Israel Mehr Bomben, mehr Raketen – die Eskalationsspirale dreht sich weiter

Ein auch von Medien genutztes Hochhaus stürzt ein, Hamas-Geschosse treffen Tel Aviv – und Israel will gezielt Hamas-Führer töten: Im Nahostkonflikt stehen die Zeichen auf Gewalt. Nun meldet sich auch noch Iran zu Wort.
Palästinensische Autonomiegebiete, Gaza-Stadt: Rauch und Flammen steigen aus einem Gebäude auf, in dem verschiedene internationale Medien untergebracht sind

Palästinensische Autonomiegebiete, Gaza-Stadt: Rauch und Flammen steigen aus einem Gebäude auf, in dem verschiedene internationale Medien untergebracht sind

Foto: Hatem Moussa / dpa

Wer am Samstag auf etwas Entspannung im Konflikt zwischen Israel und der Hamas-Miliz gehofft hatte, wurde spätestens am frühen Nachmittag enttäuscht: Ein Hochhaus in Gaza sei nach Luftangriffen eingestürzt, meldeten die Nachrichtenagenturen. Eine von ihnen, die Associated Press (AP), unterhielt selbst ein Büro in dem Gebäude, wie auch der Fernsehsender Al Jazeera aus Katar und weitere internationale Medien. Doch die Hamas habe das Gebäude auch für militärische Zwecke genutzt, begründete Israels Armee den Angriff.

Zwar konnte das Haus offenbar evakuiert werden, nachdem der Besitzer gewarnt worden war. Und doch markierte der Angriff eine neue Eskalationsstufe in der kriegerischen Auseinandersetzung, die US-Regierung fühlte sich zu mahnenden Worten gegenüber Israel bemüßigt. Dessen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu versprach US-Präsident Joe Biden, Zivilisten zu schützen.

DER SPIEGEL

Ein Ausweg aus dem akuten Konflikt zeichnet sich bisher nicht ab. Auch andernorts sprechen weiter die Waffen und es gibt neue Drohungen:

  • Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms kündigte an, seine Organisation werde von Mitternacht an erneut Raketen auf Tel Aviv feuern. Am Samstag erlitt bei einem Raketenangriff militanter Palästinenser im Gazastreifen auf den Großraum Tel Aviv im Vorort Ramat Gan ein etwa 50 Jahre alter Mann nach Angaben von Sanitätern tödliche Verletzungen. Insgesamt schlugen nach Angaben der israelischen Polizei zwei Raketen in Ramat Gan ein. In Tel Aviv wurde am Samstag dreimal kurz hintereinander Raketenalarm ausgelöst. Es war die achte Angriffswelle auf den Großraum seit Dienstagabend.

  • Israels Militär hat der Führungsriege der im Gazastreifen herrschenden Palästinenserorganisation Hamas mit gezielter Tötung gedroht. Armeesprecher Hidai Zilberman sagte dem israelischen Fernsehen am Samstagabend, man werde in der Nacht wichtige Einrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihads überall im Gazastreifen angreifen. Dies gelte auch für die höchste Führungsriege der Hamas. Israels Luftwaffe hatte zuvor nach eigenen Angaben das Haus des Vizechefs des Hamas-Politbüros, Chalil al-Haja, angegriffen. Das Haus habe als »Terror-Infrastruktur« gedient. Nach palästinensischen Angaben hielt al-Haja sich zur Zeit des Angriffs nicht in dem Haus auf.

  • Zu dem massiven Angriff auf ein breites Tunnelsystem der Hamas vom Freitag wurden neue Details bekannt: Israels Luftwaffe hat dabei nach eigenen Angaben rund 500 Tonnen Munition eingesetzt. An dem Angriff auf das sogenannte Metro-System in der Nacht zum Freitag seien 160 Flugzeuge des Typs F-16 und F-35 beteiligt gewesen, sagte ein ranghoher Offizier der israelischen Luftwaffe. Es sei noch unklar, ob und wie viele Hamas-Kämpfer dabei getötet worden seien. »Potenziell sind es aber Hunderte«, sagte er. Sie hatten sich möglicherweise gezielt in die Tunnels begeben, um sich vor einer vermeintlichen israelischen Bodenoffensive in Sicherheit zu bringen.

