Nach dem Tod von Mahsa Amini Iranischer General räumt erstmals hohe Opferzahl bei Protesten ein

Irans islamistisches Regime geht massiv gegen Proteste der Bevölkerung vor. Die Revolutionsgarden räumten nun den Tod von mehr als 300 Menschen ein. Die tatsächlichen Zahlen dürften deutlich höher liegen.
Solidaritätsproteste für die Frauen in Iran in Washington

Solidaritätsproteste für die Frauen in Iran in Washington

Foto: IMAGO/Allison Bailey / IMAGO/NurPhoto

Mehr als zwei Monate nach dem Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini gehen die Menschen in Iran noch immer für »Frauen, Leben, Freiheit« auf die Straßen. Irans islamistisches Regime geht radikal gegen die Proteste vor.

Erstmals hat ein iranischer General im Zusammenhang mit den anhaltenden systemkritischen Protesten in dem Land von vielen Todesopfern gesprochen. General Amir-Ali Hadschisadeh, der Kommandeur der Luft- und Raumfahrtabteilung der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), sprach in einer Rede von mindestens 300 Toten, wie ein Video des Onlineportals Tabnak am Dienstag zeigte. Er erwähnte dabei auch Märtyrer – gemeint sind damit getötete Sicherheitskräfte und Polizisten. Die Revolutionsgarden sind in Iran die Eliteeinheit der Streitkräfte und wichtiger als das klassische Militär.

Menschenrechtsorganisationen zählen mehr Tote

»Ich kenne die aktuellen Statistiken nicht, aber ich denke, dass seit diesem Vorfall... mehr als 300 Märtyrer und Menschen in diesem Land getötet worden sind, darunter Kinder«, fügte er hinzu. Die Zahl umfasse Dutzende Sicherheitskräfte, die bei den Zusammenstößen mit Demonstranten getötet worden seien, sagte der Revolutionsgardist.

Bisher hatten vor allem Menschenrechtler die Zahl der Todesopfer dokumentiert. Sie liegen auch weiterhin deutlich höher als die des Regimes. Die in den USA ansässige Organisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) etwa ging in einer jüngsten Schätzung infolge der Niederschlagung der Proteste von mindestens 450 getöteten Demonstranten aus, darunter sollen auch 64 Kinder sein. Außerdem sollen 60 Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sein. Amnesty International sprach zuletzt von 440 Toten – und 15.000 Festnahmen seit Beginn der Proteste. Trotzdem ist anzunehmen, dass die tatsächliche Zahl der Getöteten sogar noch höher liegt.

Aktivisten werfen den iranischen Sicherheitskräften vor, getötete Demonstranten heimlich zu begraben, um zu verhindern, dass ihre Beerdigung weitere Proteste gegen die iranische Staatsführung auslösen.

In Iran wird seit mehr als zwei Monaten gegen die Führung in Teheran protestiert. Auslöser war der Tod von Jina Mahsa Amini am 16. September. Amini war von der Sittenpolizei festgenommen worden, da sie ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen haben soll. Aktivisten werfen den Behörden vor, Amini misshandelt zu haben.

Kommandeur Hadschisadeh machte erneut Irans Feinde für die Proteste verantwortlich. Neben den USA nannte er auch Deutschland und Frankreich. Bereits in den vergangenen Wochen hatten Militär und Politik die Schuld auf das Ausland geschoben. Beobachter sehen darin den Versuch, von den eigentlichen Ursachen der Proteste abzulenken.

muk/dpa/AFP
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