten ihr die Mutter und Wanderungen in den Bergen, Freunde und die Partys mit ihnen. Nahid lebt getrennt, und nun will ihre erwachsene Tochter zu allem Überfluss ihrem Sohn nach Frankreich folgen.

Foto: Jalal Shamsazaran/ NVP Images
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Die 65-jährige Roghayeh betet bei ihrer Schwester zu Hause. Um die Abstandsregeln einzuhalten, sehen sich die beiden die Zeremonie im Fernsehen an und halten den Koran über ihren Kopf und bitten um Vergebung für falsche Taten. Auch Drive-in-Kinos wurden während des Fastenmonats für religiöse Zeremonien genutzt. Roghayeh importiert normalerweise Frauenkleidung aus der Türkei. Doch während ihrer letzten Reise dorthin wurde die Grenze wegen der Pandemie geschlossen, und ihre Ware ist in der Türkei geblieben. Die hohen Kosten für die Krebsbehandlung und Beerdigung ihres verstorbenen Mannes musste Roghayeh allein zahlen. Notgedrungen betreibt sie ihren kleinen Laden in Täbris weiter, um Kredite zu bedienen.

Foto: Jalal Shamsazaran/ NVP Images
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Maryam Rezaie arbeitet als Fahrlehrerin in der Hauptstadt Teheran und unterstützt damit ihre Familie finanziell. Seit den Lockerungen sitzt sie zwar wieder neben ihren verbliebenen Schülerinnen im Wagen. Aber das Tragen von Maske und Handschuhen ist zusammen mit dem Kopftuch eine zusätzliche Einschränkung im Auto. Maryam hat Angst, sich bei der Arbeit anzustecken. Teheran gehört zu den erneut besonders stark von Covid-19 betroffenen Regionen. Laut einem Gutachten des iranischen Parlaments könnte die Todesrate doppelt so hoch und die Zahl der Infizierten sogar zehnmal so groß sein wie von der Regierung behauptet. Die offizielle Statistik zeigt währenddessen mehr als 2000 Neuinfektionen pro Tag an, nachdem diese deutlich unter 1000 gesunken waren.

Foto: Mehdi Fazlollahi/ NVP Images
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Im März musste Manijeh Kamandloo ihren Schönheitssalon im Osten Teherans schließen. Nun konnte sie wieder öffnen, doch gibt sie den Großteil ihres Einkommens für zusätzliche Schutzkleidung und Desinfektionsmittel aus. Die Mutter von zwei Kindern verdient als einzige in der Familie und fürchtet, ihren Salon nach zwanzig Jahren bald komplett dichtmachen zu müssen. Der Staat leistet seinen Bürgern nur geringe finanzielle Unterstützung. Irans Wirtschaft steht aktuell nicht nur wegen der Coronakrise still. Sie ist zusätzlich von US-Sanktionen, einer Heuschreckenplage, hausgemachter Korruption und der Ölkrise gebeutelt. Die Regierung macht die Bevölkerung für die zweite Viruswelle verantwortlich. Angeblich würden die Iraner und Iranerinnen sich nicht an die Abstandsregeln halten und selten Masken tragen.

Foto: Yasaman Dehmiyani/ NVP Images
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Die 27-jährige Fotografin Yasaman Dehmiani telefoniert im März mit ihrem Vater zum iranischen Neujahrsfest. Ihre Eltern leben im südlichen Schiras und dürfen nicht reisen, um ihre Kinder zu besuchen. Dafür sehen sie sich nun täglich über Video. Yasaman hatte Atemwegsprobleme und verlässt das Haus aus Angst vor der Krankheit nur, wenn es notwendig ist. Jetzt nutzt sie ihre Wohnung in Teheran, um mehr Zeit mit ihrem Mann zu verbringen und Arbeit aufzuholen. Ursprünglich verdiente sie etwa 108 Euro im Monat, seit drei Monaten hat sie keine Aufträge mehr. Yasaman ist Teil des Teams, das diese Serie fotografiert hat.

Foto: Mehdi Fazlollahi/ NVP Images
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