Angesichts der dramatischen Eskalation des Nahostkonflikts brachen sich Wut und Enttäuschung am Samstag auch in Europa Bahn. Es gab Solidaritätskundgebungen für Palästinenser in Berlin und anderen deutschen Städten. Auch in Paris, London, Madrid und Athen forderten Protestierende ein Ende der israelischen Angriffe auf den Gazastreifen. Dabei waren teilweise auch offen antisemitische Rufe zu hören.

Hintergrund der Demonstrationen war unter anderem der Nakba-Tag, an dem die Palästinenser der Vertreibung von Hunderttausenden Menschen infolge der israelischen Staatsgründung 1948 gedenken.

Im Berliner Bezirk Neukölln kam es bei einer propalästinensischen Demonstration zu Ausschreitungen, vereinzelt auch zu Gewalt. In Frankfurt am Main löste die Polizei ebenfalls eine dieser Demonstrationen auf.

Schwerste Gewalteskalation seit Jahren

In Paris setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, um ein bereits im Vorfeld erlassenes Demonstrationsverbot durchzusetzen. In London forderten Tausende Demonstranten die britische Regierung auf, sich für ein Ende der israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen einzusetzen. Die Organisatoren der Proteste in London sprachen von 150.000 Teilnehmern, die Polizei machte dazu keine Angaben.

Trotz internationaler Vermittlungsversuche hält die schwerste Gewalteskalation seit Jahren zwischen Israel und Palästinensern seit Tagen an. Die israelische Armee griff seit Montag rund 800 Ziele im Gazastreifen an. Radikale Palästinenser schossen ihrerseits aus dem Gazastreifen mehr als 2000 Raketen auf Israel ab.

Eine wie auch immer geartete Verständigung ist nicht in Sicht. Israel setzt offenkundig darauf, die palästinensischen Kämpfer nachhaltig zu schwächen, bevor die Armee ihre Angriffe zurückfährt. Und die Hamas, von Israel, den USA und der EU als terroristische Vereinigung eingestuft, denkt nicht daran, den Raketenbeschuss auf Tel Aviv einzustellen, wie es Netanyahu fordert.

Netanyahu »informiert« US-Präsident Biden

In dieser Lage geht der Einfluss der Weltgemeinschaft auf das Kriegsgeschehen gegen null. So blieb Joe Biden im Telefonat mit Israels Regierungschef nur übrig, die »starke Unterstützung für Israels Selbstverteidigungsrecht gegen die Raketenangriffe von Hamas« zu betonen.

Netanyahu wiederum ließ vielsagend wissen, er habe Biden über das Vorgehen Israels »informiert«. Dass der US-Präsident erstmals seit Amtsübernahme auch mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas sprach, ist in dieser Lage nicht viel mehr als ein Zeichen guten Willens – zumal Abbas praktisch keine Handhabe gegenüber der Hamas hat.

Ängste vor einem Krieg, der die weitere Region umfasst, weckt derweil Iran. Teheran positioniert sich in dem Konflikt zunehmend aktiv und hat der Hamas die Solidarität im Kampf gegen Israel erneuert.

In einem Telefonat mit Hamas-Chef Ismail Hanija sicherte der Kommandeur der Quds-Brigade der iranischen Revolutionsgarden, General Ismail Ghani, am Samstag uneingeschränkte Unterstützung zu, wie iranische Staatsmedien berichteten. Hanija bedankte sich seinerseits für die Unterstützung Irans und sagte laut Nachrichtensender Al-Alam, dass der Kampf gegen Israel nicht einer der Hamas, sondern der gesamten islamischen Welt sei.

Zuvor hatte der iranische Außenminister kurzfristig einen für Samstag geplanten Besuch in Österreich abgesagt, nachdem die Regierung in Wien die israelische Flagge auf ihren Gebäuden gehisst hatte. Das geplatzte Treffen hatte mehr als symbolischen Charakter: Hauptthema wären die in Wien laufenden Verhandlungen zur Erneuerung der Atomvereinbarung mit Iran von 2015 gewesen.

nis/AP/dpa/Reuters/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.