Fotografen-Legende James Barnor "Kein ghanaischer Fotograf hat das vorher gemacht"

Unabhängigkeit in Ghana, Swinging Sixties in London: Fotograf James Barnor hat gesellschaftliche Umbrüche dokumentiert und die Farbfotografie in Westafrika etabliert. Doch erst mit 91 Jahren ist er gefragt wie nie zuvor.
Eine Bekannte sitzt auf Barnors Auto: Eines der ersten Bilder, die der Fotograf 1970 in Farbe in Ghana gemacht hat

Eine Bekannte sitzt auf Barnors Auto: Eines der ersten Bilder, die der Fotograf 1970 in Farbe in Ghana gemacht hat

Foto:

James Barnor/ courtesy galerie Clémentine de la Féronnière

Ein Poolhaus in Accra. Die Sonne lastet auf der Hauptstadt Ghanas. "Sollen wir schwimmen gehen?", fragt James Barnor. Er kichert, schüttelt den Kopf über seinen Witz und bewegt sich sehr langsam, einen Schritt nah am nächsten, zu einem der Gartenstühle.

Barnor ist 91 Jahre alt. Er lebt eigentlich in London, ist zu Besuch in seiner alten Heimat. Vor einigen Tagen hat hier eine neue Galerie eröffnet, mit einer großen Ausstellung seiner Werke. Heute hat er seine neuen Ledersandalen angezogen und ein braun-schwarz-weiß gemustertes Hemd mit afrikanischem Muster.

James Barnor freut sich sichtlich auf das Gespräch. Er hat allerdings überhaupt keine Lust, Fragen zu beantworten. Er ist keine Berühmtheit, die sich ziert. Er mag nur nicht unterbrochen werden. Wenn Barnor etwas erzählt, dann in der korrekten Reihenfolge. Von Anfang bis Ende. "Sonst versteht man es nicht", sagt er. Keine Abkürzungen also.

Zum Glück ist nichts, was James Barnor zu erzählen hat, langweilig.

James Barnor erzählt gerne aus seinem Leben, nur Zwischenfragen mag er nicht

James Barnor erzählt gerne aus seinem Leben, nur Zwischenfragen mag er nicht

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Der 91-Jährige hat Ghana auf dem Weg in die Unabhängigkeit begleitet, die Swinging Sixties in London dokumentiert. Heute ist er so gefragt wie noch nie. Seine Fotos zieren Cover, werden auch in Paris, London, Spanien und New York gezeigt. Es sind Bilder, die sich auf Menschen konzentrieren und so gesellschaftliche Umbrüche dokumentieren. "Ich hatte ein Mantra: Menschen sind wichtiger als Orte", sagt Barnor. "Natürlich gibt es tolle Landschafts- oder Architekturfotografie, aber Menschen erinnern sich an Menschen. Deswegen zeige ich sie."

Es sind alte Bilder, die James Barnor  nun weltweit zeigt. Schwarz-weiße Porträts von Mittelklassefamilien in Accra, die sich zum ersten Mal fotografieren lassen. Der amerikanische Vizepräsident Richard Nixon zu Besuch in Ghana. Frauen in bunten Minikleidern, später in Schlaghosen. Eine Hochzeit der Diaspora in London. Barnor hat immer den Zeitgeist eingefangen.

Freunde von Barnor, die er 1968 in Kent aufgenommen hat. Das Foto war 2019 das Titelbild von "L'OBS", dem Magazin der renommierten Fotografie-Messe "Paris Photo"

Freunde von Barnor, die er 1968 in Kent aufgenommen hat. Das Foto war 2019 das Titelbild von "L'OBS", dem Magazin der renommierten Fotografie-Messe "Paris Photo"

Foto: James Barnor/ courtesy galerie Clémentine de la Féronnière

Doch Moment, die korrekte Reihenfolge:

Frederick Seton James Barnor wurde 1929 in Accra, damals noch in der britischen Kronkolonie Goldküste, geboren. Während 1947 Kwame Nkrumah, ein junger Politiker und der spätere Präsident Ghanas, die politischen Bewegungen für die Unabhängigkeit anführt, macht Barnor eine zweijährige Ausbildung bei einem Porträtfotografen. 1950 wird er von "The Daily Graphic Newspaper" abgeworben, einer neuen Tageszeitung der London Daily Mirror Group, und als erster Pressefotograf Ghanas angestellt.

