Hoch dotierter Bücherpreis aus Abu Dhabi Jürgen Habermas und die emiratische Propaganda

Der weltberühmte deutsche Denker will sich in Abu Dhabi mit einem 225.000-Euro-Buchpreis ehren lassen. Doch die demokratischen Regeln, die dem Aufklärer Habermas heilig sind, werden dort systematisch missachtet.
Skyline von Abu Dhabi: Nebelwand aus hochtrabenden Vokabeln und kulturellem Glamour

Skyline von Abu Dhabi: Nebelwand aus hochtrabenden Vokabeln und kulturellem Glamour

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Genügen 225.000 Euro, um einen berühmten Intellektuellen zu vereinnahmen und den eingekauften Namen als Trophäe vorzuzeigen? Seit Ende vergangener Woche stellt sich diese Frage. Sie stellt sich nicht zum ersten Mal, doch nun geht es um den wohl bedeutendsten deutschen Philosophen unserer Zeit, Jürgen Habermas.

Philosoph Habermas: »Für die Verbreitung der Bücher kann eine solche Preisverleihung doch nur Rückenwind bedeuten«

Philosoph Habermas: »Für die Verbreitung der Bücher kann eine solche Preisverleihung doch nur Rückenwind bedeuten«

Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpa

Bei diesem Denker von Weltrang, der seit mehr als einem halben Jahrhundert für das Projekt Aufklärung und die kritische Distanz zur Macht steht, sollte es möglich sein, die Frage mit einem klaren Nein zu beantworten.

Ist es aber nicht.

Ende dieses Monats will Habermas, wie vor Kurzem bekannt wurde, den Sheikh Zayed Book Award entgegennehmen, eine der am höchsten dotierten Auszeichnungen für Autoren, die auf der Welt vergeben werden. Schirmherr ist Mohamed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi und De-facto-Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Preis ist nach seinem Vater benannt.

»Liebe, Toleranz und Dialog« – tatsächlich?

In einem Tweet sprach der Kronprinz dem 91-jährigen Preisträger seine Glückwünsche aus, wobei er kulturelle Leistungen ganz allgemein als »gemeinsame Sprache« rühmte und sich auf einige hehre Ziele berief: »Liebe, Toleranz und Dialog zwischen Nationen und Völkern«.

Kronprinz Mohammed bin Zayed: Herrscher über ein zutiefst unfreies Land

Kronprinz Mohammed bin Zayed: Herrscher über ein zutiefst unfreies Land

Foto: ROSLAN RAHMAN / AFP

Es ist nicht nur die verkitschte Pose eines der mächtigsten und reichsten Menschen der Welt, die hier stört. Denn in dem Land, das Mohammed bin Zayed mit sämtlichen Instrumenten eines modernen Überwachungsstaats regiert, werden Liebe, Toleranz und Dialog von vielen Bewohnern jeden Tag schmerzlich vermisst.

Von dem, was Habermas heilig ist und wofür er mit seinem Lebenswerk steht, kann in den Emiraten kaum die Rede sein. Weder gibt es eine liberale und kritische Öffentlichkeit, noch einen Wettbewerb der politischen Ideen mit Parteien und freien Wahlen, erst recht keine allgemeine, rechtsstaatlich abgesicherte Gleichbehandlung.

Eine andere Welt abseits der Prachtentfaltung

Vieles glitzert und glänzt dort an der Küste des Persischen Golfs, es ist zweifellos beeindruckend, und manche kulturellen Darbietungen wie im Louvre Abu Dhabi sind von erlesener Qualität. Doch das ist in jeder Hinsicht bloß schöner Schein, der die Macht des Herrschers, seiner Familie und seiner Günstlinge mit einer Gloriole schmückt – wie einst an den Höfen der absolutistischen Könige Europas.

Louvre Abu Dhabi: Erlesene Kunst wie an einem absolutistischen Hof

Louvre Abu Dhabi: Erlesene Kunst wie an einem absolutistischen Hof

Foto: AFP

Abseits der monarchischen Prachtentfaltung, an der die Touristen in ihren Fünfsterneresorts und den gigantischen Shoppingmalls ein wenig schnuppern dürfen, tut sich eine ganz andere Welt auf. Oppositionelle werden verfolgt und inhaftiert, worüber die Menschenrechtsorganisation »Human Rights Watch« seit Jahren in ihren Berichten klagt, ohne dass sich viel ändert. Die Millionen Gastarbeiter aus asiatischen Ländern leben in weitgehender Abhängigkeit von ihren Auftraggebern und müssen sich damit zufriedengeben, zu acht, zu zwölft, zu sechzehnt in engen Quartieren zu hausen.

Die US-amerikanische Denkfabrik Freedom House, die alljährlich den Stand der Demokratisierung auf der Welt erfasst, sieht in den Vereinigten Arabischen Emiraten eher Rück- als Fortschritte. Mit nur 17 von 100 möglichen Punkten auf der Skala von Freedom House gilt das Land eindeutig als unfrei.

»Natürlich war ich misstrauisch«

Zum Vergleich: Der Iran des Ajatollah-Regimes kommt bei Freedom House auf 16 Punkte, Wladimir Putins Russland auf 20. Wie wären wohl die Reaktionen, falls ein führender Vertreter des deutschen Geisteslebens einen Preis unter der Schirmherrschaft von Ajatollah Khamenei oder Präsident Putin entgegennehmen würde?

Was Jürgen Habermas dazu bewog, die emiratische Auszeichnung zu akzeptieren, hat er auf Anfrage in einer Mail dargelegt. »Natürlich war ich misstrauisch und habe ich mich über die Institution und die Preisträger informiert, bevor ich den Preis angenommen habe«, schreibt er. Seine Informationen habe er maßgeblich von Jürgen Boos erhalten, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse.

