Deutscher Arzt über Corona im Jemen "Patienten sind uns innerlich erstickt"

Der deutsche Arzt Tankred Stöbe versorgt im Bürgerkriegsland Jemen Verletzte und Kranke. Hier berichtet er, wie das Coronavirus die desolate Situation noch verschlimmert - und wie Deutschland helfen könnte.
Ein Interview von Benjamin Moscovici
Ärzte versorgen einen Covid-19-Patienten in Sanaa: Mediziner schätzen die Sterblichkeitsrate im Jemen auf 30 Prozent, eine der höchsten der Welt

Ärzte versorgen einen Covid-19-Patienten in Sanaa: Mediziner schätzen die Sterblichkeitsrate im Jemen auf 30 Prozent, eine der höchsten der Welt

Foto: Hani Mohammed / AP
Globale Gesellschaft

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Auf Druck der internationalen Gemeinschaft hat Saudi-Arabien im Frühjahr zwar angekündigt, aus humanitären Gründen vorübergehend auf weitere Luftangriffe im Jemen zu verzichten. Tatsächlich aber wurde unvermindert weitergebombt. Allein zwischen März und Juli hat das Yemen Data Project 1078 Luftangriffe registriert. Mindestens 142 davon auf zivile Ziele wie Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser.

Tankred Stöbe ist derzeit für Ärzte ohne Grenzen im Jemen. Seit Ausbruch der Pandemie ist er der erste deutsche Arzt in dem Land. Vor dem Interviewtermin schrieb er per Mail, dass er am Vortag in Aden gelandet sei und "als ich während der Klinikbegehung am Nachmittag das erste Mal vor die Tür treten wollte, begann draußen eine Schießerei..."

SPIEGEL: Herr Stöbe, wie hat sich die Situation bei Ihnen vor Ort entwickelt? 

Stöbe: Wir hören immer noch regelmäßig Schüsse, der Krieg ist sehr nah. 

SPIEGEL: Was heißt das? 

Stöbe: Die Front verläuft nur etwa 50 Kilometer von unserem Krankenhaus entfernt. Täglich behandeln wir Opfer von Bombardierungen, fast jeder zweite Patient kommt mit Schusswunden. Diese Dichte an schweren Kriegsverletzungen - das habe ich in all den Jahren für Ärzte ohne Grenzen noch nie erlebt. 

Zur Person
Foto: Ärzte ohne Grenzen

Tankred Stöbe, 51, ist Internist und Notfallmediziner. Seit fast 20 Jahren engagiert er sich für Ärzte ohne Grenzen, unter anderem behandelte er Ebola-Kranke. Von 2007 bis 2015 war er Präsident der deutschen Sektion der Hilfsorganisation, derzeit leitet er im Jemen eine Klinik für Kriegsopfer und Schwerverletzte.

SPIEGEL: Seit 2015 fliegen Saudi-Arabien und seine Bündnispartner Luftangriffe im Jemen. Schon lange galt die Situation dort als eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Welt. Und dann kam Corona. Wie hat sich das Virus auf die Lage in dem Land ausgewirkt? 

Stöbe: Verlässliche Zahlen über das Ausmaß der Pandemie im Jemen gibt es nicht. Aber die Pandemie hat die Lage der Menschen hier auf jeden Fall verschärft. Rund 20 Millionen Jemeniten sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Die wichtigen Häfen sind bereits zerstört, wenn dann der Luftverkehr zum Erliegen kommt, ist das für viele Menschen lebensbedrohlich.

SPIEGEL: Das gilt sicher auch für die medizinische Versorgung. Wie hat sich die Pandemie in dem Bereich ausgewirkt? 

Stöbe: Es ist tatsächlich auch für uns sehr viel schwieriger geworden, Mitarbeiter und medizinisches Material ins Land zu bekommen. Auch bei mir war bis zuletzt nicht sicher, ob alle Flüge gehen und ich es am Ende wirklich hierher schaffen würde. Gleichzeitig ist die Bevölkerung auf unsere Hilfe angewiesen. Auch weil in den letzten Jahren immer wieder gezielt Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen angegriffen wurden. 

SPIEGEL: Die meisten Menschen sterben nach wie vor eher an Hunger, Durchfallerkrankungen oder bei Bombenangriffen. Wird das Coronavirus in Krisengebieten überbewertet? 

Unterernährtes Kind in einem Krankenhaus in Sanaa: "Die Pandemie hat die Lage der Menschen hier auf jeden Fall verschärft"

Unterernährtes Kind in einem Krankenhaus in Sanaa: "Die Pandemie hat die Lage der Menschen hier auf jeden Fall verschärft"

Foto: Mohammed Mohammed/ picture alliance/ dpa

Stöbe: Natürlich - solange Bomben fallen, kann das Virus nur eine Nebenrolle spielen. Gleichzeitig ist die Bevölkerung extrem vulnerabel. Tatsächlich hat der Jemen bei Covid-19-Erkrankungen eine der höchsten Sterblichkeitsraten der Welt. Wir sprechen von rund 30 Prozent. Das ist zehnmal mehr als in Deutschland. So etwas habe ich vorher nur bei Ebola erlebt. Trotz Sauerstoffgaben sind uns die Patienten innerlich erstickt. 

SPIEGEL: Beim Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika haben Sie die deutsche Reaktion auf die Krise möglicherweise entscheidend mitgeprägt. Sie waren damals Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen und erhielten eines Tages einen Anruf von Angela Merkel. Was haben Sie der Kanzlerin damals am Telefon erzählt? 

Stöbe: Ich habe einfach von der Situation vor Ort erzählt und deutlich gemacht, dass wir nicht länger warten können. Wenige Tage später lief dann tatsächlich die Hilfe der Bundesregierung an. 

SPIEGEL: Wenn Sie jetzt mit Angela Merkel über den Jemen sprechen könnten, was würden Sie ihr sagen? 

Stöbe: Dass wir nicht wegschauen dürfen. Je länger ein Konflikt dauert, desto schwieriger wird eine Lösung. Das habe ich bei all meinen Einsätzen gelernt. Mit jedem Tag dreht sich der Kreislauf der Gewalt weiter. Politische Gruppen werden zu bewaffneten Banden, Bewegungen zersplittern, die Fronten zerfasern. Gleichzeitig mischen sich immer mehr externe Akteure ein und versuchen die Instabilität zu nutzen, um die eigene Macht auszubauen. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Akteure finden Wege, von dem Konflikt zu profitieren. Wir sind im Jemen an einem Punkt, an dem die Konfliktparteien anscheinend aus eigener Kraft keine Lösung mehr finden können. Es braucht mehr internationalen Druck. 

SPIEGEL: Bislang sind alle internationalen Vermittlungsversuche im Jemen gescheitert. 

Stöbe: Friedensgespräche führen natürlich nicht notwendigerweise sofort zu Frieden. Aber jedem Frieden gehen Verhandlungen voraus. Wo nicht mehr verhandelt wird, kann es keinen Frieden geben. 

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Deutschland? 

Stöbe: Deutschland hat mehr politisches Gewicht in der Welt, als uns vielleicht bewusst ist. Als die wichtigste Wirtschaftsnation Europas hat das, was wir machen, Auswirkungen weit über unsere Grenzen hinaus. Gerade in der Flüchtlingskrise hat das Land eine vorbildliche Rolle übernommen und auch in der arabischen Welt viel Anerkennung gewonnen. Dieses Gewicht sollte die Bundesregierung bei Verhandlungen nutzen. Ich glaube, Deutschland könnte bei einer möglichen Konfliktlösung im Jemen eine wichtigere Rolle spielen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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