Jahrestag des Atombombenabwurfs Hiroshima fordert Japans Beitritt zu Uno-Atomwaffenvertrag

In der japanischen Stadt Hiroshima ist der Opfer des Atombombenabwurfs vor 75 Jahren gedacht worden. Bürgermeister Matsui nahm Premierminister Abe in die Pflicht - und warnte vor zunehmendem Nationalismus weltweit.
Bürgermeister Kazumi Matsui (r.) mit Angehörigen von Opfern an der Gedenkstätte in Hiroshima

Bürgermeister Kazumi Matsui (r.) mit Angehörigen von Opfern an der Gedenkstätte in Hiroshima

Foto:

Eugene Hoshiko/ AP

Am 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs durch die USA auf Hiroshima hat Japan der Opfer gedacht. Überlebende, Angehörige von Todesopfern, japanische Politiker und eine Handvoll ausländischer Gäste nahmen an der Zeremonie in Hiroshima teil. Um genau 08.15 Uhr Ortszeit hielten sie in stillem Gebet inne. Zu dieser Uhrzeit am 6. August 1945 hatte der US-Bomber "Enola Gay" die Atombombe abgeworfen, die rund 140.000 Menschen tötete.

Der Bürgermeister von Hiroshima, Kazumi Matsui, rief die Regierung seines Landes auf, einem Uno-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen beizutreten. Japan müsse "seine Rolle als Vermittler" zwischen Atomwaffenstaaten und solchen, die keine Atomwaffen besitzen verstärken, forderte Matsui. Vor drei Jahren hatten sich zwei Drittel der Mitgliedsländer der Vereinten Nationen auf diesen Vertrag verständigt. Bislang haben ihn jedoch erst 32 Staaten ratifiziert. Damit er in Kraft treten kann, wäre die finale Zustimmung von 50 Ländern nötig.

DER SPIEGEL

Atommächte wie die USA, Großbritannien, China, Frankreich und Russland haben den Vertrag nicht unterzeichnet. Japan und Südkorea, die unter dem atomaren Schutzschild der USA stehen, haben den Vertrag ebenfalls nicht unterzeichnet. Auch die Nato-Staaten lehnen den Uno-Atomvertrag ab. Sie befürchten, dass er die Abrüstungsbemühungen im Rahmen des vor 50 Jahren in Kraft getreten Atomwaffensperrvertrags (NPT) unterlaufen könnte. Es sei sinnvoller, mit den Atomwaffenstaaten über konkrete Abrüstungsschritte zu sprechen, hatte Bundesaußenminister Heiko Maas erst im vergangenen Jahr bei einem Besuch in Hiroshima erklärt.

Japans Premier Abe bei der Gedenkfeier in Hiroshima

Japans Premier Abe bei der Gedenkfeier in Hiroshima

Foto:

Rodrigo Reyes Marin/ imago images/ZUMA Wire

Trotz Forderung der Überlebenden der Atombombe und des Bürgermeisters in Hiroshima will auch Japan, das den NPT 1976 ratifiziert hatte, dem neuen Uno-Vertrag nicht beitreten. Regierungschef Shinzo Abe ging darauf in seiner Rede am 75. Jahrestag in Hiroshima zwar nicht direkt ein. Er sagte aber, Japan habe als einziges Land, das Opfer von Atombomben im Krieg wurde, die Pflicht, auf eine Abschaffung von Nuklearwaffen weiter hinzuarbeiten. Japan werde alles tun, um eine Welt in dauerhaftem Frieden und frei von Atomwaffen zu realisieren.

Außenminister Maas forderte in einer schriftlichen Erklärung zum Hiroshima-Jahrestag einen "neuen Impuls für Rüstungskontrolle und nukleare Abrüstung". Gemeinsam mit Deutschland rufe Japan die Unterzeichnerstaaten des Atomwaffensperrvertrags auf, ihre Verpflichtungen einzuhalten.

Ein besonderer Appell gehe "an die Nuklearmächte, ihrer besonderen Verantwortung für Abrüstung und Rüstungskontrolle gerecht zu werden", erklärte Maas. Er kritisierte die weltweite Stagnation bei der nuklearen Abrüstung und warnte vor dem "Griff nach Atomwaffen durch ein Land wie Nordkorea".

Die diesjährige Gedenkveranstaltung fand wegen der Corona-Pandemie in relativ kleinem Rahmen statt. Die allgemeine Öffentlichkeit war von der direkten Teilnahme ausgeschlossen, die Zeremonie wurde jedoch live im Internet übertragen. Bürgermeister Matsui warnte auch vor einer Zunahme nationalistischer Strömungen in der Welt. Der Nationalismus habe zum Zweiten Weltkrieg geführt, es dürfe nicht zugelassen werden, "dass sich die schmerzerfüllte Vergangenheit wiederholt".

Drei Tage nach dem Angriff auf Hiroshima hatte die US-Armee eine weitere Atombombe auf Nagasaki abgeworfen. Dabei wurden mindestens 74.000 Menschen getötet. Wenige Tage später - am 15. August 1945 - endete dann mit der Kapitulation Japans der Zweite Weltkrieg. Bis heute leiden Tausende Menschen unter den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung in beiden japanischen Städten.

DER SPIEGEL
mes/dpa/AFP