Iranische Armee im Manöver (Archivbild)

Iranische Armee im Manöver (Archivbild)

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SAJAD SAFARI/ AFP

Überblick in Grafiken Irans Kämpfernetzwerk

Im Kräftemessen mit den USA setzt Iran auf seine Armee - und auf ein Netzwerk von Schattenkriegern in vielen Staaten des Nahen Ostens. Wie das Regime aufgestellt ist, zeigt der Grafiküberblick.

Die Wut, die sich nach der Exekution des iranischen Generals Qasem Soleimani am 3. Januar 2020 noch gegen die US-Amerikaner richtete, suchte sich in Iran am Wochenende teilweise ein anderes Ziel: die "Wächter der Revolution" und die iranische Führung. Nach mehreren Dementis räumte diese ein, für den Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran verantwortlich zu sein. Die Luftwaffe der iranischen "Revolutionswächter" habe das Flugzeug versehentlich mit einem Marschflugkörper verwechselt. Beim Absturz wurden alle 176 Insassen getötet.

Militärexperten vermuten, dass das Regime dennoch auf lange Sicht unbeschadet aus der kritischen Situation hervorgehen könnte. Der Grund: Zu weitreichend habe es mittlerweile Regierungen wie beispielsweise im Irak infiltriert, zu groß sei das Netzwerk, das General Soleimani mit seinen Quds-Brigaden in der Region aufgebaut habe.

Wer sind die Quds-Brigaden?

Die Quds-Brigaden sind eine geschätzt 5000 Mann starke iranische Spezialeinheit für Auslandseinsätze. Die Truppe ist Teil der mächtigen "Wächter der Revolution" und untersteht direkt Irans geistigem Führer, Ajatollah Ali Khamenei. Als Chef der Quds-Brigaden steuerte Soleimani Irans Politik im Ausland. Er baute ein Netzwerk auf, das über den Nahen Osten hinaus reichte. Der General fuhr regelmäßig nach Syrien und in den Libanon, besonders häufig besuchte er das Nachbarland Irak, wo er schiitische Kämpfer und Iran wohlgesonnene Milizen überwachte und sich mit ihren Anführern abstimmte.

Das Internationale Institut für strategische Studien (IISS) hat einen Teil dieser Reisen dokumentiert:

Der Irak spielte bei Teherans ideologischer Unterwanderungsstrategie spätestens seit Ende 2011 eine besondere Rolle. Mit dem vorübergehenden Abzug der US-amerikanischen Kampftruppen war der Weg frei für die "Wächter der Revolution" – und mit ihnen für Soleimani und seine Quds-Brigaden.

In der Folge baute Iran seinen militärischen Einfluss im Nachbarland aus und kontrollierte die ab 2014 formierten Volksmobilisierungseinheiten, einen vorrangig schiitischen Milizenverband aus Dutzenden Kampfgruppen. Sie bekämpften vor allem den "Islamischen Staat", gerieten später aber auch mit kurdischen Einheiten in Konflikt.

Was bezweckt Teheran?

"Iran hat zwei Hauptziele", sagt der britische Militärexperte Tom Beckett. Er ist leitender Direktor beim IISS mit Schwerpunkt Nahost. "Das Regime will sein Überleben sichern und die Islamische Revolution exportieren." Die Quds-Brigaden spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Als eine wichtige Stütze der iranischen Sicherheitspolitik sind sie sehr gut ausgestattet. In der gesamten Region bringen sie Paramilizen in Stellung, unterstützt werden vor allem schiitische Gruppierungen, vereinzelt auch sunnitische, wenn es den Interessen Irans dient.

Die USA und Israel befürchten, dass die Quds-Brigaden aus Syrien heraus Anschläge gegen sie vorbereiten. Die israelische Luftwaffe hat deshalb regelmäßig iranische und von Iran unterstützte Gruppen angegriffen.

