Mathieu von Rohr

Islamistische Anschläge in Frankreich Der Terror wirkt

Mathieu von Rohr
Eine Analyse von Mathieu von Rohr
Eine Analyse von Mathieu von Rohr
Kein europäisches Land ist so oft zum Ziel des islamistischen Terrors geworden wie Frankreich. Und das Kalkül der Attentäter geht leider auf: Die Gesellschaft ist gespaltener denn je.
Menschen gedenken vor der Kirche Notre Dame in Nizza der Opfer eines islamistischen Attentäters

Menschen gedenken vor der Kirche Notre Dame in Nizza der Opfer eines islamistischen Attentäters

Foto: Valery Hache / dpa

Der militante Islamismus folgt einer mörderischen und menschenverachtenden Ideologie. Und kein europäisches Land hat unter diesem Gedankengut so sehr gelitten wie Frankreich.

Es sind nur noch wenige Tage bis zum fünften Jahrestag der Anschläge vom 13. November 2015 auf das Bataclan, auf die Cafés und Restaurants im Pariser Zentrum. 130 Menschen wurden dabei ermordet, mehr als 600 verletzt. Ein Dreivierteljahr davor hatten schon die Anschläge auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" das Land traumatisiert. Schon 2012 hatte ein islamistischer Attentäter in Toulouse gezielt jüdische Menschen hingerichtet. Und im Jahr 2016 ermordete ein Terrorist am Nationalfeiertag in Nizza 86 Menschen mit einem Lastwagen.

Es gibt auch kein anderes europäisches Land, aus dem so viele Bürger in das Territorium des "Islamischen Staats" reisten – fast 2000 Franzosen eilten ins Kalifat, um dort zu kämpfen und zu leben. Viele, aber längst nicht alle, hatten einen Migrationshintergrund. Die Radikalisierung junger französischer Muslime in den Vorstädten der Metropolen ist seit Jahren ein drängendes Problem, das keine Regierung in den Griff bekommt.

Autoritäre Ermächtigungsfantasien

Frankreich kennt das Gift des militanten Islamismus also schon viel zu gut. In den vergangenen Wochen ist es erneut damit konfrontiert worden: Ein Lehrer, der mit seinen Schülern anhand von Mohammed-Karikaturen über Meinungsfreiheit diskutieren wollte, wurde bestialisch ermordet. Und nun hat ein Attentäter am Donnerstag in Nizza erneut drei Menschen getötet – in einer Kirche.

Jede dieser Taten macht aufs Neue fassungslos und wütend. Es sind totalitäre Angriffe auf die Freiheit einer liberalen, westlichen Gesellschaft. Radikalisierte, ideologisch verblendete Attentäter leben ihre autoritären Ermächtigungsfantasien aus. Sie folgen meist einem Ziel: sich selbst zu erheben über andere, sich mächtig zu fühlen. Ein kleiner arbeitsloser Jugendlicher kann im Kosmos der Dschihadisten mit einer unmenschlichen Bluttat zum Star werden. Und er kann eine ganze Gesellschaft erschüttern.

Präsident Macron in Nizza

Präsident Macron in Nizza

Foto: Eric Gaillard / dpa

Das ist das zweite, das grundsätzliche Ziel des islamistischen Terrors: Die westlichen Gesellschaften von innen heraus anzugreifen und sie zu spalten. In der Ideologie des "Islamischen Staats" war stets die Rede davon, dass mit den Anschlägen die sogenannte graue Zone des Miteinanders ausgelöscht werden müsse, in der Muslime friedlich mit Nichtmuslimen zusammenleben – dieses Zusammenleben gilt den Ideologen des Terrors als Sünde. Muslime, die selbstverständlich und gut integriert als Staatsbürger einer westlichen Demokratie leben, widersprechen dieser totalitären Ideologie.

Die Islamisten haben damit zumindest ein gemeinsames Ziel mit einem anderen radikalen Teil des politischen Spektrums: den Rechtsextremisten. Auch ihnen sind diverse Gesellschaften ein Dorn im Auge, auch sie wollen kein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen.

Es ist deshalb kein Zufall, dass am Donnerstag in Avignon nur wenige Stunden nach dem Attentat in Nizza ein rechtsextremistischer Attentäter auftauchte und gerade noch rechtzeitig am Töten gehindert werden konnte. Dschihadisten und Rechtsextremisten, Islamisten und Islamhasser – sie bedingen einander, sie gehören zusammen und sie sind beide Feinde einer liberalen, inklusiven Gesellschaft.

Die Meinungsfreiheit muss verteidigt werden

Es gibt auf die islamistischen Attentate auf die Meinungsfreiheit dieser Tage natürlich nur eine Antwort. Präsident Emmanuel Macron hat sie gegeben: Die Meinungsfreiheit muss klar verteidigt werden, natürlich gehören dazu auch Karikaturen. Und der militante Islamismus muss mit aller Macht von den Sicherheitsbehörden verfolgt und ausgemerzt werden.

Der Islamismus hat allerdings auch einen Nährboden, der nicht vergessen werden darf. Da sind natürlich zum einen die Radikalisierer im Internet, die YouTube-Akademien, in denen Attentäter gezüchtet werden.

