Weltgrößter Drogenfund in Italien Echte Drogen, falsche Dschihadisten

Die italienischen Behörden haben 14 Tonnen Captagon-Tabletten gefunden. Angeblich steckt die Terrormiliz IS hinter der Drogenlieferung - aber kann das stimmen?
Eine Analyse von Christoph Reuter
Fang ihres Lebens: Drogenfahnder mit den Pillen aus dem Nahen Osten

Fang ihres Lebens: Drogenfahnder mit den Pillen aus dem Nahen Osten

Foto: CIRO FUSCO/EPA-EFE/Shutterstock

Die Szenen aus dem dreieinhalbminütigen Video der neapolitanischen Guardia di Finanza sehen so perfekt aus, als stammten sie aus einem Narco-Thriller: Männer flexen mannsgroße stählerne Zahnräder, meterbreite Papierrollen auf, und die Drogenpillen rieseln, rauschen, strömen heraus. Und strömen und strömen. Die Kamerafahrt der Endausbeute geht über Dutzende Container voller Captagon-Tabletten, dem Label einer der beliebtesten synthetischen Drogen.

14 Tonnen, 84 Millionen Pillen, werden es am Ende sein, der weltgrößte je gemachte Captagon-Fund. Straßenverkaufswert: eine Milliarde Euro. Ein gigantischer Erfolg. Und eine so gewaltige Menge, dass sie ganz Europa versorgen könnte: "Für Italien allein kann die jedenfalls nicht bestimmt gewesen sein", sagte am Mittwoch stolz Oberst Domenico Napolitano, Chef der Finanzpolizei und Herr der Operation.

In drei Containern aus Syrien waren die riesigen Papierrollen und Zahnräder nach Salerno gekommen, die Drogen darin so gut verborgen, dass sie selbst beim Röntgen nicht auftauchten. Aber das mussten sie auch gar nicht, denn die Ladung war bereits erwartet worden: Abgehörte Telefonate der Camorra, Neapels Variante der Mafia, und eine weit kleinere Drogensendung zwei Wochen zuvor auf ähnlichem Weg und an denselben offiziellen Empfänger, eine Firma im schweizerischen Lugano, hätten Hinweise geliefert. Die immerhin 2,8 Tonnen Haschisch und eine Million Captagon-Pillen, 190 Kilo, seien vermutlich ein Testlauf gewesen, ob der Weg sicher sei. Offenbar gelang es, die Absender lange genug in Sicherheit zu wiegen.

Um durch die Stahlhüllen und zentimeterdicken Papierlagen an die hochaufwendig versteckten Drogenladungen zu kommen, waren die drei beschlagnahmten Container auf Antrag der Antimafia-Staatsanwaltschaft in Neapel in eine Polizeiwerkstatt mit schwerem Gerät gebracht worden. Die ersten zwei der 40 Rollen waren leer, aber bald rauschte der Schatzfund.

Italiens Politik lobt die Fahnder

Selbst Premierminister Giuseppe Conte gratulierte den Fahndern: "Ein schwerer Schlag gegen den Terrorismus und eine Demonstration, dass Italien immer auf der Hut ist", sagte er.

Innenministerin Luciana Lamorgese wurde präziser: "Die in den letzten Stunden durchgeführte Antidrogen-Operation hat das maximale Engagement bei der Bekämpfung krimineller Netzwerke gezeigt, die sich dem Handel und Verkauf von Betäubungsmitteln widmen."

Was die potenziellen Empfänger anging, eine zweifellos korrekte Annahme.

Nur was die vermutlich auch nicht gänzlich unbekannten Absender der immerhin weltgrößten je beschlagnahmten Menge der Aufputschmittel betraf, wurde es seltsam: "Hergestellt in Syrien von ISIS zur Terrorfinanzierung" titelten die Fahnder in ihrer Pressemitteilung, die weltweit viral ging. Der legendäre, im März vergangenen Jahres in seiner letzten Hochburg besiegte "Islamische Staat" (IS) stecke dahinter! Die beschlagnahmten Captagon-Pillen trügen dasselbe Logo aus zwei Halbmonden, wie es auch bei Tabletten im Besitz von IS-Kämpfern aufgetaucht sei. Captagon sei bekannt als die "Dschihadisten-Droge".

"Was haben sich die italienischen Behörden dabei gedacht?"

