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Israelische Angriffe im Libanon Hunderte Tote bei Militäraktion »Pfeile des Nordens« – der Überblick

Die Situation im Nahen Osten eskaliert weiter: Iran droht mit »unumkehrbaren« Konsequenzen nach den schweren Attacken im Libanon. Die USA bemühen sich um Deeskalation, sehen Israels Taktik aber offenbar skeptisch.
Rauchwolken über dem südlichen Libanon nach israelischem Beschuss (am 23. September)

Rauchwolken über dem südlichen Libanon nach israelischem Beschuss (am 23. September)

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Mohamad Al Ghandour / AFP

In der Nacht blieb die Situation im Libanon vergleichsweise ruhig. Doch die massiven Angriffe vom Montag haben bereits jetzt zu einer weiteren erheblichen Verschärfung der Lage im Nahen Osten beigetragen. Die Warnungen vor einem großflächigen Krieg werden immer lauter.

Wie geht Israel gegen die Hisbollah vor?

Am Montag waren durch israelische Angriffe im Süden und Osten des Libanon nach libanesischen Regierungsangaben fast 500 Menschen getötet worden. Den libanesischen Behörden zufolge waren auch 35 Kinder und 58 Frauen unter den Opfern.

Die israelische Armee erklärte, mehr als 1300 Ziele angegriffen zu haben, um militärische Ziele der Hisbollah zu zerstören. Dabei sei eine »große Zahl« an Hisbollah-Mitgliedern getötet worden. Die israelische Armee hat dem massiven Militäreinsatz im Libanon den Codenamen »Pfeile des Nordens« gegeben. Eine Deeskalation ist dabei offenbar zeitnah nicht zu erwarten. Generalstabschef Herzi Halevi erklärte in der Nacht, das Militär greife die von der Hisbollah in den vergangenen 20 Jahren für ihren Kampf gegen Israel aufgebaute Infrastruktur an. Seine Armee bereite schon »die nächsten Phasen« des Kampfes vor, sagte er, ohne Details zu nennen.

Wie reagiert Iran?

Aus Teheran kamen deutliche Worte. Präsident Masoud Pezeshkian warf Israel vor, sein Land in einen Krieg hineinziehen zu wollen, der »unumkehrbare« Konsequenzen haben würde. Iran unterstützt die Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon, gegen die sich die jüngsten Angriffe aus Israel richteten. »Wir wollen keinen Krieg«, sagte Pezeshkian am Rande der Uno-Vollversammlung in New York: »Es ist Israel, das diesen vollwertigen Konflikt heraufbeschwört.«

Wie äußern sich die USA?

Die mit Israel verbündeten USA lehnen laut einem hochrangigen Vertreter des US-Außenministeriums eine Eskalation des Konflikts an der libanesisch-israelischen Grenze ab. »Ich kann mich zumindest in der jüngeren Vergangenheit nicht daran erinnern, dass eine Eskalation oder Intensivierung zu einer grundlegenden Deeskalation und einer tiefgreifenden Stabilisierung der Situation geführt hätte«, sagte der Vertreter in New York der Nachrichtenagentur Reuters unter der Bedingung der Anonymität.

Auf die Frage, ob dies im Widerspruch zur israelischen Position stehe, nickte der US-Beamte. Israel hatte erklärt, die jüngste Intensivierung der Luftangriffe auf Hisbollah-Ziele im Libanon solle die Iran-treue Gruppe zu einer diplomatischen Lösung zwingen.

DER SPIEGEL

Die US-Regierung plant, »konkrete Ideen« mit Verbündeten und Partnern zu diskutieren, um eine Ausweitung des Krieges zu verhindern. Ziel sei es, »den Kreislauf von Angriff und Gegenangriff zu durchbrechen«, so der Regierungsvertreter. Washington suche nach einem Ausweg aus den Spannungen und wolle praktische Schritte unternehmen, um die Lage zu entschärfen.

Auf die Frage nach einer möglichen israelischen Bodeninvasion im Libanon äußerte sich der US-Beamte zurückhaltend. »Wir glauben offensichtlich nicht, dass eine Bodeninvasion im Libanon dazu beitragen wird, die Spannungen in der Region zu verringern«, sagte er.

Was sagt die EU zur Lage in Nahost?

Unterdessen warnte auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell in klaren Worten vor einer weiteren Verschärfung der Lage. »Diese Situation ist extrem gefährlich und besorgniserregend. Ich kann sagen, dass wir uns fast in einem vollwertigen Krieg befinden«, sagte Borrell mit Blick auf die hohe Zahl ziviler Opfer. »Wenn das keine Kriegssituation ist, weiß ich nicht, wie ich es sonst nennen soll.«

Josep Borrell (im Gazastreifen am 9. September)

Josep Borrell (im Gazastreifen am 9. September)

Foto: Mohamed Arafat / EPA

Die Bemühungen zum Abbau der Spannungen würden fortgesetzt, aber die schlimmsten Befürchtungen Europas über ein Übergreifen der Krise würden sich bewahrheiten. Die Zivilbevölkerung zahle einen hohen Preis, und alle diplomatischen Bemühungen seien notwendig, um einen ausgewachsenen Krieg zu verhindern, so Borrell. »Hier in New York ist der Moment, dies zu tun. Jeder muss seine ganze Kraft einsetzen, um diesen Weg in den Krieg zu verhindern.«

In einem ersten Schritt hat die französische Regierung eine Sondersitzung des höchsten Gremiums der Vereinten Nationen beantragt. »Als Reaktion auf die heutigen Angriffe im Libanon, denen Hunderte Menschen zum Opfer gefallen sind, habe ich eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats in dieser Woche beantragt«, sagte Frankreichs neuer Außenminister Jean-Noël Barrot am Montag (Ortszeit) in New York. Auch Ägypten forderte ein »sofortiges Eingreifen« der »internationalen Mächte und des Uno-Sicherheitsrats«.

Die Außenminister der G7-Staaten warnten in einer gemeinsamen Erklärung vor einer gefährlichen Eskalation der Lage. »Aktion und Reaktion drohen diese gefährliche Gewaltspirale zu verstärken und den gesamten Nahen Osten in einen größeren regionalen Konflikt mit unvorstellbaren Folgen zu ziehen«, heißt es in dem Dokument. Sie rufen dazu auf, den gegenwärtigen destruktiven Kreislauf zu stoppen. Kein Land werde von einer weiteren Eskalation im Nahen Osten profitieren. Die G7-Staaten appellieren an alle Beteiligten, zur Deeskalation beizutragen und eine friedliche Lösung anzustreben.

So geht es heute weiter

Auch der Auftakt der Uno-Generaldebatte in New York wird von der Eskalation in Nahost überschattet. Es wird davon ausgegangen, dass Uno-Generalsekretär António Guterres in seiner Rede mit deutlichen Äußerungen in Richtung Israel und seiner Verbündeten zur Mäßigung aufrufen wird.

In den kommenden Tagen sollen bei der Generaldebatte etwa 120 Staats- und Regierungschefs Reden halten. Bei vielen Reden dürften der Nahostkonflikt und der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine eine wichtige Rolle spielen. Deutschland wird von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) vertreten, die am Montag in New York gelandet war und später in der Woche Deutschlands Rede vor dem größten Uno-Gremium halten wird.

jok/Reuters/dpa