Im Libanon bilden die Quds-Brigaden Führungskräfte der Hisbollah aus und haben die Miliz zum bestbewaffneten nichtstaatlichen Akteur der Welt hochgerüstet. Rüstungsexperten schätzen, dass die Hisbollah-Miliz über etwa 130.000 Kurzstreckenraketen verfügt, die Israel erreichen könnten.

Und im Jemen haben sich die Huthi-Rebellen dank iranischer Hilfe zu einer gut ausgerüsteten Truppe entwickelt. Mit ihrer Artillerie, Drohnen, Raketen und Seeminen, stellen sie eine Gefahr für die internationale Luft- und Schifffahrt dar.

Welche Folgen hätte ein Krieg mit Iran? 

Iran verfügt über das größte Raketenarsenal des Nahen Ostens. Israel und sogar Südosteuropa liegen in Reichweite. Revolutionsgarden und Armee sind schätzungsweise knapp 600.000 Mann stark, ihnen stehen etwa 1510 Kampfpanzer, 335 Kampfflugzeuge und knapp 90 Kriegsschiffe zur Verfügung. Zu den regulären Truppen kommen zahlreiche paramilitärische Gruppierungen hinzu. So zählt die Basidsch, eine Freiwilligentruppe, laut iranischen Quellen 12,6 Millionen Mitglieder. Schätzungen gehen davon aus, dass davon 600.000 kampffähig sind.

In direkter Nachbarschaft zu Iran sind momentan etwa 67.000 US-Soldaten stationiert. Die US-amerikanischen Aktivitäten in der Region sind Teheran seit jeher ein Ärgernis. 

Tom Beckett: "Iran wird die USA nicht militärisch besiegen können. Gleichzeitig wissen die USA aus vergangenen Konflikten, dass die Besetzung eines Landes blutig und teuer ist. Allerdings könnten die Vereinigten Staaten der iranischen Marine und Luftwaffe sowie der Wirtschaft des Landes erheblichen Schaden zufügen, ohne dass ein US-Soldat seinen Fuß auf iranischen Boden setzen muss."

Wie geht es weiter?

Zuletzt war das Regime in Teheran unter Druck geraten. Im Irak nahm die anti-iranische Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung stark zu. Der Frust der Protestbewegung richtete sich ab Oktober 2019 vor allem gegen die korrupte Elite, die oft eng mit Iran verbunden ist. Bei blutigen Zusammenstößen starben bislang mehr als 350 Menschen, 15.000 wurden verletzt. Viele Iraker sehen die Ursache der eskalierenden Gewalt bei pro-iranischen Milizen. Diese griffen auch US-Personal mit Raketen an. "Mit diesen Raketenangriffen wollte Iran einen Gegenangriff provozieren, um so den Hass der Bevölkerung von sich weg in Richtung der US-Amerikaner zu lenken", glaubt Beckett. Auf kurze Sicht soll so die irakische Regierung dazu gebracht werden, die US-Soldaten aus dem Land zu werfen. Und der Plan scheint aufzugehen: Nach dem Drohnenangriff auf Soleimani beschloss das irakische Parlament genau das.

Auch wenn sich die Stimmung aktuell wieder gegen das Regime in Teheran richtet, ist Iran damit seinem langfristigen Ziel, die US-Amerikaner vollständig aus der Region zu vertreiben, vermutlich einen Schritt nähergekommen. Von einer offenen Auseinandersetzung gehen derzeit die wenigsten aus. Sowohl die USA als auch Iran haben bekundet, kein Interesse an einer weiteren Eskalation zu haben.

"Iran wird weiter versuchen, die USA asymmetrisch zu bekämpfen und die US-Agenda politisch zu unterlaufen", sagt Beckett. Der Konflikt wird also weiter schwelen – an verschiedenen Schauplätzen und verdeckt. Dafür wird das Regime weiterhin das Netzwerk nutzen, das General Soleimani mit den Quds-Brigaden aufgebaut hat.

Mitarbeit: Max Heber, Gernot Matzke