US-Wahlkampf Die drei Probleme des Joe Biden

Donald Trumps Herausforderer liegt in den Umfragen vor dem Präsidenten. Und trotzdem steckt Joe Biden in ernsthaften Schwierigkeiten.
Von Ralf Neukirch, Washington
Joe Biden bei einer Videobotschaft aus seinem Haus in Delaware

Joe Biden bei einer Videobotschaft aus seinem Haus in Delaware

Foto: Brian Cahn/ imago images/ZUMA Wire

Der Präsident war mal wieder sauer. Donald Trump habe vorige Woche seinen Wahlkampfchef Brad Parscale angebrüllt, weil die Meinungsforscher ihn in mehreren Staaten hinter seinem Konkurrenten Joe Biden sehen, berichten amerikanische Medien. Trump habe für diesen Umstand eine sehr einfache Erklärung gehabt: Die Zahlen seien falsch.

Man könnte das als den üblichen Unsinn abtun, den Trump von sich gibt. Aber in einem Punkt hat er recht. Die Zahlen der Demoskopen spiegeln nicht die wirkliche Stärke beider Lager wider.

Trumps Herausforderer Joe Biden ist derzeit nur vordergründig in einer guten Situation. Trump bestätigt zwar mit jedem Corona-Briefing, dass er die Situation nicht im Griff hat. Und der Zustand der Wirtschaft müsste Biden politisch in die Hände spielen. Dennoch sind dies schwere Zeiten für den früheren Vizepräsidenten. Das liegt nicht nur daran, dass er sich kaum Gehör verschaffen kann. Seine Videobotschaften aus dem Hobbykeller daheim in Delaware finden nur begrenzt Verbreitung.

Damit könnte Biden leben, weil Trump den Vorteil nicht nutzt, den ihm das Amt verschafft. Seine Überlegung, gegen Covid-19 helfe möglicherweise die Injektion von Desinfektionsmittel, ließ selbst hartgesottene Republikaner verzweifeln.

Doch der Präsident ist derzeit nicht das größte Problem des Herausforderers. Ihm droht aus ganz anderen Richtungen Gefahr. Es sind drei Probleme, die Biden derzeit zu schaffen machen.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Das lange Schweigen zu den Anschuldigungen

Da sind zum einen die Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe vor 25 Jahren. Tara Reade, eine frühere Mitarbeiterin Bidens, wirft ihm vor, er habe sie im Jahr 1993 im Senatsgebäude gegen eine Wand gedrückt, unter ihren Rock gefasst und sie mit dem Finger penetriert. Biden hatte die Vorwürfe zunächst durch seine Sprecherin zurückweisen lassen.

Nun hat eine frühere Nachbarin Reades deren Darstellung bekräftigt. Reade habe ihr Mitte der Neunzigerjahre detailliert über den Vorgang berichtet, erklärte sie. Eine ehemalige Kollegin Reades sagte der "New York Times", diese habe ihr gegenüber geklagt, von ihrem früheren Chef sexuell belästigt worden zu sein.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nach Wochen des Schweigens hat sich Biden in dieser Woche endlich persönlich geäußert. Die Vorwürfe gegen ihn seien nicht wahr. "Ich sage ganz klar, das ist niemals, niemals passiert", sagte er in einem Fernsehinterview. Die Vorwürfe sind für Biden besonders heikel, weil er und seine Partei sich als Vorreiter im Kampf gegen sexuelle Gewalt sehen.

Biden selbst sagte im Herbst 2018, als der republikanische Kandidat für das Verfassungsgericht, Brett Kavanaugh, der versuchten Vergewaltigung beschuldigte wurde: "Wenn eine Frau mit solchen Anschuldigungen ins gleißende Licht der nationalen Öffentlichkeit tritt, sollte man zunächst davon ausgehen, dass sie grundsätzlich die Wahrheit sagt, unabhängig davon, ob sie Fakten vergisst."

Umso unverständlicher finden viele Demokraten, dass Biden so lange brauchte, um sich persönlich zu erklären. Erst nachdem Frauenrechtlerinnen und Medien wie die "Washington Post" ihn aufgefordert hatten, Stellung zu beziehen, reagierte er.

"Wie Biden in dieser Krise agiert, wird in den nächsten Wochen die alles entscheidende Frage sein", schrieb die New York Times. Es ist nicht ausgemacht, dass er den Test bestehen wird. So fragen sich in Washington viele, warum er die Papiere aus seiner Zeit als Senator, die er der Universität von Delaware zur Verfügung gestellt hat, nicht nach Hinweisen untersuchen lassen will.

