Erwischt

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist mit dem Coronavirus infiziert. Er hat die Krankheit immer verharmlost, wie Donald Trump - mit verheerenden Folgen für das Land. Seine eigene Erkrankung könnte ihm sogar nützen.
Von Marian Blasberg und Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro (bei einer Pressekonferenz Mitte März, damals noch mit Maske): "Wie ein Regenschauer"

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro (bei einer Pressekonferenz Mitte März, damals noch mit Maske): "Wie ein Regenschauer"

Foto: ADRIANO MACHADO/ REUTERS

Für einen Mann, der gerade die Diagnose Covid-19 erhalten hatte, wirkte der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro überraschend gut gelaunt, als er am Dienstagmittag in Turnschuhen und einem weiten blauen Hemd vor die Mikrofone einiger ausgewählter Journalisten trat. "Es ist wie Regen", sagte er, "irgendwann erwischt er dich." Dann nahm er seine Maske ab, trat einen Schritt zurück und grinste: "Guckt in mein Gesicht. Es geht mir gut."

Es war eine Provokation, selbst in diesem Augenblick, aber sie passte zum Verhalten dieses Mannes, der Covid-19 seit Beginn der Pandemie als "leichte Grippe" abtut, die einem wie ihm nichts anhaben kann. In den vergangenen Monaten, in denen die Zahl der Opfer in Brasilien auf über 60.000 stieg, wetterte Bolsonaro immer wieder gegen die von Gouverneuren oder Bürgermeistern verordneten Isolationsmaßnahmen, die in seinen Augen nur unnötige wirtschaftliche Schäden anrichten. Immer wieder mischte er sich ohne Maske unter das Volk, schüttelte Hände, fasste sich ins Gesicht, sodass es im Grunde nur eine Frage der Zeit war, bis es ihn erwischen würde.

Am Samstag, nachdem er zur Feier des Unabhängigkeitstages in der Botschaft seiner amerikanischen Freunde war, klagte Bolsonaro über Muskelschmerzen, Fieber und ein allgemeines Unwohlsein. Am Sonntagabend brachte man ihn in ein Krankenhaus des Militärs, wo Ärzte seine Lunge untersuchten. "Alles sauber", sagte er am Montag nach der Rückkehr in seinen Palast. Er habe keine Angst, bekräftigte er am Dienstag nach Bekanntgabe des Testergebnisses. "Die Panik bringt die Leute um."

Dieser Auftritt macht deutlich, wie der Populist Bolsonaro mit seiner Erkrankung umzugehen gedenkt: Wenn es bei leichten Symptomen bleibt, wird er sich in seiner Ansicht bestätigt sehen, dass es sich bei Covid-19 um eine "leichte Grippe" handelt. Dann steht zu befürchten, dass in Zukunft noch mehr Brasilianer dem Beispiel ihres Präsidenten folgen und die Gefahr der Pandemie ignorieren werden.

In diesem Fall dürfte auch der Konsum des Malariamittels Chloroquin explodieren, das Bolsonaro seit Monaten als Wundermittel gegen das Virus preist. Er nehme das Medikament, von dessen Gebrauch bei Covid-19 die meisten Spezialisten und die WHO wegen der schweren Nebenwirkungen abraten, seit einiger Zeit zur Prophylaxe und habe nach den ersten Symptomen ein paar Pillen mehr eingeworfen, verkündete er. Danach seien die Beschwerden sofort abgeklungen.

Auch in der Maskenfrage dürfte die Verwirrung in der ohnehin verunsicherten Bevölkerung weiter zunehmen. Die Gouverneure einiger Bundesstaaten hatten eine allgemeine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit verhängt, Bolsonaro hatte dagegen sein Veto eingelegt: Kirchen und Geschäfte sollen von der Vorschrift ausgenommen werden - womit der Effekt weitgehend verpuffen würde.

Jetzt will der Kongress die Gunst der Stunde nutzen und das Veto kippen. Damit sind Konflikte vorprogrammiert: Wenn sich selbst der erkrankte Bolsonaro nicht an die Regeln hält, werden auch viele seiner Anhänger die Vorschriften missachten. Dass er sich um die Ansteckungsgefahr nicht schert, bewies Bolsonaro, während er seine Erkrankung verkündete. Im Interview missachtete er alle Distanzregeln und sprach direkt in die ungeschützten Mikrofone der Journalisten, die ihm so nahe waren, dass sie ihn berühren konnten.

Doch selbst wenn die Krankheit einen schweren Verlauf nehmen sollte und Bolsonaro ins Krankenhaus muss, ist es unwahrscheinlich, dass er wie Boris Johnson als reumütiger und geläuterter Staatsmann in den Regierungspalast zurückkehren würde. Er hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sich eine lebensgefährliche Bedrohung im Nachhinein als politisch nützlich erweisen kann: Eine Messerattacke im Wahlkampf, die ihn fast das Leben gekostet hätte, schlachteten seine Söhne und Anhänger geschickt politisch aus. Der Mitleidseffekt und die Bewunderung für seinen Durchhaltewillen haben bei seinem Sieg vor zwei Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Wenn er einen zweiten lebensgefährlichen Angriff auf seine Gesundheit überlebt, dürfte das die Verehrung seiner Anhänger ins Unermessliche steigern.  

Man muss daher kein Zyniker sein, wenn man zu dem Schluss kommt, dass Bolsonaro zum für ihn bestmöglichen Zeitpunkt an Covid-19 erkrankt ist: Es lenkt von den Ermittlungen der Justiz gegen seine Familie ab, die ihn politisch in Bedrängnis gebracht haben. Sein ältester Sohn soll in einen Korruptionsskandal während seiner Zeit als Abgeordneter in Rio verwickelt sein, zugleich kommen immer mehr Details über seine Verbindungen zu rechtsgerichteten Milizen ans Tageslicht, die viele Armenviertel in Rio kontrollieren. Ein weiterer Sohn pflegt enge Kontakte zu Bolsonaro-Anhängern, gegen die wegen der Verbreitung von Fake News ermittelt wird. Jetzt dürfte das brasilianische Nachrichtengeschehen der kommenden Monate jedoch von täglichen Standmeldungen zur Gesundheit des Präsidenten bestimmt werden.

Das bietet ihm und seinen Söhnen eine wunderbare Gelegenheit, per Video aus dem Präsidentenpalast und in Interviews mit handverlesenen Journalisten die Berichterstattung zu beeinflussen.

Während sich mit den Corona-Toten demnächst ein Stadion von der Größe des Maracanã füllen ließe, steht zu befürchten, dass die Pandemie in Brasilien endgültig zur präsidentiellen YouTube-Telenovela wird.

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