Israels Geheimdienst Die Corona-Mission des Mossad

Israels Geheimdienst Mossad jagt normalerweise Staatsfeinde im Ausland. In der Coronakrise beschaffen die Agenten nun medizinische Ausrüstung. Eine Aktion, die nicht nur den Erkrankten nützt.
Gläubige in Jerusalem: Netanyahus Zustimmungswerte schnellen seit der Coronakrise in die Höhe

Gläubige in Jerusalem: Netanyahus Zustimmungswerte schnellen seit der Coronakrise in die Höhe

Foto: ABIR SULTAN/EPA-EFE/Shutterstock

Die geheime Mission wurde in einer Pressemitteilung verkündet: Im Kampf gegen das Coronavirus sei das Equipment knapp, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am 19. März, deshalb nutze Israel "alle verfügbaren Mittel", um Gesichtsmasken und Beatmungsmaschinen zu besorgen. Beteiligt seien das Außenministerium, die israelische Armee - und sogar der Auslandsgeheimdienst Mossad.

Wenige Tage später konnten erste Erfolge vermeldet werden. Der Mossad habe 100.000 Testkits nach Israel gebracht, berichteten lokale Medien. Es folgten Schutzoveralls, Beatmungsgeräte und Medikamente – alle organisiert von den Spionen des Mossad.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Es ist ein ungewöhnliches Vorgehen: Normalerweise jagt der Mossad Terroristen im Ausland oder horcht feindliche Regime aus. Für medizinisches Know-how war die Organisation bislang eher nicht bekannt. Wie kommt es, dass der Geheimdienst nun hilft, Corona-Ausrüstung zu besorgen?

"Es ist nicht so überraschend, wie man denken könnte", sagte der ehemalige Mossad-Chef Dani Yatom  dem SPIEGEL. "Die Geschichte des Mossad ist voller ähnlicher Missionen." Yatom, der in den Neunzigerjahren an der Spitze des Mossad stand, zählt nur einige auf:

  • Die Rettung äthiopischer Juden, die in den Achtzigerjahren mithilfe des Geheimdienstes aus dem Land geschmuggelt wurden.

  • Die Entführung des Nazi-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann, den der Mossad in Argentinien aufspürte. Agenten brachten Eichmann 1960 nach Israel, wo er vor Gericht gestellt und gehängt wurde.

Yatom sagt: "Mossad bedeutet wörtlich übersetzt 'Institut für Aufklärung und besondere Operationen'." Und fügt hinzu: "Manchmal sind diese Operationen eben ziviler Natur."

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Wie es zu dieser besonderen Operation kam, enthüllte die "New York Times"   vor wenigen Tagen . Anfang Februar hätten sich Yitshak Kreiss, Chef des größten israelischen Krankenhauses, und Yossi Cohen, Chef des Mossad, durch einen gemeinsamen Freund getroffen.

Dabei beschrieb Kreiss demnach die Engpässe, die Israel durch das Coronavirus drohten. Cohen habe seine Mitarbeiter daraufhin angewiesen, weltweit nach Ausrüstung zu fahnden. Inzwischen sollen mehrere Dutzend Beatmungsgeräte, Millionen von Schutzmasken und weitere Tausende Testkits in Israel gelandet sein. 

Woher das Material stammt, ist unklar. Israelische Medien spekulieren über arabische Länder, zu denen der jüdische Staat formell zwar keine diplomatischen Beziehungen unterhält, mit denen er aber im Stillen kooperiert.

Infrage käme neben den Vereinigten Arabischen Emiraten auch Saudi-Arabien: Israel und das dortige Königshaus verbindet eine Feindschaft mit Iran. Schon lange nähern sich die Länder an, auch wenn sie offiziell noch keine Diplomaten ausgetauscht haben.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Andere Medien deuten an, das Equipment könnte Ländern, die ebenfalls nach Ausrüstung suchten, vor der Nase weggekauft worden sein. Ein anonymer Mossad-Agent erzählte der Investigativsendung "Uvda", die ganze Welt sei im Moment auf der Suche nach Corona-Testkits und Beatmungsgeräten. Man bediene sich deshalb aus Beständen, die andere bereits bestellt hätten.

Wie der "New York Times"-Journalist Ronen Bergman schreibt, soll der Mossad in einem Fall auch versucht haben, Equipment aus Deutschland zu verschiffen. Abgesandte der Bundesregierung hätten die Ware jedoch beschlagnahmt, bevor sie das Land verlassen konnte. 

Dieses Vorgehen löst in Israel auch Kritik aus. Dass der Mossad so öffentlich und provokant auftritt, irritiere selbst die eigenen Mitarbeiter, sagt der Journalist Yossi Melman, der für die linke Tageszeitung "Haaretz" über Geheimdienste berichtet. "Viele im Mossad sagen: Die Bekämpfung von Corona ist eigentlich nicht unser Job", so Melman. "Sie finden, dass der Mossad zu sichtbar ist, zu aggressiv."

Tatsächlich agiert der Geheimdienst normalerweise unter dem Radar der Öffentlichkeit. Oft werden Missionen erst nach Jahren, manchmal sogar nach Jahrzehnten bekannt. Dass der Geheimdienst in Echtzeit über seine Arbeit berichtet, ist untypisch.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Ex-Geheimdienstchef Yatom schätzt, dass die Corona-Operation publik gemacht wurde, um die "Moral der Israelis hochzuhalten". Man habe den Bürgern zeigen wollen, dass der Staat sich auf allen Eben kümmere. Journalist Melman vermutet noch einen anderen Grund. "Die Liebe zur PR", sagt er.

Der aktuelle Mossad-Chef Yossi Cohen ist ein enger Vertrauter von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu: Bevor er zum Kopf des Auslandsgeheimdienstes aufstieg, war er Netanyahus Sicherheitsberater. Die Männer stehen sich nicht nur persönlich nahe, sondern auch politisch.

Mossad-Chef Yossi Cohen steht Ministerpräsident Netanyahu persönlich und politisch nahe

Mossad-Chef Yossi Cohen steht Ministerpräsident Netanyahu persönlich und politisch nahe

Foto: Omer Messinger/ DPA

Mit den Corona-Mitteilungen steigt in Israel also nicht nur das Ansehen des Mossad. Auch Netanyahus Zustimmungswerte schnellen seit der Coronakrise in die Höhe. Er könnte sie gebrauchen: Israel ist gerade erneut an einer Regierungsbildung gescheitert. Es ist möglich, dass die Menschen bald wieder an die Wahlurne müssen – zum vierten Mal in weniger als zwei Jahren.

Ob und wie eine Wahl unter Corona stattfinden kann, ist unklar. Aktuell sind in dem Land rund 13.000 Menschen an Covid-19 erkrankt, etwa 150 sind gestorben. Ex-Mossad-Chef Dani Yatom hält es unter diesen Umständen für vertretbar, den Auslandsgeheimdienst weiter für den Kampf gegen Corona zu nutzen. "Wir reden hier über Leben und Tod", sagt Yatom. "Deshalb werden wir alles tun, um zu bekommen, was wir brauchen." 

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