Zwei Jahre später wird Nkrumah der erste afrikanische Premierminister der Goldküste, Barnor hat ihn auf seinem Weg immer wieder fotografiert und beginnt nun auch für das populäre "Drum"-Magazin zu arbeiten. Es sollte in den Fünfzigerjahren das meistgelesene Magazin in Afrika werden. Kurz darauf eröffnet James Barnor sein eigenes Fotostudio "Ever Young" in Jamestown, einem Stadtviertel Accras.

In den folgenden Jahren wird Barnor als Pressefotograf die politische Entwicklung seiner Heimat bis zur Unabhängigkeit Ghanas und Präsidentschaft Nkrumahs 1957 dokumentieren und gleichzeitig die Schönheit des Alltags in Accra festhalten. "Kein ghanaischer Fotograf hat das vorher gemacht", sagt Barnor oft. Er war ja auch oft der Erste.

James Barnor hat in seinen Bildern den Zeitgeist festgehalten. Dieses Model hat er in Accra für einen Kalender fotografiert, vermutlich 1974

James Barnor hat in seinen Bildern den Zeitgeist festgehalten. Dieses Model hat er in Accra für einen Kalender fotografiert, vermutlich 1974

Foto:

James Barnor/ courtesy galerie Clémentine de la Féronnière

1959 geht er für zehn Jahre nach Großbritannien. Er lebt in Kent und erlernt dort die Farbfotoentwicklung. Seine Erinnerung an diese Zeit hat er für eine Ausstellung selbst aufgeschrieben: "Es war 1960 nicht möglich, als schwarzer Fotograf in einem Studio zu arbeiten und Weißen zu sagen, wie sie zu sitzen haben. Wenn man für ein Studio gearbeitet hat, dann war man hinter den Kulissen in einem dunklen Raum mit einem seltsamen Job beschäftigt."

Und so arbeitet James Barnor in Großbritannien in einem Labor und fotografiert nicht in einem Studio, dafür aber weiterhin für das "Drum"-Magazin. Bald auch die ersten Cover und Berühmtheiten wie Muhammad Ali oder den BBC-Rundfunksprecher Mike Eghan. Es sollen seine liebsten Jahre werden. Trotzdem geht er 1969 zurück nach Ghana und baut ein neues Studio und das erste Farbfotografielabor auf. Später fotografiert er unter anderem für die Regierung.

1994 kehrt er mit 65 Jahren in sein geliebtes London zurück, macht aber keine Fotos mehr. "Ich hatte kein Geld und keiner wollte mich einstellen. Ein alter Fotograf ist albern", sagt Barnor.

Nahezu am Ende des Gesprächs wird er erzählen, wie er nach seiner Rückkehr viele Jahre das Terminal 3 am Flughafen Heathrow geputzt hat. "Es gibt keinen Fleck in diesem Gebäude, den ich nicht kenne. Manchmal habe ich auch die Parkplätze sauber gemacht. Ich mochte das", sagt Barnor. "Auf einem Parkplatz sind alle gleich. Alle kommen und gehen, egal ob arm oder reich. Letztlich musste ich die Arbeit aber machen."

"Ich benötige noch fünf Jahre, bis alles geregelt ist. Dann kann ich gehen"

James Barnor

Warum seine Arbeiten 2007 entdeckt, nach einer ersten kleinen Ausstellung in London immer wieder angefragt und nun in großen Galerien gezeigt werden, heute, wo er doch ein noch älterer Fotograf ist, bleibt ihm unerklärlich. Barnor sinniert nicht darüber, ob das einen politischen Hintergrund hat. Ob sich vielleicht der europäische und amerikanische Blick auf Afrika verändert.

Ghana feierte am 6. März 2020 den 63. Unabhängigkeitstag. James Barnor war 30, als er dem ersten beiwohnte. Viele Fotos aus den Jahren, die zur Unabhängigkeit führten, und viele danach gibt es noch. So lange er lebt, will Barnor diese Bilder nun erstmals archivieren und dann der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Ich benötige noch fünf Jahre, bis alles geregelt ist", sagt James Barnor. "Dann kann ich gehen." 

In der Fotostrecke zeigt James Barnor einige seiner Werke und erklärt, wie sie entstanden:

Fotostrecke

James Barnor über seine Fotografien

Foto:

James Barnor/ Galerie Clémentine de la Féronnière

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

 Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung stand, dass James Barnor 93 Jahre alt ist. Wir haben das Alter korrigiert.

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