Proteste gegen Regime in Iran "Unser Feind steht hier"

Die Führung in Teheran steht unter Druck wie lange nicht. Der Abschuss der Boeing 737 bringt selbst Anhänger gegen die Regierung auf. Wie reagiert Staatsoberhaupt Khamenei?
Proteste gegen das iranische Regime: "Sie belügen uns"

Proteste gegen das iranische Regime: "Sie belügen uns"

Foto: STR/ AFP

Als die Dinge beginnen aus dem Ruder zu laufen in den Straßen von Teheran, in Rasht, in Shiraz, Amol und Kermanshah, und die Armen des Landes in ihrer Wut und Trauer beginnen, sich mit den Studenten zu verbinden, zeigt Staatspräsident Hassan Rohani plötzlich so etwas wie Demut. „Das Volk ist unser Herr, und wir sind seine Diener“, ermahnt der Regierungschef den Ministerrat. Die Ansprache wird ausnahmsweise im staatlichen Fernsehen übertragen.

Rohani wirbt in Teheran für eine „neue Form des Regierens“. Künftig solle nicht mehr „nur ein Teil“ der Bevölkerung den Kurs des Landes bestimmen, sagt er. Bei den anstehenden Parlamentswahl im Februar sollen erstmals alle Kandidaten zugelassen werden. Denn bisher schließt der sogenannte Wächterrat unliebsame Bewerber einfach aus.

Ist das Einsicht? Oder nur die Angst, die Teherans Regierung treibt, seit plötzlich alles auf dem Spiel zu stehen scheint: das Atomabkommen, die Glaubwürdigkeit bei der eigenen Basis - und damit die eigene Macht?

"Ein giftiger Dolch"

Der Oberste Führer des Iran hatte heute erstmals nach acht Jahren selbst das Freitagsgebet gesprochen. Ajatollah Ali Khamenei nannte den US-Präsidenten Donald Trump einen "Clown", der nur vorgebe, das iranische Volk zu unterstützen, dem Land aber "einen giftigen Dolch" in den Rücken stoße. Den "Feinden des Iran" warf er vor, das "bittere Ereignis" des Flugzeugabschusses auszubeuten, um die Islamische Republik mit ihren Revolutionswächtern und den Sicherheitskräften grundsätzlich infrage zu stellen. Auf die Demonstrationen im Land ging er direkt nicht ein.

„Das ist zu wenig und zu spät,“ sagt der Unternehmer Aarash, 36, aus Teheran. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler kam vor sieben Jahren aus den USA in die Heimat zurück und glaubt, in diesen Tagen den Anfang vom Ende der Islamischen Republik zu erleben: „Wer sich jetzt nicht vom Machtzentrum distanziert, hat den Zeitpunkt verpasst.“

Die Musiklehrerin Goli Heydarian, 29, hat in Shiraz miterlebt, wie das Regime mit den Demonstranten vor ihrer Universität kurzen Prozess machte. Sicherheitskräfte schlugen den Protest einfach nieder. „Diese Regierung hört weder auf uns, noch auf das Ausland“ sagt sie frustriert.

Es ist viel zusammengekommen in den vergangenen Wochen: die Armut und die Arbeitslosigkeit, die galoppierende Inflation. Milch kostet jetzt doppelt so viel wie noch vor ein paar Monaten, Kalbfleisch ist um die Hälfte teurer. Der Benzinpreis wurde im November über Nacht verdreifacht. 

Die Iraner sind in ihrer Wut vereint

Als die Iraner damals wütend auf die Straße gingen, um ihrer Unzufriedenheit Luft zu machen, erschossen Sicherheitskräfte willkürlich Hunderte Demonstranten, einfach so. Zur Abschreckung.

Die Iraner sind in ihrer Wut vereint, egal welchem politischen Lager sie angehören.

Alle Seiten wissen jetzt, dass die Regierung sie nicht bewahren kann vor dem rapiden Verfall ihres ohnehin bescheidenen Wohlstands. Und auch nicht vor einer Demütigung wie dem Mord an Qasem Soleimani, einem ihrer wichtigsten Kommandeure.

Dieses kollektive Gefühl, Opfer einer grandiosen Inkompetenz zu sein, erreichte am vergangenen Mittwoch einen vorläufigen Höhepunkt, als die Boeing 737-800 um 6.13 Uhr am internationalen Imam Khomenei Flughafen abhob und nur Minuten später von einer iranischen Abwehrrakete abgeschossen wurde. 

Unter den Toten befanden sich ebenso die Kinder des stellvertretenden iranischen Gesundheitsministers, Mohsen Asadi-Lari, ebenso wie der Familienvater Mehrdad Naghib Lahooty, 44, der erst vor einem Jahr nach Toronto ausgewandert war. Lahooty hatte für sich und seine Kinder keine Zukunft mehr gesehen in Iran.

Viele der 176 Passagiere des Fluges 752 waren Auslandsiraner. Die meisten hatten in der Heimat Verwandte besucht. Sie wollten über Kiew weiterreisen, nach Kanada, Schweden, Deutschland oder die Schweiz.

"Wir spüren den Druck"

Unweigerlich fühlten sich die Iraner an das Schicksalsjahr 1988 erinnert. Damals hatten die USA am 3. Juli versehentlich einen Airbus A300 mit 290 Passagieren über dem Persischen Golf abschossen. Alle Insassen starben.

Die Bürger reagieren voller Zorn und Frust. Demonstranten vor der Universität in Teheran riefen : „Sie belügen uns, nicht Amerika ist unser Feind, unser Feind steht direkt hier.“ Ganz offen forderten sie Khameneis Rücktritt.

Wie lang kann sich eine Regierung behaupten, die immer weniger Einnahmen hat, die international isoliert ist und auch im eigenen Lager an Rückhalt verliert? "Wir spüren den Druck," sagt der iranische Botschafter in Berlin, Mahmoud Farazandeh dem SPIEGEL. Und trotzdem gibt sich der Diplomat optimistisch. „Wir sind weitgehend autark, wir haben ausreichend Öl und Gas, produzieren fast alles selbst. Wir werden das schaffen.“

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