Israel Der Terror ist zurück

2022 fallen Ramadan, das jüdische Pessachfest und Ostern zusammen. IS und andere Extremisten nutzen die Stimmung für Gewaltakte gegen Israel.
Von Richard C. Schneider, Tel Aviv
Anschlagsort in Bnei Brak: Ein Mann eröffnete laut Polizei gezielt das Feuer auf Passanten

Anschlagsort in Bnei Brak: Ein Mann eröffnete laut Polizei gezielt das Feuer auf Passanten

Foto: Ilia Yefimovich / dpa

Beer Sheva, Hadera, Bnei Brak – drei israelische Städte, drei Terroranschläge mit elf Toten in nur einer Woche. Israel erlebt genau das, was es befürchtet hatte. Am Samstag beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Ramadan, das jüdische Pessachfest und Ostern fallen in diesem Jahr zusammen. Die politische Atmosphäre wird immer nervöser und angespannter, religiöser Extremismus liebt solche Zeiten.

Seit Wochen bereiten sich die Israelis darauf vor. Israels Sicherheitsminister Omer Bar-Lev und Verteidigungsminister Benny Gantz trafen sich in Amman mit dem jordanischen König Abdullah, um Maßnahmen zu besprechen, wie man zu Ramadan für Sicherheit und Ruhe sorgen kann. Auch die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah will Unruhen verhindern. Die islamistische Hamas in Gaza scheint im Augenblick ebenfalls kein Interesse an einem Konflikt zu haben, darauf deutete jüngst eine Demonstration gegen Israel hin, die nicht am Grenzzaun stattfand, sondern innerhalb des Küstenstreifens, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Doch alle Bemühungen scheinen umsonst. Und mehr noch: Der israelische Inlandsgeheimdienst wusste nichts von den Vorbereitungen, hatte keine Ahnung, was sich in den drei Fällen konkret zusammenbraute. Die Sicherheitsbehörden werden nun in rasantem Tempo Aufklärung leisten müssen, um noch mehr Anschläge zu verhindern, vor allem um auch diese Welle des Terrors im Kern verstehen und somit erfolgreich bekämpfen zu können.

Sowohl in Beer Sheva wie auch in Hadera waren ein beduinischer und zwei arabische Israelis die Attentäter. Sie sollen Anhänger des »Islamischen Staats« gewesen sein. Der IS bekannte sich auf seinen Social-Media-Kanälen zu den Anschlägen. Für Israel ist das neu. Bislang hat sich der IS im Kampf gegen den jüdischen Staat noch nie besonders hervorgetan. Der Attentäter von Bnei Brak war hingegen ein Palästinenser aus dem Ort Jaabad bei Jenin im Westjordanland . Die israelischen Behörden nennen diesen Anschlag den eines »Trittbrettfahrers«.

War bis Dienstag die Gewalt ein innerisraelisches Problem, so ist sie nun auf die palästinensischen Gebiete übergesprungen. Die Folgen werden wahrscheinlich während des Ramadan zu spüren sein. Israel verlegt schon jetzt noch mehr Militäreinheiten in die besetzten Gebiete, und sehr wahrscheinlich wird die Zahl derjenigen begrenzt, die in Jerusalem in der Aksa-Moschee beten dürfen. Das könnte neue Unruhen provozieren. In den Gesprächen in Amman wurde den israelischen Ministern deutlich gemacht, dass sie die Freiheit des Gebets auf dem Tempelberg nicht begrenzen dürften. Jordanien selbst will mehr Wachpersonal auf den Tempelberg für al-Aksa schicken. Israel hat sich einverstanden erklärt, will aber jeden sicherheitstechnisch durchleuchten, um sicher zu sein, dass niemand Verbindungen zur Hamas oder anderen islamistischen Organisationen hat.

Doch das alles ist nur »Sicherheitskosmetik«, von der man nur hoffen kann, dass sie wirkt. Die eigentlichen Probleme liegen tiefer. Natürlich war die große Konferenz diese Woche in der israelischen Negev-Wüste , wo sich die Außenminister Israels, Marokkos, Bahrains, der Vereinten Arabischen Emirate, Ägyptens und der USA trafen, um eine neue geostrategische Kooperation auszurufen, Islamisten und allen Palästinensern ein Dorn im Auge. Radikale Muslime lehnen diplomatische Beziehungen zwischen Israel und arabischen Staaten grundsätzlich ab, die Palästinenser sind wütend, weil sie in dieser neuen Kooperation keine Rolle mehr spielen.

