Bombardements in Gaza Israel will Militärschläge gegen Hamas ausweiten

»Das ist erst der Anfang«: Im jüngsten Nahostkonflikt verweigern beide Seiten ein Einlenken. Israel kündigte harte Luftangriffe an, die Hamas feuert ihrerseits Raketen.
Explosion im Gazastreifen nach israelischem Luftschlag

Explosion im Gazastreifen nach israelischem Luftschlag

Foto: MOHAMMED SABER / EPA

Trotz massiver internationaler Appelle und umfangreicher Vermittlungsversuche scheint eine Beruhigung der Lage in Nahost derzeit unwahrscheinlich. Vielmehr hat Israels Sicherheitskabinett nach massiven Raketenangriffen militanter Palästinenser im Gazastreifen eine Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die Hamas beschlossen. Die Armee solle gezielt »Symbole der Hamas-Herrschaft« in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender Kanal 12.

Medienberichten zufolge wurden zuletzt das Finanzministerium im Herzen der Stadt Gaza sowie eine Bank der Hamas zerstört. Das Militär teilte mit, Kampfflugzeuge hätten eine Reihe strategisch wichtiger Gebäude sowie ein Marinekommando der Hamas angegriffen. Die Angriffe auf Terrorziele würden fortgesetzt.

Das israelische Militär habe bislang rund 600 Ziele im Gazastreifen beschossen, darunter Stätten zur Produktion von Raketen und Lagerräume, sagte Militärsprecher Jonathan Conricus. Angegriffen worden sei zuletzt auch ein Tunnel, der Kämpfern unter anderem als Versteck gedient habe. Dieser sei unter einer Schule in besiedeltem Gebiet gegraben worden.

Am frühen Donnerstagmorgen wurde in Tel Aviv erneut Raketenalarm ausgelöst. Nach Angaben einer Reporterin der Nachrichtenagentur dpa war mindestens eine Explosion zu hören. Medienberichten zufolge gab es zum ersten Mal in diesem jüngsten Konflikt auch im Norden des Landes Raketenalarm, konkret in der Jesreel-Ebene.

Mehr als 1600 Raketen auf Israel abgefeuert

Zuvor hatten militante Palästinenser am Mittwochabend Dutzende Raketen auf israelische Städte geschossen, darunter Aschdod und Aschkelon an der Mittelmeerküste. Auch im Großraum Tel Aviv heulten Warnsirenen. In der Grenzstadt Sderot wurde ein Fünfjähriger beim Einschlag einer Rakete tödlich verletzt, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Viele der Geschosse wurden von der israelischen Raketenabwehr abgefangen, manche schlugen jedoch in Wohngebieten ein.

Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel massiv mit Raketen. Nach Angaben des israelischen Militärs sind bislang insgesamt mehr als 1600 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Rund 400 davon seien noch in dem Küstengebiet niedergegangen. Die Erfolgsquote des Abfangsystems Eisenkuppel (»Iron Dome«) betrage weiterhin im Schnitt rund 90 Prozent.

Bei den Angriffen sind bislang sieben Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt worden. Israels Armee reagiert darauf nach eigenen Angaben mit dem umfangreichsten Bombardement seit dem Gazakrieg von 2014. Das Gesundheitsministerium in Gaza bezifferte die Zahl der Toten auf 65, mehrere Hundert Menschen wurden verletzt.

Alle Flüge zum internationalen Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv sind wegen des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen vorübergehend umgeleitet worden. Diese Maschinen würden nun nahe des südlichen Ferienortes Eilat landen, teilten die israelischen Flughafenbehörden mit. Die Entscheidung betreffe jedoch keine startenden Flieger. Bereits am Dienstagabend hatte die Flughafenbehörde vorübergehend den gesamten Flugverkehr zum und vom Ben-Gurion-Flughafen ausgesetzt.

US-Präsident Biden betont Selbstverteidigungsrecht

Israelische Kampfflugzeuge zerstörten am Mittwoch ein weiteres Hochhaus in Gaza. In dem 14-stöckigen Gebäude hatten nach israelischen Angaben sowohl die islamistische Hamas als auch die militante Gruppe »Islamischer Dschihad« Büros. Allerdings gab es auch Cafés und Geschäfte in dem Haus. Videos zeigten, wie es nach dem Angriff einstürzte. Die Hamas feuerte nach eigenen Angaben als Reaktion 130 Raketen auf die israelischen Orte Aschkelon, Sderot und Netivot.

Israels Luftwaffe hatte zuvor auch das Haus eines ranghohen Mitglieds der islamistischen Hamas zerstört. Das Gebäude diente demnach als Waffenlager. Außerdem tötete Israel bei Angriffen mehrere hochrangige Vertreter der Hamas. »Das ist erst der Anfang – Wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben«, sagte Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu dazu am Mittwoch in einem Krankenhaus in Cholon.

US-Präsident Biden betonte das Selbstverteidigungsrecht Israels. In einem Telefonat mit Netanyahu habe er die Raketenangriffe der Hamas und anderer Terrorgruppen verurteilt, teilte das Weiße Haus mit. Der US-Präsident habe außerdem »seine unerschütterliche Unterstützung für Israels Sicherheit und für Israels legitimes Recht, sich selbst und sein Volk zu verteidigen«, zum Ausdruck gebracht.

Netanyahu hat laut seinem Büro angekündigt, »dass Israel weiterhin Maßnahmen ergreifen werde, um die militärischen Fähigkeiten der Hamas und der anderen im Gazastreifen operierenden Terrororganisationen anzugreifen«. Auf Twitter schrieb er: »Wir werden keine Anarchie akzeptieren.« Es müsse die Sicherheit und Ruhe wiederhergestellt werden, »die wir alle verdienen«.

DER SPIEGEL

Vereinte Nationen warnen vor einem großen Krieg

Netanyahu lehnt den Berichten zufolge eine Waffenruhe zu diesem Zeitpunkt ab. Die USA schicken einen Spitzendiplomaten in die Region, um sich mit führenden Vertretern beider Seiten zu treffen. Hady Amr will auch im Namen von US-Präsident Joe Biden auf eine Deeskalation der Gewalt drängen. Auch Unterhändler Ägyptens, Katars und der Vereinten Nationen bemühen sich nach Medienberichten um eine Beruhigung.

International wuchs die Besorgnis über die Eskalation des Konflikts. Verteidigungsminister Benny Gantz stimmte die Bürger auf einen längeren Militäreinsatz ein. Die Vereinten Nationen warnten den Uno-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg. Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten Uno-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert. Dafür forderten europäische Länder des Uno-Sicherheitsrats ein Ende der Gewalt.

Auch im israelischen Kernland wachsen die Spannungen

Bundesaußenminister Heiko Maas warnte vor einer Ausweitung des Konflikts auf weitere Teile der Region. Er bezeichnete den Abschuss von mehr als 1000 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel am Mittwochabend in einem ZDF-»Spezial« als absolut inakzeptabel und als Grundlage dafür, dass Israel von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch mache.

Die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern weitet sich derweil immer mehr auch auf arabische Ortschaften im israelischen Kernland aus. Zwischen jüdischen und arabischen Israelis kam es am Mittwoch in den Städten Lod, Akko, Bat Jam, Haifa und Tiberias zu außergewöhnlich schweren Konfrontationen. Präsident Reuven Rivlin warnte im israelischen Fernsehen vor einem »Bürgerkrieg« und rief beide Seiten eindringlich zur Mäßigung auf.

jok/kig/dpa