US-Präsident unter Druck Afghanistan-Chaos lässt Joe Bidens Umfragewerte abstürzen

Die dramatischen Bilder aus Kabul zeigen Wirkung: Laut einer Umfrage halten die meisten Amerikaner den Abzug aus Afghanistan für schlecht organisiert. Auch Joe Bidens Zustimmungswerte sackten ab.
Joe Biden (am 5. August 2021)

Joe Biden (am 5. August 2021)

Foto: SARAH SILBIGER / POOL / EPA

Noch immer fliegen ausländische Militärmaschinen täglich Hunderte Menschen vom Flughafen Kabul aus. Seit einer Woche läuft die Evakuierungsmission, die USA haben nach eigenen Angaben bisher mehr als 25.000 Personen in Sicherheit gebracht. In etwas über einer Woche, so der Plan, will US-Präsident Joe Biden die Mission beenden. Für ihn wird die Lage am Hindukusch allerdings auch immer mehr zum innenpolitischen Problem.

Das zeigt sich in den jüngsten Zahlen: Eine große Mehrheit der Amerikaner ist einer Umfrage zufolge unzufrieden mit dem Verlauf des von Biden angeordneten Truppenabzugs. 74 Prozent der Befragten gaben an, die USA hätten den Rückzug schlecht gehandhabt, wie der Sender CBS am Sonntag (Ortszeit) mitteilte – obwohl 63 Prozent einen Abzug der amerikanischen Streitkräfte an sich befürworteten.

Nach Bidens Ankündigung zum US-Truppenabzug hatten die Taliban blitzartig große Teile des Landes und schließlich auch die Hauptstadt Kabul eingenommen. Dort gab es teils dramatische Szenen am Flughafen, zahlreiche Menschen kamen in dem Chaos ums Leben.

Auch Bidens Zustimmungswerte nahmen deutlich ab: Nur noch 50 Prozent zeigten sich zufrieden damit, wie Biden seinen Job macht. Im vergangenen Monat waren es noch 58 Prozent, im März sogar 62 Prozent.

Befragte geben eher Biden und nicht Trump die Schuld

Fast zwei von drei Befragten glaubten nicht, dass Biden einen klaren Plan dafür habe, amerikanische Zivilisten aus Afghanistan zu evakuieren. 59 Prozent vertraten die Meinung, dass die USA nicht genug unternähmen, um Afghanen zu helfen, die vor den Taliban fliehen wollten.

62 Prozent der Befragten gaben dem Demokraten Biden eine Mitschuld für die Machtübernahme der Taliban – deutlich mehr als seinem republikanischen Vorgänger Donald Trump (50 Prozent). Diese hatte sich zuletzt in deutlichen Worten über die Strategie seines Nachfolgers ausgelassen.

60 Prozent gehen laut der Erhebung davon aus, dass die Terrorbedrohung für die USA mit der Machtübernahme der Taliban zunehme.

Das Institut YouGov befragte für CBS 2142 Erwachsene in den USA. Die Umfrage fand zwischen dem 18. und dem 20. August statt. Die Taliban hatten am 15. August wieder die Macht in Afghanistan übernommen. Am Vortag hatten die USA mit ihrer Evakuierungsmission begonnen.

DER SPIEGEL

Biden hofft weiter darauf, den Truppeneinsatz zur Rettung zehntausender Menschen aus Kabul am 31. August beenden zu können. Biden sagte am Sonntag in einer Ansprache im Weißen Haus, er habe die »Hoffnung«, den Einsatz am Flughafen der afghanischen Hauptstadt »nicht verlängern zu müssen«.

Verlängerung der Mission steht im Raum

Die US-Regierung sei aber im Gespräch mit dem Militär über eine mögliche Verlängerung der Evakuierungsmission aus Afghanistan über das Monatsende hinaus. »Es gibt Diskussionen zwischen uns und dem Militär über eine Verlängerung«, sagte Biden. »Wir hoffen, dass wir nicht verlängern müssen.« Wenn die US-Regierung von Verbündeten um eine Verlängerung gebeten werde, »werden wir schauen, was wir tun können«, sagte der Präsident.

Die USA haben nach eigenen Angaben die Sicherheitszone um den Flughafen von Kabul inzwischen vergrößert. Die Taliban hätten sich dabei kooperativ gezeigt, sagt Biden.

Am Dienstag soll ein Sondergipfel der G7-Staaten zur brisanten Lage in Afghanistan stattfinden. Angesichts der Machtübernahme der Taliban wollen die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten bei einer Videokonferenz über das weitere Vorgehen beraten. Es sei entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeite, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, twitterte der britische Premierminister Boris Johnson am Sonntag.

jok/dpa
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