Aber es gibt auch ein gesellschaftliches Reservoir, aus dem viele der Extremisten stammen: Frankreichs Vorstädte mit ihren unterprivilegierten Jugendlichen, die auch ökonomisch am Rand der Gesellschaft stehen – es ist Frankreichs Politikern seit vielen Jahrzehnten nicht gelungen, sie durch das Bildungssystem und die Wirtschaft besser zu integrieren, sie bleiben über Generationen am Rand der Gesellschaft. Auch das hat dazu geführt, dass sich die totalitären islamistischen Ideologien hier so gut ausbreiten konnten.

"Dschihadisten und Rechtsextremisten, Islamisten und Islamhasser – sie bedingen einander, sie gehören zusammen und sie sind beide Feinde einer liberalen, inklusiven Gesellschaft"

Je mehr grausame Taten ein Land erleben muss, desto schwerer fällt vielen auch die Differenzierung – und desto mehr richten sich die Ressentiments auch gegen Muslime insgesamt.

Die islamistischen Anschläge haben es in Frankreich in der Vergangenheit zwar geschafft, weite Teile der Gesellschaft gegen den Terror zu einen – aber zugleich ist es in Frankreich längst nicht mehr nur am rechtsextremen Rand der Politik salonfähig geworden, nicht mehr nur die islamistische Terrorideologie anzugreifen, sondern auch die französischen Muslime als Ganzes kritisch zu sehen. Dabei leben in Frankreich so viele Muslime wie nirgends in Europa, und selbstverständlich hängt die große Mehrheit von ihnen keineswegs dem militanten Islam an. Diese Tatsache geht aber in diesen aufgewühlten Zeiten immer mal wieder unter.

Kritik am Islam statt am Islamismus

In Frankreich ist in den vergangenen Jahren eine grundsätzliche Islamkritik von den rechten Rändern in den Mainstream eingedrungen. Ein Rechtsaußen wie Eric Zemmour schreibt weiterhin in der konservativen Zeitung "Le Figaro" und verbreitet die These, dass der militante Islamismus und der Islam im Grunde ein und dasselbe seien. Marine Le Pen und ihr rechtsextremes Rassemblement national verbreiten solche Ideen schon lange, aber man hört sie schon lange nicht mehr nur an den Rändern.

Das jüngste Beispiel ist Macrons Innenminister Gérald Darmanin, der sich gegen "kommunitaristische" Halal-Abteilungen in Supermärkten aussprach und unterstellte, sie gefährdeten die laizistischen Grundfesten der Republik.

Der Begriff "Communautarisme" ist in Frankreich ein Schimpfwort – er bezeichnet eine Weltanschauung, die ethnische oder religiöse Besonderheiten von Bevölkerungsgruppen hochhält und sich nicht vollkommen der laizistischen Leitkultur der französischen Republik unterstellen will. Mittlerweile ist der Begriff ein Code geworden für die Sorge vor einer muslimischen Parallelgesellschaft.

Die Äußerungen des Innenministers wurden von vielen scharf kritisiert, auch vom ehemaligen Präsidenten François Hollande: Hier werde eine "Vermischung" vorgenommen. In einer Rede kritisierte Präsident Macron zudem beiläufig den Islam als eine Religion, die "weltweit in der Krise" sei. Auch das kam bei vielen nicht gut an.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der mit Macron schon lange wegen Gasvorkommen im Mittelmeer im Konflikt liegt, sah darin eine willkommene Gelegenheit zum Angriff. Auch die Mohammed-Karikaturen, die in Frankreich aus Solidarität gerade wieder gedruckt werden, nutzte er für seine perfide Attacke. Erdoğan beschimpfte Macron als geisteskrank und schickte seine digitalen Propagandatruppen in den Kampf gegen Frankreich – die Accounts der Muslimbrüder verbreiteten Boykottaufrufe, in Teilen der islamischen Welt kam es zu Protesten gegen Frankreich. Ausgerechnet gegen das Land, das gerade zum Opfer einer mörderischen Tat von Islamisten geworden war.

Erdoğan hat ein zynisches, perverses Spiel getrieben

Erdoğan hat ein zynisches, perverses Spiel getrieben – und er ist damit zumindest indirekt mitschuldig an dem erneuten Anschlag dieser Woche in Nizza. Er hat mit seinen Angriffen das aufgeheizte Klima geschaffen, das zu der grausamen, erneuten Bluttat in der Kirche führte.

Natürlich hat sich durch diese Kontroverse und das erneute Attentat auch das gesellschaftliche Klima in Frankreich noch einmal verdüstert. Es ist ein trauriges Fazit, das man am Ende dieser Woche ziehen muss: Der islamistische Terror wirkt, er schafft es, nicht nur Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern auch die gesellschaftliche Spaltung zu verschärfen – und politische Kontroversen zu befeuern, die zu neuen Terrorakten führen. Frankreich befindet sich durch den erneuten Corona-Lockdown ohnehin schon in einer depressiven Phase.

Der islamistische Terror trifft das Land in einer besonders verwundbaren Zeit. Frankreich hat wie kein anderes europäisches Land unter dem islamistischen Terror gelitten – und wirkt tief erschüttert. Es verteidigt zu Recht seine Werte. Aber es stimmt – kurz vor dem Jahrestag der Bataclan-Anschläge – leider pessimistisch, dass der Terrorismus die Spaltungen in Frankreich weiter verschärft. Und dass das Land darauf weder politisch noch gesellschaftlich eine Antwort findet.