Israels Premier Netanyahu über Kämpfe mit Palästinensern »Es ist noch nicht vorbei«

Nach den schweren Angriffen auf Stellungen der Hamas kündigt Israels Premier Netanyahu weitere Militärschläge an. Die Zahl der Opfer steigt – und jetzt hat der Konflikt auch das Westjordanland entflammt.
Ein Gebäude in Gaza-Stadt, das mit der Hamas in Verbindung gebracht wird, explodiert während eines israelischen Angriffs

Ein Gebäude in Gaza-Stadt, das mit der Hamas in Verbindung gebracht wird, explodiert während eines israelischen Angriffs

Foto: MAHMUD HAMS / AFP

Seit fünf Tagen blickt die Welt auf die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten – ein Ende des Konflikts ist weiter nicht in Sicht, im Gegenteil: Nach den jüngsten Angriffen seiner Armee auf ein Tunnelsystem der Hamas hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu eine mögliche weitere Verstärkung der Angriffe angedeutet. »Ich habe gesagt, wir würden die Hamas und die anderen Terrororganisationen sehr hart schlagen. Und genau das tun wir«, sagte Netanyahu am Freitag nach einer Mitteilung seines Büros.

Israel werde alles tun, um die Sicherheit seiner Bürger wiederherzustellen, sagte Netanyahu weiter. »Es ist noch nicht vorbei.« Die Hamas habe gedacht, sie könnte sich in dem Tunnelsystem verstecken. Dies sei aber nicht gelungen.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu

Foto: YUVAL CHEN / AFP

Das massive Bombardement eines Hamas-Tunnelsystems in der Nacht zu Freitag war der vorläufige Höhepunkt der gewalttätigen Auseinandersetzung. Die israelische Armee geht demnach davon aus, dass Dutzende Hamas-Aktivisten getötet wurden – darunter auch führende Mitglieder der Organisation. Ebenso viele Leichen könnten noch in den Trümmern des Tunnelsystems verborgen sein.

Laut der israelischen Zeitung »Haaretz « ist das Tunnelnetzwerk im Gazastreifen Tausende Kilometer lang, die Streitkräfte nennen es »Metro«. Es wurde vor einigen Jahren gebaut, um Angriffe auf Israel zu ermöglichen und einen Schutz- und Rückzugsort für die Hamas zu bieten.

Lockte die israelische Armee die Hamas-Kämpfer in die Falle?

40 Minuten lang dauerten die Angriffe der Luftwaffe und mit Panzerkanonen. Als sich die Flugzeuge auf den Start vorbereiteten, sah es laut »Haaretz« so aus, als würden Bodentruppen sich bereit machen, den Gazastreifen zu betreten. Eine entsprechende – aber letztendlich falsche – Meldung hatte die israelische Armee unter anderem auf Twitter verbreitet .

Daraufhin seien viele Hamas-Kämpfer in die Tunnel gegangen. Genau dies könnte das Ziel der israelischen Streitkräfte gewesen, wird nun in Israel vermutet. Auch Netanyahus Aussage kann man so deuten.

DER SPIEGEL

Die Bodentruppen betraten den Gazastreifen nicht, standen laut »Haaretz« aber bereit, um gegebenenfalls das Feuer auf Personen aus den Tunneln zu eröffnen. Die Meldung, die Armee sei mit Bodentruppen in den Gazastreifen einmarschiert, hatte weltweit Aufsehen erregt, ehe die israelische Armee ihre Angaben korrigierte.

Mehr als 2000 Raketen auf Israel

Die Kämpfe zwischen der israelischen Armee und militanten Palästinensern sind die heftigsten Gefechte seit 2014. Seit Montag feuerten militante Palästinenser der israelischen Armee zufolge mehr als 2000 Raketen ab. Israel reagiert darauf mit Militärschlägen – Luftwaffe und Artillerie bombardierten rund 750 Ziele im Gazastreifen.

Mehr als 122 Menschen starben seit Montag durch die israelischen Luftangriffe im Gazastreifen, darunter 31 Kinder. Israel gab den Tod von neun Menschen bekannt, darunter ein sechsjähriger Junge und ein Soldat.

