Migration in Italien Ex-Bürgermeister von italienischem Integrationsdorf zu 13 Jahren Haft verurteilt

Seine Flüchtlingsinitiative machte Domenico Lucano auch im Ausland bekannt. Nun wurde der Ex-Bürgermeister aus Italien unter anderem wegen Beihilfe zu illegaler Migration schuldig gesprochen.
Ex-Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, Domenico »Mimmo« Lucano: »Unwahrscheinlich, dass Mafia-Verbrechen mit solchen Strafen belegt werden«

Ex-Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, Domenico »Mimmo« Lucano: »Unwahrscheinlich, dass Mafia-Verbrechen mit solchen Strafen belegt werden«

Foto: Marco Costantino / EPA

Domenico »Mimmo« Lucano wurde 2010 als drittbester Bürgermeister der Welt ausgezeichnet. Für sein Engagement für Geflüchtete ist er allerdings in das Visier der italienischen Justiz geraten. Nun wurde er verurteilt.

Dem 63-jährigen Lucano wurde anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Amtsmissbrauch, Betrug und Erpressung zur Last gelegt, wie seine Anwälte am Donnerstag mitteilten. Der frühere Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, der für seine Integrationsbemühungen europaweit bekannt wurde, ist zu mehr als 13 Jahren Haft verurteilt worden. Von 2004 bis 2018 war Lucano Bürgermeister von Riace und hatte in dem von Landflucht betroffenen kalabrischen Dorf Migranten willkommen geheißen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Am Ende seiner Amtszeit waren in dem 1800-Einwohner-Dorf mehr als 300 Einwohner Migranten.

Haftstrafe doppelt so hoch wie gefordert

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von sieben Jahren und elf Monaten gefordert. Lucanos Anwälte erklärten, das Gericht habe ihn nun in fast allen Anklagepunkten für schuldig befunden und ihm eine fast doppelt so lange Haftstrafe auferlegt – 13 Jahre und zwei Monate. Medienberichten zufolge hat das Gericht Lucano auch zur Rückzahlung von EU-Geldern in Höhe von 500.000 Euro verurteilt, mit denen das »Riace-Modell« gefördert wurde.

Lucano soll unter anderem Scheinehen organisiert haben, um Frauen, deren Asylantrag abgelehnt wurden, den Aufenthalt in Italien zu ermöglichen. Ihm wurde auch vorgeworfen, dass er die Abfallentsorgung des Dorfes nicht öffentlich ausgeschrieben und stattdessen an Genossenschaften für Migranten vergeben hat.

Riace in der süditalienischen Region Kalabrien (Archivbild 2013)

Riace in der süditalienischen Region Kalabrien (Archivbild 2013)

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© / Reuters/ REUTERS

Lucano rechnete mit Freispruch

»Ich habe mit einem vollständigen Freispruch gerechnet, so etwas habe ich mir nicht vorgestellt«, erklärte der einstige Kommunalpolitiker. »Mein Leben habe ich damit verbracht, Anti-Mafia-Ideale zu verfolgen. Als ich Bürgermeister wurde, habe ich mich auf die Seite der Schwächsten gestellt, auf die Seite der Flüchtlinge«, sagte Lucano laut der italienischen Zeitung »Repubblica«, als er das Gericht verließ. Er halte es für »unwahrscheinlich, dass Mafia-Verbrechen mit solchen Strafen belegt werden«.

Linke empören sich, Rechte begrüßen das Urteil

Das harte Urteil löste bei Anhängern des Bürgermeisters sowie linken Politikern Empörung aus. »Es ist eine überzogene Verurteilung, die völlig im Widerspruch zu den Beweisen steht«, sagten die Anwälte Giuliano Pisapia und Andrea Daqcua. Das Urteil sei »völlig unverständlich und ungerechtfertigt«, wurden sie von italienischen Medien zitiert. Lucano lebe in Armut und habe keine finanziellen oder anderweitigen Vorteile aus seiner Tätigkeit als Bürgermeister von Riace gezogen. Lucano werde in Berufung gehen, sobald die Gründe für das Urteil bekannt seien, erklärten die Anwälte.

Indes begrüßten rechte Parteien den Richterspruch vor den für dieses Wochenende angesetzten Kommunalwahlen in Kalabrien, wo Lucano für den Regionalrat kandidiert. »Die Linke stellt Kandidaten auf, die zu 13 Jahren Haft verurteilt wurden«, schrieb Matteo Salvini, Chef der rechtspopulistischen Lega und ein erbitterter Gegner von Lucanos Flüchtlingsprojekten, in einer Erklärung.

»Riace-Modell« wurde international gepriesen

Die Festnahme des Bürgermeisters im Jahr 2018  hatte italien- und europaweit für Aufsehen gesorgt. In Europa wurde das »Riace-Modell« als einfache, aber effektive Methode zur Wiederbelebung dünn besiedelter Dörfer und zur Unterbringung von Asylbewerbern gepriesen. Im Rahmen des Programms wurden verlassene Häuser restauriert und Handwerksbetriebe in Riace wiedereröffnet, was Touristen anlockte und oftmals als Vorbild für Integration gelobt wurde.

Lucano schaffte es 2016 in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des »Fortune«-Magazins. Seine Geschichte diente auch als Inspiration für einen Kurzfilm von Wim Wenders.

jso/AFP/Reuters
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