Doch gerade die Vernachlässigung der Lage der Palästinenser lässt echte Normalität für Israel nicht aufkommen. Nicht nur Iran benutzt das palästinensische Leid, um gegen Jerusalem zu kämpfen, nun scheint sich auch der IS anzuschließen, um Chaos nicht nur unter Juden, sondern auch unter Arabern zu verbreiten.

Es geht dem IS auch gegen die VAE, gegen Bahrain oder Marokko. Die Saudis, die längst mit den Israelis sprechen und kooperieren, werden – noch – in Ruhe gelassen, da sie zumindest offiziell diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Staat so lange ausschließen, bis die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen haben. In Wahrheit ist es auch Mohammed bin Salman, dem neuen starken Mann in Riad, ganz egal, was aus den Palästinensern wird. Schon zu Zeiten von US-Präsident Donald Trump maßregelte MbS, wie der saudische Kronprinz genannt wird, den Palästinenserpräsidenten Abbas. Er solle endlich Ruhe geben und akzeptieren, was Trump und Israel ihm anböten, der Nahe Osten habe andere Sorgen als die Palästinenser.

Die Trennlinie, die nun im Namen des IS ausgerufen wird, ist längst bekannt. Lange Zeit gehörte auch der türkische Präsident Erdoğan dem Lager derjenigen an, die für die palästinensische Sache kämpfen und sich scharf gegen Israel und die Golfstaaten äußern. Doch Erdoğan hat begriffen, dass die neue geostrategische Allianz, die Israel und seine arabischen Partner entwickeln, ein Powerhouse werden kann, an dem es besser ist sich zu beteiligen, als außen vor zu stehen.

Die nächsten Wochen könnten blutig werden. Es ist zu befürchten, dass es noch mehr Anschläge geben wird, noch mehr Tote, im schlimmsten Fall sogar Massenaufstände gegen Israel oder gar einen neuen Waffengang zwischen Gaza und Jerusalem, je nachdem, wie die Lage eskalieren wird. Das tragische Ende ist schon vorgezeichnet, so wie bei allen Aufständen oder Kriegen der letzten Jahre: Nichts wird sich ändern. Auf israelischer Seite nichts, weil die Koalition der acht politisch so unterschiedlichen Parteien keine Entscheidungen über die Zukunft der Gebiete und der Palästinenser treffen will oder kann, da sonst die Koalition auseinanderflöge.

Aber auch die palästinensische Politik stagniert. Die Feindschaft zwischen der Hamas und der Fatah von Palästinenserpräsident Abbas dauert nun schon seit 2007 an, als die Hamas die Fatah in einem Putsch aus Gaza vertrieben hatte. Seit damals herrschen in Gaza die Islamisten, im Westjordanland Präsident Abbas und seine Fatah. Man kann sich auf nichts einigen, schon gar nicht auf eine gemeinsame Politik gegenüber dem Besatzer Israel.

Wenn der IS das aktuelle Momentum wirklich nutzen kann, dann wird er immer weiter Zwietracht auf arabischer Seite säen. Es geht ihm nur am Rande um Israel, es geht nach wie vor um die Macht im sunnitischen Lager. Doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass der IS noch einmal zu alter Größe zurückfinden kann. Aber dessen Ideologie setzt sich genauso fort wie die der beinahe vergessenen al-Qaida. Hass wird gesät. Unter Muslimen und zwischen Muslimen und Juden. Es darf keine Ruhe einkehren im Nahen Osten. Nur: Die Palästinenser werden davon nicht profitieren, im Gegenteil. Je extremistischer die Atmosphäre wird, desto weniger wird Israel bereit sein, vor seiner Haustür einen palästinensischen Staat zuzulassen. Die Quadratur des Kreises – sie wird nie und nimmer gelingen. Aber es werden wieder einmal noch mehr Menschen sterben müssen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts stand, Ramadan, Ostern und Pessach fielen alle zehn Jahre zusammen. Tatsächlich dauert es mehr als 30 Jahre, bis der Ramadan wieder mit dem gleichen Datum im Gregorianischen Kalender zusammenfällt. Wir haben den Fehler korrigiert.