Krieg im Jemen Sturm auf die Wüstenstadt

Seit sechs Jahren tobt ein Vielfrontenkrieg im Jemen. Das geostrategisch wichtig gelegene Marib blieb bislang verschont, wurde zum Zufluchtsort für Hunderttausende. Nun droht ein Blutbad.
Kämpfer in Marib

Kämpfer in Marib

Foto: ALI OWIDHA / REUTERS

»Wir hören die Kämpfe jede Nacht. Es ist Furcht einflößend, fühlt sich an, als würde sich langsam ein großes Monster der Stadt nähern«, sagt Maged al-Madhaji. Der Politik-Analyst ist dieser Tage in Marib, einer Stadt im Jemen, die bislang vom Bürgerkrieg verschont geblieben ist. Nun aber tobt ein heftiger Kampf um Marib.

»Wenn ich tagsüber in Marib unterwegs bin und die Menschen auf den Straßen, auf den Märkten sehe und die Kinder, die zur Schule gehen«, sagt al-Madhaji, »dann denke ich daran, dass all diese Männer, Frauen und Kinder seit anderthalb Monaten jede Nacht denselben Schrecken erleben, den Lärm des Krieges hören, vor dem sie hierher geflohen sind.«

Seit 2015 herrscht im Jemen ein Bürgerkrieg, mehr als 230.000 Menschen sind nach Schätzungen der Uno ums Leben gekommen. Je länger der Krieg dauert, desto geringer ist das Interesse der Weltöffentlichkeit, das wegen der unübersichtlichen Lage ohnehin nie besonders ausgeprägt war.

In Marib findet nun eine der entscheidenden Schlachten des Krieges statt. Und es droht ein Blutbad:

  • Die Stadt wird von Verbündeten der international anerkannten jemenitischen Regierung kontrolliert.

  • Sie wehren sich seit Wochen erbittert gegen eine Offensive der schiitischen Huthi-Miliz.

Diese beherrscht weite Teile Nordjemens, einschließlich der Hauptstadt Sanaa. Marib ist das einzige bedeutende Gebiet im Norden, das die Huthi bis jetzt nicht einnehmen konnten.

Mitte Februar hat die Miliz ihre bisher intensivsten Angriffe auf Marib gestartet. Doch die erste große Offensive begann schon vor über einem Jahr. Seither sollen über 17.000 Soldaten aufseiten der Regierung ums Leben gekommen sein. Das zumindest sagte Sultan al-Aradah, der Gouverneur von Marib, am Montag in einem Videobriefing zu Journalisten. Würde die Stadt mit ihren reichen Öl- und Gasvorkommen fallen, so glauben viele, dann hätten die Huthi den jahrelangen Krieg im Jemen gewonnen.

Vom Wüstennest zum Wirtschaftszentrum

Lange Zeit war Marib eine Oase für Binnenflüchtlinge, umgeben von Krieg und Elend. Der umtriebige Gouverneur Aradah, der zugleich ein mächtiger Stammesführer ist, nutzte den Zerfall des Zentralstaates zum Ausbau der lokalen Autonomie:

  • Er ließ mithilfe der Einnahmen aus lokalen Gas- und Ölvorkommen die öffentliche Infrastruktur ausbauen.

  • Dem Staudamm von Marib hat die Provinz eigene Bewässerungssysteme zu verdanken – in einem Land, wo Wasser ein knappes Gut ist.

Seit Beginn des Krieges vor sechs Jahren ist das einstige Wüstennest Marib zudem zu einem bevölkerungsreichen Wirtschaftszentrum angewachsen. Flüchtlingslager sind an den Rändern der Provinzhauptstadt wie Pilze aus dem Boden geschossen; insgesamt sind es 139 Camps aus Wohncontainern und Zelten. Laut offiziellen Angaben zählt die Provinz Marib inzwischen 2,8 Millionen Einwohner, die meisten von ihnen leben in der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Huthi diese Ressourcen kontrollieren wollen.

Der Journalist Abdullah al-Mansuri aus Sanaa ist einer jener Binnenflüchtlinge, die wegen der Offensive der Huthi um ihr neues Zuhause fürchten. Er lebt in einem Flüchtlingslager am Stadtrand von Marib.

Hier hat er eine bescheidene neue Existenz aufgebaut, zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern und seiner Mutter; der Vater ist letztes Jahr an Corona verstorben.

Auch die Pandemie fordert im ärmsten arabischen Land neben Krieg und Hunger ihre Opfer. Vertriebene aus einem anderen Lager nahe der Frontlinie mussten bereits zum zweiten Mal wegen eines Vorstoßes der Huthi fliehen und ihre Zelte an einem neuen Ort aufschlagen.