Zunehmend kämpfen nicht nur Militär und Hamas gegeneinander. Auch jüdische und arabische Israelis gehen aufeinander los (mehr dazu lesen Sie hier).

Der aktuelle Konflikt entflammte während des Fastenmonats Ramadan. Polizeiabsperrungen in der Jerusalemer Altstadt wurden von vielen jungen Palästinensern als Demütigung empfunden. Auch Zugangsbeschränkungen zum Gelände der Aksa-Moschee während des Ramadans trugen zum Zorn der Palästinenser bei.

Konflikt weitet sich auf Westjordanland aus

Hinzu kommen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern wegen Zwangsräumungen in Jerusalem sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (mehr zu den Hintergründen des Konflikts lesen Sie hier.)

Auch in der Nacht zu Mittwoch stiegen über Gaza-Stadt Feuerbälle auf. Mehrere Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt. Aus dem Gazastreifen wurden zugleich erneut Dutzende Raketen auf die südisraelischen Küstenstädte Aschdod und Aschkelon sowie in die Umgebung des Ben-Gurion-Flughafens von Tel Aviv abgefeuert.

Zudem weitete sich der Konflikt auf das Westjordanland aus. In dem von Israel besetzten Gebiet kam es am Freitag zu den heftigsten Zusammenstößen seit 20 Jahren. Laut einer Bilanz des palästinensischen Gesundheitsministeriums vom Freitagabend wurden zehn Palästinenser im Westjordanland durch von israelischen Soldaten abgefeuerte Kugeln getötet. Rund 150 weitere Menschen wurden bei den Zusammenstößen im Westjordanland verletzt. Die israelische Armee verstärkte nach erneutem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ihre Angriffe auf dieses Gebiet.

Zudem sind zwei Demonstranten aus dem Libanon bei Zusammenstößen an der Grenze zu Israel ums Leben gekommen, einer von ihnen durch Panzerfeuer. Ein 21-Jähriger sei getroffen worden, nachdem er mit Dutzenden anderen am Freitag über den Grenzzaun auf israelisches Gebiet gelangte, berichtete die staatliche libanesische Agentur NNA. Laut Augenzeugen wurde er am Bauch getroffen und starb später im Krankenhaus. Ein zweiter Demonstrant sei angeschossen worden. Er erlag später seinen Verletzungen, wie Sicherheitskreise bestätigten.

Die israelische Armee teilte mit, dass Panzer Warnschüsse auf eine Gruppe von Randalierern abfeuerten. Diese hätten den Zaun beschädigt und Feuer gelegt, ehe sie in libanesisches Gebiet zurückkehrten. Die Demonstranten hatten ihre Solidarität mit den Menschen in Gaza und Jerusalem gezeigt und palästinensische Flaggen mit Blick auf das Dorf Metula im Norden Israels geschwenkt. Libanons Präsident Michel Aoun verurteilte den Angriff.

Uno-Sicherheitsrat tagt erst am Sonntag

Weltweit wächst angesichts der Eskalation die Angst vor einem neuen Gazakrieg. Die Bundesregierung betonte das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilten am Mittwoch die Gewalt der Hamas.

Auch der Uno-Sicherheitsrat will sich erneut mit dem Konflikt beschäftigen. Eine zunächst für Freitag angedachte Sitzung wird nun am Sonntag stattfinden. Die USA hatten um eine Verschiebung gebeten, weil diplomatische Bemühungen andauerten und die geplante offene Sitzung diese nach Ansicht Washingtons hätte untergraben können.

Auch Russland und Ägypten haben angekündigt, sich um eine Vermittlung für ein Ende der Gewalt zu bemühen. Wie die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf ägyptische Sicherheitskreise berichtet, lehnt Israel ein Vermittlungsangebot aus Kairo allerdings bisher ab. Vertreter Israels hätten alle Vorschläge zur Vermittlung einer Waffenruhe oder auch einer vorübergehenden Feuerpause zurückgewiesen, hieß es demnach.

slü/ulz/dpa/AFP
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