Tödliche Rivalitäten Wie der Konflikt im Jemen zum Vielfrontenkrieg wurde

Vor sechs Jahren begann Saudi-Arabien einen Krieg im Jemen, der immer noch andauert. Das Ziel, Iran zurückzudrängen, haben die Saudis bis heute nicht erreicht. Stattdessen ist die Lage immer unübersichtlicher geworden.
Ein Mann inmitten von Trümmern nach einem Luftangriff der saudisch geführten Militärkoalition

Ein Mann inmitten von Trümmern nach einem Luftangriff der saudisch geführten Militärkoalition

Foto: Mohammed Hamoud / Getty Images

Es war das Bild einer Seriennummer, das damals den Beweis brachte: Amerikanische Waffen töten im Jemen Zivilisten.

Kampfflugzeuge der saudisch geführten Militärkoalition hatten am 8. Oktober 2016 eine Beerdigung in Jemens Hauptstadt Sanaa bombardiert, zu der sich rund 1500 Menschen versammelt hatten. Mindestens 140 von ihnen kamen ums Leben. »Ich sah schreckliche Verbrechen, Menschen, die in Stücke gerissen wurden, Körper, die in Flammen standen«, berichtete  ein Überlebender damals einer Menschenrechtsorganisation. Die Nummer auf einer Bombe in den Trümmern führte direkt zum amerikanischen Waffenhersteller Raytheon.

Im Herbst 2016 dauerte der Konflikt im Jemen bereits eineinhalb Jahre. Dabei hatte Saudi-Arabien zu Beginn der Intervention einen Krieg von »wenigen Wochen« angekündigt. Gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) wollte man mit der Militärintervention im Jemen die mit Iran verbandelten Huthi-Rebellen bekämpfen – und so auch Erzfeind Iran zurückdrängen.

Die Huthi hatten Ende 2014 die Hauptstadt Sanaa eingenommen und die Regierung ins Exil getrieben. Saudi-Arabien sah Iran überall in der Region auf dem Vormarsch, und nun sogar im eigenen »Hinterhof«. Die USA hatten sich gerade mit Teheran auf das Nuklearabkommen geeinigt, und die Machthaber in Saudi-Arabien fühlten sich von Washington verraten. Deshalb ließ der damalige US-Präsident Barack Obama seine saudischen Verbündeten im Jemen gewähren, unterstützte ihre Militärkoalition mit Logistik, Geheimdienstinformationen und Präzisionswaffen.

Nun, sechs Jahre später, ist der Krieg immer noch nicht beendet. Zehntausende Zivilisten sind durch die rücksichtslose Kriegsführung aller Beteiligten ums Leben gekommen, viele Menschen hungern, die Infrastruktur des Landes ist kaputt. Die Huthi haben ihre Macht gefestigt und bedrohen Saudi-Arabien mit immer dreisteren Raketen- und Drohnenangriffen. In ihren Gebieten herrschen sie gnadenlos und pressen die Menschen mit Steuern und Abgaben aus, während sie humanitäre Hilfsgüter für sich abzweigen. Die Huthi-Gegner wiederum sind heillos zerstritten.

Der Konflikt im Jemen hat lokale Ursachen, von denen manche Jahrzehnte zurückgehen. Aber inzwischen ist er zu einem Vielfrontenkrieg mutiert. Saudi-Arabien und die USA sind zwei von vielen Ländern, die im Jemen-Krieg eine Rolle spielen. Auch Iran, die VAE oder Katar nutzen den Konflikt im ärmsten arabischen Land, um Rivalitäten auszutragen. Zahlreiche westliche Länder liefern Waffen an die Huthi-Gegner. Die USA haben derweil ihre Unterstützung für diesen Krieg in der einen oder anderen Form limitiert – bisher weitgehend symbolisch. Jetzt ist es Joe Biden, der Waffenlieferungen vorübergehend aussetzt. Außerdem hat er angekündigt, die Unterstützung für den Krieg zu stoppen.

Iran versus Saudi-Arabien

Die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran ist die bekannteste internationale Dimension im Jemen-Konflikt. Iran provozierte Saudi-Arabien gezielt mit Sympathiebekundungen gegenüber dem Putschregime der Huthi. Mit bescheidenen wie destruktiven Mitteln hat Iran Saudi-Arabien so in einen kostspieligen Krieg verwickelt, an einer Front, die für Iran selbst nicht so wichtig ist – im Gegensatz zu seinen Kerneinflussgebieten Irak, Syrien und Libanon.

Irans anfangs symbolischer Einfluss hat seither zugenommen: Teheran unterhält inzwischen als einziges Land offizielle diplomatische Beziehungen mit der Huthi-Regierung, während sich die Indizien mehren, dass Teheran militärische Ausrüstung an die Rebellen schickt und diese militärisch berät. Selbst ideologisch nähern sich die Huthi Iran immer mehr an. Inzwischen unterziehen sie schon Schulkinder einer Hirnwäsche in ihrer kriegerisch-religiösen Ideologie.

