Nach dem Tod von Mahsa Amini Iranerinnen protestieren zwölfte Nacht in Folge

Seit dem Tod einer 22-Jährigen in Polizeigewahrsam flauen die Proteste in Iran nicht ab. Der Sohn des letzten Schahs glaubt an einen baldigen Sturz des Regimes.
An vielen Orten der Welt zeigen Exil-Iranerinnen und Iraner ihre Unterstützung für den Kampf der Frauen

An vielen Orten der Welt zeigen Exil-Iranerinnen und Iraner ihre Unterstützung für den Kampf der Frauen

Foto: Thibault Savary / Le Pictorium / IMAGO

Nach dem Tod einer jungen Frau in Polizeigewahrsam sind in Iran am Dienstagabend erneut Demonstranten in mehreren Städten auf die Straße gegangen. Mehrere Frauen nahmen Medienberichten zufolge in verschiedenen Städten ihre Kopftücher ab. Ein Mann soll ein Banner des obersten geistlichen Führers des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, angezündet haben. Aktivisten berichteten, dass es angesichts einer Internetsperre schwieriger werde, Videomaterial zu verbreiten.

Die Sicherheitskräfte in Iran gehen gewaltsam gegen die Proteste vor. Bei den seit zwölf Tagen anhaltenden Protesten wurden laut Aktivisten bislang mindestens 76 Menschen getötet. Nach Angaben der in Oslo ansässigen Nichtregierungsorganisation Iran Human Rights (IHR) waren darunter auch sechs Frauen und vier Kinder.

Behörden sprachen der halbamtlichen Nachrichtenagentur Fars zufolge von bislang »etwa 60 Toten«. Die Polizei meldete der amtlichen Nachrichtenagentur Irna zufolge zehn tote Beamte. Es war unklar, ob diese unter den 60 Toten waren. Die Behörden erklärten am Montag, dass mehr als 1200 Menschen festgenommen worden seien. Aktivistinnen und Aktivisten sprechen von weit höheren Zahlen.

Sohn des letzten Schahs sieht Umsturz in Iran kommen

Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten letzten iranischen Schahs, sieht in den anhaltenden Massenprotesten gegen die Regierung in Teheran ein Vorzeichen für eine Umwälzung. »Es ist meiner Meinung nach die erste Revolution für Frauen, durch Frauen«, sagte der im Exil in den USA lebende Pahlavi der Nachrichtenagentur AFP. Die islamische Regierung in Teheran werde mit »hoher Wahrscheinlichkeit« nicht mehr lange im Amt sein, der Westen müsse sich darauf vorbereiten.

Er sage seit Langem, dass ein Umsturz in Iran »in wenigen Wochen oder in wenigen Monaten« passieren könne, ergänzte Pahlavi. Die Welt müsse »an eine Alternative denken.« Er ergänzte: »Wir müssen die hohe Wahrscheinlichkeit in Betracht nehmen, dass dieses Regime nicht mehr lange existiert.« Es sollte demnach eine »kontrollierte Implosion« stattfinden, mit einem sanften, friedlichen Übergang.

Der in einem großen Teil der iranischen Exilgemeinde respektierte Pahlavi betonte, er wolle aber nach einem Sturz der islamischen Republik keine Rückkehr der Monarchie in Iran. Pahlavi sprach sich stattdessen für eine verfassunggebende Versammlung aus, die Iran ein neues Grundgesetz geben solle. Es könne »keine echte demokratische Ordnung geben ohne eine klare Definition und Trennung von Kirche und Staat«, sagte Pahlavi.

Internationale Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte

International wird das Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte gegen die Proteste hart kritisiert.

Uno-Generalsekretär António Guterres hat Iran bei einem Treffen mit Präsident Ebrahim Raisi aufgefordert, auf »unverhältnismäßige Gewalt« gegen Demonstranten zu verzichten. Bei einem Treffen mit Raisi am Rande der Uno-Generaldebatte in der vergangenen Woche habe Guterres zudem gefordert, Menschenrechte wie das Recht auf Meinungsfreiheit und das Recht auf Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit zu achten, erklärte sein Sprecher Stéphane Dujarric am Dienstag.

»Wir sind zunehmend besorgt über Berichte über einen Anstieg der Todesfälle im Zusammenhang mit den Protesten, darunter Frauen und Kinder«, fügte der Sprecher hinzu. Guterres rufe die iranischen Sicherheitskräfte auf, »keine unnötige oder unverhältnismäßige Gewalt anzuwenden«, und appelliere »an alle, äußerste Zurückhaltung zu üben, um eine weitere Eskalation zu vermeiden«.

Guterres forderte den Angaben zufolge auch eine »rasche, unabhängige und effektive Untersuchung« des Todes der 22-jährigen Mahsa Amini.

Die Uno-Frauenorganisation UN Women hat den Frauen in Iran nach dem gewalttätigen Vorgehen von Sicherheitskräften gegen Protestierende ihre Unterstützung zugesagt. »Wir fordern die zuständigen Behörden auf, die Ausübung der kompletten Menschenrechte in einem sicheren Umfeld ohne Angst vor Gewalt, Anklage oder Verfolgung zu unterstützen und zu ermöglichen«, hieß es in einer in der Nacht veröffentlichten Mitteilung. Die Frauen müssten nach Unrecht protestieren dürfen, ohne Repressalien ausgesetzt zu sein. Sie hätten das Recht auf körperliche Autonomie, das beinhalte auch die Wahl ihrer Kleidung.

Zentralrat der Muslime warnt vor antimuslimischem Rassismus

Auch in Deutschland wird der Protest in Iran diskutiert. In einer Aktuellen Stunde debattiert der Bundestag am Mittwoch über die landesweiten Proteste in Iran. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) hat die Gewalt der iranischen Sicherheitskräfte gegenüber Demonstranten verurteilt. »Viele deutsche Muslime haben großen Respekt vor dem Mut der protestierenden Frauen auf iranischen Straßen«, sagte der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Sie bangen um Demonstrantinnen und Demonstranten, die brutal von iranischen Sicherheitskräften niedergeknüppelt werden.«

Mazyek betonte, dass es aus muslimischer Sicht »weder einen Kopftuchzwang noch einen Zwang, kein Kopftuch zu tragen« geben dürfe.

Zugleich warnte Mazyek davor, dass die Entwicklung in Iran hier dazu genutzt werde, »um erneut das Feindbild Muslim zu schüren und so Zwietracht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu säen«. Als Beispiel nannte er den Farbanschlag auf eine Moschee in Hamburg am Wochenende, bei dem ein 71-Jähriger leicht verletzt wurde.

muk/dpa/AFP
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