Japan Abe und sein umstrittener Corona-Kurs

Japans Premier Shinzo Abe steht in der Kritik: Viele halten sein Krisenmanagement seit Ausbruch der Coronapandemie für zu zögerlich. Eine Frau nutzt das: Yuriko Koike, die Gouverneurin von Tokio.
Aus Tokio berichtet Felix Lill
Steht in der Kritik: Japans Premier Shinzo Abe

Steht in der Kritik: Japans Premier Shinzo Abe

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Eugene Hoshiko/ AFP

Kaum ein halbes Jahr ist es her, da ließ sich Shinzo Abe noch für einen historischen Rekord feiern: Ende November war er insgesamt 2887 Tage im Amt, also knapp acht Jahre. Kein Premier in der japanischen Geschichte hatte das vor ihm geschafft. Und der Nationalist hatte noch viel vor:

  • Die pazifistische Verfassung wollte er ändern, sodass Japan das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg eine voll einsatzfähige Armee haben würde.

  • Und die Wirtschaft wollte er ankurbeln, mit Strukturreformen, einer lockeren Geldpolitik und den Olympischen Spielen.

Nichts davon klappt. Das Coronavirus hat Abes Pläne zunichtegemacht. In der Bevölkerung wächst zudem die Kritik an seinem Krisenmanagement, das viele dafür mitverantwortlich machen, dass das Virus auch in Japan so schwere Folgen nach sich zieht.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Zwar scheint das Land mit rund 16.000 offiziell anerkannten Infektionsfällen noch relativ wenig betroffen. Doch auch wegen geringer Testzahlen vermuten Gesundheitsexperten eine hohe Dunkelziffer.

Anfang dieser Woche sah sich der Premier dazu gezwungen, den seit Anfang April geltenden Ausnahmezustand, durch den Ausgangssperren wie Betriebsschließungen verlangt werden können und der am Mittwoch auslaufen sollte, bis Monatsende zu verlängern.

Neben mehreren Gesundheitsexperten finden laut einer Umfrage auch 80 Prozent der japanischen Bevölkerung, dass Abe den Ausnahmezustand zu spät ausgerufen hat. Die Zustimmungsrate für Abes Arbeit als Premierminister hat mit nur noch rund 40 Prozent einen Tiefpunkt erreicht.

Wenn sich Abe, der vor ein paar Monaten noch politisch unbesiegbar schien, nun um Schadensbegrenzung bemüht, macht er es oft nur schlimmer. Als Abe etwa unlängst ein Video auf Twitter veröffentlichte, in dem er auf dem Sofa sitzend und Tee trinkend alle Japaner dazu aufrief, zu Hause zu bleiben, reagierten die entrüstet. Viele können es sich nicht leisten, den Tag auf einem Sofa zu verbringen.

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Laut einer Umfrage der Tageszeitung "Mainichi Shimbun" gibt die Mehrheit der Japaner, die Shinzo Abe auch ein weiteres Mal wählen würden, an, sie würden dies nur deshalb tun, weil es an Alternativen mangele.

Dabei macht dieser Tage zumindest eine politische Widersacherin von Abe von sich reden: Yuriko Koike, die Gouverneurin von Tokio. Sie wirkt wesentlich proaktiver und volksnaher als der Regierungschef.

Yuriko Koike - die volksnahe Gouverneurin von Tokio

Yuriko Koike - die volksnahe Gouverneurin von Tokio

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Issei Kato/ REUTERS

So hält die ehemalige Nachrichtensprecherin etwa jede Woche Onlinevorträge, in denen sie über die Gesundheitslage aufklärt. Premier Abe, der bislang nur reagiert, sieht schlecht dagegen aus.

Die beiden Politiker kennen sich schon lange. Sie sind Rivalen, auch wenn sie inhaltlich wenig voneinander trennt. Koike war 2007 für kurze Zeit Verteidigungsministerin in seinem Kabinett.

Dann trat sie aus der in Japan übermächtigen liberal-demokratischen Partei von Abe aus - und gewann dennoch vor vier Jahren die Wahl zur Gouverneurin von Tokio. Ihre Chancen auf eine Wiederwahl gelten als hoch.

Und damit ist sie, die aus ihrem Traum vom Amt der Premierministerin kein Geheimnis macht, mittelfristig auch eine Kandidatin für die höchste politische Position im Land. Abes Amtszeit endet im Herbst 2021.

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