Rom unter Quarantäne Gespenstisch schön

Mein erstes Wochenende in einer abgesperrten Stadt: Wie ich mit meiner 84 Jahre alten Nachbarin "Azzurro" sang, mit viel Glück drei Schutzmasken ergatterte und die Polizei am Trevi-Brunnen mein Kopfkino über "La Dolce Vita" unterbrach.
Aus Rom berichtet Frank Hornig
Portikus der Octavia in Rom: Man hört keine Autos mehr, nur die Hubschrauber über den Dächern und die Möwen

Portikus der Octavia in Rom: Man hört keine Autos mehr, nur die Hubschrauber über den Dächern und die Möwen

Foto: Frank Hornig/ DER SPIEGEL

Der schönste Moment in der Corona-Krise kam am Samstag Nachmittag, als ich auf den Balkon trat, um die Wäsche abzuhängen. Im selben Moment öffnete nebenan Sandra, 84, das Fenster, lachte mir fröhlich zu und ließ auf ihrem Smartphone den wahrscheinlich berühmtesten italienischen Schlager von Adriano Celentano erklingen. Gemeinsam haben wir dann "Azzurro" gesungen, ein Lied über die Sehnsucht nach dem Sommer, dem Strand.

Niemand hörte zu, wir haben auch kein Flashmob-Video für die sozialen Medien gedreht, sondern uns einfach über den Moment gefreut. Ihr sei nur ein bisschen langweilig, sagte Sandra hinterher, aber nicht viel. Dann hob sie Mina in die Luft und lachte wieder. Mina ist sechs Monate alt, ein quirliger, hellbrauner Hund. Wir haben uns vor kurzem auf der Straße kennengelernt, Mina sprang abwechselnd an mir und ihrer Herrin hoch, und Sandra war überglücklich: "Ich habe mir extra so einen jungen Hund geholt", sagte sie. "Jetzt muss ich noch 15 Jahre durchhalten."

Seit ein paar Tagen ist es so angenehm still in Rom, man hört keine Autos mehr, nur gelegentlich die Hubschrauber über den Dächern und die Möwen. Wenn ich nicht wüsste, dass so viele Menschen um ihre Gesundheit, um ihr Leben kämpfen, dass es in der Lombardei kaum noch Plätze auf den Intensivstationen gibt, dann würde mir die Ruhe gefallen.

Aufregend wird es an diesem Wochenende, wenn das Telefon klingelt und Freunde und Verwandte aus Deutschland berichten. Sie wirken ein bisschen hysterisch. Was machen wir nur mit den Kindern, wenn die Schule schließt? Und erst die Hamsterkäufe, alle Regale seien leer!

Meine Vermieterin raunte mir zu, wo es Masken gibt

Ich versuche dann, sie zu beruhigen. Das hatten wir hier auch, aber jetzt ist wieder alles erhältlich, sage ich ihnen. Und so ist es momentan ja auch. Im Supermarkt gibt es Pasta, Hackfleisch und Toilettenpapier in krisenfesten Mengen. Und  während ansonsten wirklich alle Geschäfte geschlossen sind, ist die Enoteca um die Ecke geöffnet - Wein gehört hier zu den Gütern des lebenswichtigen Bedarfs.

Nach drei Wochen ist es mir sogar gelungen, endlich drei einfache Schutzmasken und zwei Flaschen Desinfektionsmittel zu ergattern. Die filterlosen Fetzen sollen nicht viel bringen, und ich musste 60 Euro für den Einkauf bezahlen, aber ich habe keine Sekunde gezögert. Ein Kollege aus Peking hatte mir vorher erzählt, dass auf dem Höhepunkt der Krise jeder, wirklich jeder, nur noch mit Maske auf die Straße ging. Ohne habe man sich völlig nackt gefühlt. Soweit ist es in Rom noch nicht. Allein schon, weil fast nie Masken erhältlich sind.

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Menschenleeres Rom

Foto: Frank Hornig/ DER SPIEGEL

Den Tip, wo es die begehrte Ware gibt, raunte mir meine Vermieterin zu. Sie ist über 90 Jahre alt und lässt sich von Corona nicht einschüchtern. Ihre Generation soll die Wohnung eigentlich nicht verlassen. Jeden Tag gibt es dazu eindringliche Appelle. Trotzdem erschien die Signora am Freitag persönlich vor meiner Tür. Unten, im engen Hausflur, war vor über zwei Wochen beim Umzug mein Klavier stecken geblieben. Nun sollte es endlich per Hebebühne in den dritten Stock gehievt werden. Das wollte sich die Signora nicht entgehen lassen und übernahm souverän das Kommando.

Als die Aktion nach zwei Stunden überstanden war, ließ sie nebenbei den Hinweis auf die in ihrer Stammapotheke jetzt gerade erhältlichen Schutzmasken fallen. Sie selbst trug natürlich keine im Gesicht, aber einer der Transporteure und ich eilten sofort los, um unser Glück zu versuchen.

Offenbar hatte sich die Nachricht noch nicht herum gesprochen, auf dem Platz vor der Apotheke warteten nur wenige Menschen. Trotzdem bildete sich eine lange Schlange, denn die Römer ziehen es inzwischen vor, nicht den vorgeschriebenen Mindestabstand von einem Meter zu einander einzuhalten, sondern wenn möglich eher 5 bis 10. Hinter mir stand ein freundlicher Zahnarzt in der Reihe. Er war gerade dabei mir zuzurufen, wie man sich garantiert vor einer Ansteckung schützen könne. Man brauche nur eine dentale – aber in dem Moment bewegte sich die Schlange, und ich konnte den Zahnarzt nicht mehr verstehen.

Eine Polizistin befahl mir, nachhause zu fahren

Gestern nachmittag bin ich mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren. Ohne Menschen ist Rom wirklich die schönste Stadt der Welt. Ich machte Fotos, die sonst nicht möglich sind: das Colosseum ohne Menschenmassen, das Pantheon ohne Schlange, der Petersplatz ohne Pilger. Am Trevi-Brunnen stand ich ganz allein vor dem Becken, fast wie in "La Dolce Vita". Mir fiel ein, was meine Italienischlehrerin mir einmal über die berühmte Trevi-Szene in Fellinis Film erzählte. Anita Ekberg sei bei den winterlichen Dreharbeiten im knappen Kleid ganz begeistert in den Brunnen gesprungen. Als Schwedin war ihr das kalte Wasser egal. Marcello Mastroianni hingegen habe, so die Legende, schon bei dem Gedanken an das kalte Bad geschlottert, extra einen Taucheranzug getragen und sich trotzdem noch mit einer Flasche Wodka Mut antrinken müssen. Bevor ich in Versuchung kommen konnte, trat eine Polizistin auf mich zu, kontrollierte meinen Passierschein und befahl mir, nachhause zu fahren und die Wohnung nicht mehr zu verlassen.