Reade behauptet, sie habe sich bei Mitarbeitern Bidens über dessen Verhalten beklagt und eine Beschwerde beim Senat eingereicht. Diese Beschwerde ist nicht auffindbar. Reade sagt, sie besitze keine Kopie mehr. Falls in Bidens Unterklagen ebenfalls keine Hinweise auf den Vorfall zu finden sind, könnte das seine Aussage stützen.

Mit seinem Verhalten verärgert Biden vor allem einen Teil des eigenen demokratischen Lagers. Das sind keine Wähler, die er an Trump verlieren wird. Aber es sind Frauen und Männer, die möglicherweise aus Frust nicht wählen gehen. Das könnten in einem knappen Rennen entscheidende Stimmen sein.

Die Kandidatur des Trump-Gegners

Eine zweite schlechte Nachricht für Biden ist die Ankündigung des Kongressabgeordneten Justin Amash, sich um die Präsidentschaftsnominierung der Libertären Partei zu bewerben. Amash hatte die Republikaner im vergangenen Jahr aus Protest gegen die Politik Trumps verlassen. Er hatte zudem ein Impeachment-Verfahren gegen den Präsidenten gefordert.

Amash will gegen Trump antreten, könnte aber mit seiner Kandidatur genau das Gegenteil bewirken. Eine realistische Chance auf das Präsidentenamt hat er nicht. Die Möglichkeit, Bidens Ambitionen zu vereiteln, hat er durchaus.

In Michigan, wo Amashs Wahlkreis liegt, hatte Trump im Jahr 2016 nur knapp 11.000 Stimmen Vorsprung vor Hillary Clinton. Der damalige Kandidat der Libertären holte mehr als 170.000 Stimmen. In anderen Bundesstaaten mit knappen Mehrheiten sah es ähnlich aus.

Es spricht einiges dafür, dass Amash die Stimmen von Republikanern erhalten wird, die mit Trump unzufrieden sind. Zumindest ein Teil davon sind Wähler der Mitte, die auch Biden für sich gewinnen will.

Eine im Juni vergangenen Jahres veröffentlichte Umfrage der "Detroit News"  kommt zu dem Ergebnis, dass eine Kandidatur Amashs den Vorsprung Bidens gegenüber Trump in Michigan halbieren würde, von zwölf auf sechs Prozent. Das zeigt, dass sich die Wählergruppen, die die beiden Trump-Widersacher ansprechen, gefährlich überschneiden.

Bei dem zu erwartenden knappen Wahlausgang könnte das entscheidend sein.

Die Fehlentscheidung von New York

Schließlich hat Biden einen schweren Rückschlag bei dem Versuch erlitten, die Anhänger seines demokratischen Konkurrenten Bernie Sanders von sich zu überzeugen. Der Staat New York hatte Anfang der Woche beschlossen, die für Mitte Juni geplante Vorwahl der Demokraten abzusagen, weil das Rennen ohnehin entschieden sei. Die örtliche Parteiführung begrüßte die Entscheidung.

Sanders reagierte heftig. Das sei skandalös, "ein Schlag gegen die amerikanische Demokratie", erklärte sein Team.

Der linke Senator aus Vermont hat seine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur ausgesetzt. Er steht aber weiterhin auf den Wahlzetteln und kann somit Delegierte für den Wahlparteitag sammeln. Sanders möchte sicherstellen, dass sich seine Forderungen im Wahlprogramm der Partei wiederfinden.

Sanders' Anhänger sehen in der New Yorker Entscheidung einen weiteren Beleg dafür, dass das Partei-Establishment alles tut, um den Einfluss des selbst erklärten demokratischen Sozialisten möglichst klein zu halten.

Schon im Jahr 2016 warf Sanders der Parteiführung vor, sie wolle seinen Sieg gegen Hillary Clinton verhindern. Viele seiner Anhänger stimmten damals aus Protest nicht für Clinton und verhalfen auf diese Weise Trump zum Sieg.

Biden will verhindern, dass ihm im November etwas Ähnliches passiert. Das wird nicht einfach. Laut einer am Mittwoch veröffentlichte Umfrage  ist fast ein Viertel der Unterstützer von Sanders nicht bereit, seine Stimme Biden zu geben. New York macht es für Biden noch schwieriger, diese Leute für sich zu gewinnen.

Bis zur Wahl ist es noch eine Weile hin. Die Coronakrise hat gezeigt, wie schnell sich politische Umstände ändern. Aber Biden wird sich nicht darauf verlassen können, dass Trump ihm durch seine Ungeheuerlichkeiten den Weg zum Präsidentschaftsamt ebnet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.