Einen Friedensplan Saudi-Arabiens für Jemen lehnten die Huthi jüngst ab. Sie scheinen ihre Verhandlungsposition mit militärischen Gewinnen maximieren zu wollen, solange sie können. Jetzt gerade profitieren sie vermutlich auch vom amerikanischen Druck auf die Militärkoalition. Doch die Gegner der Huthi sind bereits lange vorher gescheitert. Zum einen hat Saudi-Arabien offensichtlich die Komplexität der Lage unterschätzt. Ein schneller Krieg, wie ihn Riad 2015 ankündigte, schien immer schon illusorisch. Zum anderen sind sowohl die jemenitischen Huthi-Gegner als auch ihre ausländischen Verbündeten zerstritten – alle verfolgen ihre eigene Agenda und unterwandern sich damit gegenseitig.

Saudi-Arabien mit den Vereinigten Arabischen Emiraten

Am verschlungensten sind die Manöver der VAE. Sie waren in Bezug auf Bodentruppen bis 2019 stärker im Jemen präsent als ihre saudi-arabischen Alliierten. Zusammen mit lokalen Verbündeten übernahmen sie die Kontrolle der Küstengebiete und Seehäfen. Dies passte in ein größeres Bild: Vom Roten Meer bis zum Horn von Afrika weitet der Winzling vom Golf seine Kontrolle über maritime Handelsrouten und Häfen aus.

Jemen und die Region

Doch angesichts der anhaltend chaotischen Lage im Jemen stellte sich mit der Zeit die Kosten-Nutzen-Frage: Gefallene emiratische Soldaten, die Bedrohung durch verbesserte militärische Kapazitäten der Huthi und Kratzer am Hochglanzimage der VAE waren der Preis für die Intervention. 2019 begannen die VAE, ihre Truppen samt Ausrüstung aus dem Jemen abzuziehen. Sie verkündeten, ihre Strategie sei nun »Frieden zuerst«.

Trotzdem bleiben die VAE im Jemen präsent, vor allem durch lokale Truppen und Milizen, die sie aufgebaut haben – insgesamt sind es rund 90.000 Mann . Die bekannteste Gruppierung ist der Southern Transitional Council (STC), der für eine Sezession des Südjemen kämpft – und gegen die Regierung, welcher eigentlich die Unterstützung der Militärkoalition gilt. Dahinter steckt ein Kalkül mit Blick auf den derzeitigen Bündnispartner: Die VAE bleiben im Jemen relevant und haben zugleich ein Druckmittel gegen Riad in der Hand. Denn wie alle kleinen Golfmonarchien fürchten auch die VAE, dass der »große Bruder« Saudi-Arabien ihre Souveränität eines Tages bedrohen könnte, auch wenn er derzeit ein Verbündeter ist.

Nicht mehr präsent sind die VAE dagegen in der umkämpften Provinz Marib im Nordjemen. Laut dem Gouverneur von Marib, Sultan al-Aradah haben die VAE 2019 auch ihr Raketenabwehrsystem von dort abgezogen. Die emiratischen »Patriots« hatten die Provinz früher vor Raketenangriffen der Huthi-Rebellen geschützt. Jetzt muss die letzte große Hochburg von Huthi-Gegnern im Norden Jemens ohne sie auskommen. Es ist eine entscheidende Schlacht: Falls Marib fällt, fällt der Nordjemen weitgehend unter Kontrolle der Huthi.

Doch die VAE wären vermutlich gar nicht so böse, fiele Marib an die Huthi. Die Region ist eine Hochburg der Islah-Partei, einer Art jemenitische Version der Muslimbrüder. Und die Muslimbrüder sind für die VAE ein Todfeind, den sie in der ganzen Region bekämpfen. Obwohl der Islah Teil der Regierung ist, welche die Militärkoalition eigentlich unterstützt, entstand manchmal der Eindruck, die Bekämpfung der Partei sei für die VAE noch wichtiger als der Kampf gegen die Huthi.

Vereinigte Arabische Emirate versus Katar

Die Bekämpfung der Muslimbrüder erklärt auch die nächste Rivalität, die im Jemen ausgetragen wird: Die VAE gegen den Golfstaat Katar. Das winzige Emirat unterstützt seit Jahren die Muslimbrüder und deren Ableger in der Region. Es ist Teil der Strategie Katars, seinen eigenen Einfluss in der Region zu etablieren. Mit einer Blockade gegen Katar versuchten Saudi-Arabien und die VAE, das Emirat 2017 in die Knie zu zwingen – erfolglos. Im Jemen begann Katar daraufhin, die Militärkoalition zu unterwandern, der es vorher auch angehört hatte. Der hauseigene Fernsehsender Al Jazeera prangerte plötzlich Kriegsverbrechen der Koalition an. Aus dem Jemen mehrten sich Berichte über Geld aus Katar für Milizen, welche dem Islah nahestehen – und sogar für die Huthi.

Anfang des Jahres haben sich die Golfstaaten versöhnt, die Katar-Blockade wurde beendet. Das katarische Medienimperium hat seinen Ton gegenüber Saudi-Arabien gemäßigt. Katar dürfte auch im Jemen kooperativer werden. Dagegen fragen sich manche, ob das brüchige Bündnis Saudi-Arabiens mit den VAE im Jemen Bestand haben kann. Wichtiger wäre aber die Frage, ob sich die zerstrittenen Regionalmächte und ihre Alliierten je auf einen Weg einigen können, der die fortschreitende Zerstörung abwendet und die Interessen der Menschen in den Vordergrund stellt – für den Jemen und für die ganze Region.

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