Besucherinnen der Buchmesse Abu Dhabi 2014: Der Emir schreibt gern Gedichte

Besucherinnen der Buchmesse Abu Dhabi 2014: Der Emir schreibt gern Gedichte

Foto: KARIM SAHIB/ AFP

Boos gehört dem wissenschaftlichen Komitee des »Sheik Zayed Book Award« an und unterhält gute Verbindungen zur Internationalen Buchmesse von Abu Dhabi, die am 23. Mai beginnt. Im Rahmen der Messe wird die Preisverleihung stattfinden. Habermas erhält die Auszeichnung in der Kategorie »Kulturelle Persönlichkeit des Jahres«.

In seiner Mail teilt der Geehrte mit, Boos habe »Bedenken, die auf der Hand liegen, zerstreut«. Er selbst habe sich überdies »mit den letzten vier Preisträgern in meiner Kategorie« vertraut gemacht und »kein Haar in der Suppe gefunden«.

2020 wurde die palästinensische Autorin Salma Khadra Jayyusi als »kulturelle Persönlichkeit des Jahres« geehrt, davor die beiden Arabisten Suzanne und Jaroslav Stetkevych, die in den USA unterrichten. 2018 ging der Preis an das Pariser »Institut du monde arabe«, 2017 an den libanesischen Schriftsteller Amin Maalouf.

In Habermas' Antwort gibt es eine auffällige Leerstelle

Sicherlich befindet sich Habermas damit in guter Gesellschaft. Und doch gibt es in seiner Antwort eine auffällige Leerstelle: Mit keinem Wort erwähnt er die »kulturelle Persönlichkeit« des Jahres 2015, obwohl der SPIEGEL ausdrücklich nach ihr gefragt hat. Es handelt sich um Mohammed bin Rashid Al Maktoum, den Emir von Dubai, dem nördlich von Abu Dhabi gelegenen zweitgrößten Emirat des Landes.

Mohammed bin Rashid Al Maktoum schreibt gern Gedichte. Vor einigen Jahren gelang es ihm, ein 88-Seiten-Bändchen seiner Lyrik im Hanser Verlag herauszubringen, Titel: »In der Wüste findet nur der Kluge den Weg«. Bekannter als durch seine Dichtkunst wurde der Emir allerdings durch die Härte, mit der er seine patriarchalische Gewalt als Familienoberhaupt ausübt.

Prinzessin Latifa in ihrem Video: »Ich bin eine Geisel«

Prinzessin Latifa in ihrem Video: »Ich bin eine Geisel«

Foto: #FreeLatifa campaign / Tiina Jauhiainen / David Haigh / AP

Für weltweite Empörung sorgte vor allem der Fall seiner Tochter Latifa. Auf der Suche nach einem freien Leben gelang der Prinzessin vor drei Jahren die Flucht aus ihrer Heimat, doch Agenten ihres Vaters schleppten sie zurück nach Dubai. Dort wird sie in einer abgeriegelten Villa gefangen gehalten, wie die 35-Jährige vor einigen Wochen in einem Video erzählte, das in die Hände eines Rechtsanwalts gelangte und von der BBC gezeigt wurde. »Ich bin eine Geisel«, sagt Latifa in dem Video. Nach Angaben des Anwalts wird sie in der Villa von 30 Polizisten bewacht.

Möchte Jürgen Habermas mit einem Mann, der seine Tochter gefangen hält, in eine Reihe gestellt werden? Bestimmt nicht. Muss er sich mit den Taten des Emirs von Dubai auseinandersetzen, ehe er den gleichen Preis erhält wie der Emir vor sechs Jahren? Besser wäre es. Habermas zieht es offensichtlich vor, dies nicht zu tun.

Noch hat der Philosoph Gelegenheit, klare Worte zu finden

Eine bewusste Verharmlosung des emiratischen Regimes sollte ihm nicht unterstellt werden. Doch könnte es schwer sein, ihm den Vorwurf der Unterlassung zu ersparen.

Noch hat der Philosoph die Gelegenheit, in seiner Dankesrede nach der Preisverleihung klare Worte zu finden. Es wäre ein Moment der Rede- und Meinungsfreiheit in einem unfreien Land. Mit umso größerem Recht könnte sich Habermas dann darüber freuen, dass seine ins Arabische übersetzten Werke nun weitere Bekanntheit erlangen.

»Für die Verbreitung der Bücher kann eine solche Preisverleihung doch nur Rückenwind bedeuten«, schreibt er in seiner Mail und fügt hinzu: »Wie sollte ich mich nicht freuen, dass ausgerechnet meine Bücher über die in der Tradition der Kantischen Aufklärung stehende Diskursethik in den Vereinigten Arabischen Emiraten veröffentlicht worden sind? Sie dürften wohl kaum der Stabilisierung der dort bestehenden Ordnung dienen.«

Damit spricht Habermas die entscheidende Frage an, die durch den an ihn verliehenen »Sheikh Zayed Book Award« aufgeworfen wird: Wer dient wem? Lässt sich Habermas zum Instrument der emiratischen Propaganda machen, die geübt darin ist, hinter einer Nebelwand aus hochtrabenden Vokabeln und kulturellem Glamour die Brutalität des Herrschaftssystems zu verbergen? Oder gelingt es dem Preisträger, sein aufklärerisches, zutiefst demokratisches Gedankengut wie einen gesellschaftspolitischen Sprengsatz nach Abu Dhabi hineinzutragen?

Gewöhnlich siegt, wenn Geist und Macht aufeinandertreffen, die Macht.

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