»Meine Frau und die Kinder drückten vor Angst kein Auge zu«

»Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht einen Moment des Schreckens erleben. Wenn wir hören, wie eine Rakete irgendwo einschlägt, dann kommen Erinnerungen hoch, wie wir dem Tod entkommen sind«, sagt er. »Als die Kämpfe vor ein paar Tagen eskalierten, erlebten wir eine furchtbare Nacht. Wir hörten die Schüsse, die Bombardierungen. Meine Frau und die Kinder drückten vor Angst kein Auge zu, und ich konnte sie einfach nicht beruhigen.«

Abdullah al-Mansuri meint jene Nacht vom 27. Februar, als die Huthi einen Angriff auf den Balaq-Berg starteten – eine strategische Schlüsselposition, denn von dort überblickt man den Staudamm von Marib.

Den Huthi gelang es bis jetzt nicht, den Balaq-Berg einzunehmen. Doch in einer einzigen Nacht kamen aufseiten der Huthi-Gegner Hunderte ums Leben. Einer von ihnen war der mächtige Feldherr Abdulghani Shaalan, auch bekannt als Abu Mohammed.

Seine Sondertruppe gilt als schlagkräftigste Einheit in ganz Marib. »Sie kamen aus dem Nichts. Man sah sie kaum, aber sobald es irgendwo Alarm gab, rasten sie aus allen Richtungen mit ihren Pickup-Trucks herbei, bis an die Zähne bewaffnet«, erinnert sich ein lokaler Kontakt.

Männer beten am Grab von Abdulghani Shaalan

Männer beten am Grab von Abdulghani Shaalan

Foto: ALI OWIDHA / REUTERS

Daneben stand Abu Mohammed wohl auch hinter einem Netz von berüchtigten Geheimgefängnissen und Informanten, mit denen er Spionagezellen der Huthi aushob – und Menschen verschwinden ließ.

»In jedem Stadtviertel sehe ich ein Bild eines neuen Märtyrers hängen«

Aufseiten der Huthi sind die Verluste vielleicht noch größer. Ein Totengräber in Sanaa sagt am Telefon, er sei seit Kriegsbeginn noch nie so beschäftigt gewesen. Ein Schuldirektor berichtet, die Huthi hätten von ihm verlangt, Schüler für den Kampf zu rekrutieren. Sie müssen die Reihen füllen.

Und ein Menschenrechtler aus Marib, der vorübergehend in Sanaa weilt und seinen Namen aus Angst vor den dort regierenden Huthi nicht nennen will, erzählt: »In jedem Stadtviertel sehe ich ein Bild eines neuen Märtyrers hängen. Wenn immer ich das Lokalradio anschalte, egal welchen Kanal, dann höre ich Kriegspropaganda für Marib. Sie sprechen von einem Kampf gegen das Böse, gegen fremde Besetzer oder gegen Daisch.«

Daisch ist das arabische Kürzel für die Extremisten des »Islamischen Staates« (IS). »In Wahrheit ist es ein Krieg zwischen Jemeniten, und auf beiden Seiten sind Hunderte umgekommen«, sagt der Menschenrechtler.

»Wir haben keinen anderen Ort, wo wir hingehen können«

Die zwei Millionen Binnenflüchtlinge in Marib stammen aus allen Landesteilen. Und sie haben neues Leben in die einstmals verschlafene Wüstenstadt gebracht. »Heute laufen Frauen in den Straßen, man sieht sie in den Bussen und an den Universitäten. Vorher galt es hier als unsittlich für Frauen, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen«, sagt der anonyme Menschenrechtler.

Als sich der Journalist al-Mansuri mit seiner Familie im al-Dschufaina-Camp am südlichen Stadtrand niederließ, gab es dort nur eine Handvoll Zelte und Wohneinheiten. Jetzt ist jeder Quadratmeter zugebaut.

»Wir haben keinen anderen Ort, wo wir hingehen können«, sagt al-Mansuri. »Sanaa ist für uns kein sicherer Ort.« 2015 verhafteten die Huthi eine Reihe von Journalisten in der Hauptstadt, unter ihnen war ein Bruder von al-Mansuri. Auch sein eigener Name tauchte auf einer Liste von Gesuchten auf. Er hatte Glück, dass er zu dem Zeitpunkt schon in den Südjemen, in die Hafenstadt Aden geflohen war, wo es eine starke Separatistenbewegung gibt.

Die Huthi gehen brutal gegen Kritiker und unabhängige Stimmen vor. Der Bruder von al-Mansuri ist einer von vier inhaftierten Journalisten in Sanaa, die in einem Scheinprozess unlängst zum Tod verurteilt worden sind.

Würden die Huthi Marib einnehmen, wäre er wieder in Gefahr – und die Miliz hätte die wichtigsten Teile Nordjemens unter ihrer Kontrolle. Die jemenitische Regierung stünde zwischen den Huthi im Norden und den Separatisten im Süden auf verlorenem Posten.

Der Analyst al-Madhaji geht jedoch nicht davon aus, dass die Eroberung der Stadt gelingen wird. Der Widerstand sei zu heftig. Das glaubt auch der anonyme Menschenrechtler aus Marib: »Dafür müssten sie all ihre Gegner umbringen. Als die Huthi den Distrikt von Madghil etwa 50 Kilometer außerhalb der Stadt einnahmen, flohen alle Bewohner. Die Huthi eroberten leer stehende Häuser. Es gibt in Marib keine Akzeptanz für ihre Herrschaft.«