"Il Foglio"

CNN und Medien in aller Welt veröffentlichten die offizielle Variante von den Drogen-Islamisten, Italiens große Tageszeitungen wie "La Stampa" illustrierten ihre Berichte mit Bildern grimmiger Gotteskämpfer. In Italien fragte nur der Nahost-Reporter Daniele Raineri der kleinen Tageszeitung "Il Foglio" im Editorial: "Was haben sich die italienischen Behörden dabei gedacht?", den IS als Drogenkartell zu präsentieren.

Denn tatsächlich ist der IS für so ziemlich jede Untat zu haben. Die Herstellung synthetischer Drogen im industriellen Maßstab gehört allerdings nicht dazu. Die letzten versprengten IS-Kämpfer sitzen in der syrisch-irakischen Wüste, im Untergrund, fernab der Städte und erst recht jedes Seehafens.

Im Bereich der Belege, woher gigantische Mengen von Captagon kommen, sieht es hingegen sehr viel klarer aus: Die jetzt beschlagnahmten 14 Tonnen waren zwar die größte, aber mitnichten die einzige Lieferung, die aus dem syrischen Hafen von Latakia kam und in den letzten zwölf Monaten beschlagnahmt wurde:

  • Vergangenen Juli konfiszierten griechische Fahnder 5,25 Tonnen Captagon, bis dahin die weltgrößte Menge.

  • In Dubai gab es zwei Zugriffe, den letzten im Februar mit 5,6 Tonnen Captagon.

  • Im April stießen ägyptische Zöllner auf vier Tonnen Haschisch, ebenfalls aus Latakia, verpackt in Milch-Tetrapaks einer Firma des Cousins von Syriens Diktator Baschar al-Assad, Rami Machluf.

Im selben Monat schließlich fanden saudi-arabische Beamte in zwei Ladungen insgesamt 44,7 Millionen Captagon-Pillen, knapp die Hälfte davon verpackt als Mate-Tee. Der Tee aus den Blättern des südamerikanischen Mate-Strauchs ist beliebt bei Syriens Alawiten, einer religiösen Minderheit, zu der auch der Assad-Clan gehört. Auch hier beklagte die nominelle Herstellerfirma Yabour, eng verbunden mit Präsidentenbruder und Militärkommandeur Maher al-Assad, den Missbrauch ihrer Verpackungen.

Immer dasselbe Captagon, immer dasselbe Muster mit aufwendigen Verstecken und großen Mengen, stets verschifft aus Latakia.

Der Hafen von Latakia wiederum steht bis heute unter Kontrolle der Assad-Familien, deren Heimatdorf in der Nähe liegt. Vergangenen Herbst wurde der Hafen an Iran verpachtet, dessen verbündete libanesische Hisbollah-Miliz in den Anfängen der syrischen Drogen-Großproduktion mit Know-how und Chemikalienlieferungen behilflich war.

Zumindest die Existenz des syrischen Drogenkartells im Besitz der Assad-Familie kann auch den italienischen Behörden nicht verborgen geblieben sein.

"Die Kirsche auf dem Eisbecher"

Journalist Daniele Raineri

Doch warum dann den IS präsentieren? Der Verdacht drängt sich auf, dass Italiens Regierung, die bis heute noch Phosphat aus Syrien importiert und deren Vorgängerkabinett im März 2018 den syrischen Geheimdienstchef Ali Mamluk diskret im Privatjet zu einem Regierungstreffen einfliegen ließ, das Verhältnis nach Damaskus nicht trüben möchte.

Die Guardia di Finanza antwortete zu Fragen nach der Beweislage, es sei alles gesagt. Der Rest sei Gegenstand laufender Ermittlungen, so Oberst Giuseppe Furciniti. Die Reederei Tarros antwortete gar nicht auf eine SPIEGEL-Anfrage. Im Hintergrundgespräch räumte der zuständige Guardia-Chef Napolitano ein, sie hätten über die Hinweise zum Captagon-Konsum des IS keine weiteren Belege.

Der Journalist Raineri, Experte des Nahen Ostens wie der italienischen Verhältnisse, vermutet eine andere Erklärung: Die Idee, zum weltgrößten Drogenfund noch die furchtbarsten Dschihadisten der Welt beizufügen, sei der klassisches "Sensationalismo", es einfach noch größer, schöner machen zu wollen: "Die Kirsche auf dem Eisbecher, sozusagen."

Mitarbeit: Marwan Farzat

Nachtrag: Auch Abdellatif Hamide bestreitet jegliche Involvierung. Das in Salerno gefundene Papier werde weder von ihm noch überhaupt in Syrien hergestellt.

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