Mögliche US-Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris Die Favoritin

Joe Biden braucht eine starke Unterstützerin als "Running Mate" an seiner Seite, wenn er Donald Trump im November besiegen will. Gute Kandidatinnen gibt es einige, die Entscheidung könnte aber bereits gefallen sein.
Von Roland Nelles, Washington
Ein Bild aus anderen Zeiten: Im vergangenen Jahr traten Kamala Harris und Joe Biden als Kontrahenten in den Vorwahlen der Demokraten bei einer Reihe von TV-Duellen an

Ein Bild aus anderen Zeiten: Im vergangenen Jahr traten Kamala Harris und Joe Biden als Kontrahenten in den Vorwahlen der Demokraten bei einer Reihe von TV-Duellen an

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Lucas Jackson/ REUTERS

Vizepräsident ist eigentlich der mieseste Job in Washington. Wer ihn übernimmt, steht im Schatten des Amtsinhabers und hat oft wenig zu melden. Der Vizepräsident muss all jene Termine übernehmen, für die der Präsident keine Zeit hat. Und wenn der Chef die Wahl verliert, ist der Vize ebenfalls weg vom Fenster. Der Job ist nicht mehr wert als ein Eimer warme Pisse, schimpfte einst John Nance Garner, Vize unter Franklin D. Roosevelt.

Im heraufziehenden Wahlkampf von Joe Biden gegen Donald Trump ist der Posten allerdings heiß begehrt. Logisch: Biden ist mit 77 Jahren der älteste Präsidentschaftskandidat aller Zeiten. Denkbar wäre, dass er nach nur einer Amtszeit aufhört und der Vize dann automatisch in einer guten Ausgangsposition wäre, nach der Wahl 2024 sein Nachfolger zu werden.

Zudem besteht wegen des fortgeschrittenen Alters eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass der Präsident während seiner Amtszeit wegen Krankheit ausfällt oder sogar stirbt und der Vize das mächtigste Amt der Welt deshalb übernimmt.

Diese Szenarien geben Bidens derzeitiger Suche nach dem richtigen "Running Mate" eine besondere Würze. Biden hat bereits angekündigt, auf jeden Fall eine Frau für den Job nominieren zu wollen, und etliche potenzielle Kandidatinnen rufen "Hier!" und "Hallo!" oder lassen Unterstützer im Hintergrund für sich werben.

Was für Kamala Harris spricht

Die Liste der Interessentinnen reicht von der Parteilinken Elizabeth Warren über die Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, bis hin zur Schwarzen-Aktivistin Stacey Abrams aus Georgia. Wer in dem Rennen die Nase vorn hat, ist schwer zu sagen, aber einige US-Medien wie "Politico" raunen , dass Kamala Harris, die Senatorin aus Kalifornien, aktuell Bidens Favoritin sein soll, obwohl die sich von allen potenziellen Kandidatinnen fast am unauffälligsten verhält.

Das kann natürlich Taktik sein, und tatsächlich gibt es einige Punkte, die für Harris sprechen. Sie ist eine erfahrene Politikerin. Sie war lange Generalstaatsanwältin von Kalifornien und kennt sich als Senatorin in den Untiefen des Betriebs in Washington bestens aus. Für Biden ist das ideal. Er hat selbst deutlich gemacht, er wolle eine Vizepräsidentin, die in der Lage wäre, den Präsidentenjob sofort zu übernehmen.

DER SPIEGEL

Zudem ist Harris durch ihre eigene Präsidentschaftskandidatur, die sie im Frühjahr beendete, landesweit bekannt. Sie verfügt über zahlreiche finanzstarke Unterstützer in der Unternehmerszene in Kalifornien, die im Falle ihrer Nominierung auch Bidens Kandidatur stärker sponsern würden.

Ihre Mutter stammt aus Indien, der Vater aus Jamaika. Sie könnte so vor allem Afroamerikaner und Wähler aus Einwanderergruppen mobilisieren. Wenn Biden gegen Trump gewinnen will, muss er diese wichtigen Wähler an die Wahlurnen bringen.

Im Gegensatz zu Biden, der im TV oft fahrig wirkt, ist sie eine exzellente, scharfzüngige Debattenrednerin. So könnte sie für Biden im Wahlkampf eine starke Unterstützerin sein, etwa bei einem möglichen TV-Duell mit Trumps Vize Mike Pence.

Aber natürlich hat Biden auch noch andere Optionen. Vor allem viele Linke, die bislang Bernie Sanders unterstützen, sind gegen Harris. Sie halten sie für zu rechts und setzen eher auf eine Nominierung von sogenannten progressiven Politikerinnen wie Elizabeth Warren oder Stacey Abrams. Aus Sicht einiger Strategen braucht der moderate Biden dringend eine Ergänzung von links, damit auch jüngere Wählerinnen und Wähler für ihn stimmen.

Stacey Abrams machte auf sich aufmerksam, weil sie 2018 im Rennen um den Gouverneursposten in der Republikanerhochburg Georgia nur knapp scheiterte.

Stacey Abrams machte auf sich aufmerksam, weil sie 2018 im Rennen um den Gouverneursposten in der Republikanerhochburg Georgia nur knapp scheiterte.

Foto: Michael A. McCoy/ AP

Denkbar wäre auch, dass sich Biden für eine Kandidatin aus dem industriellen Norden oder Mittleren Westen entscheidet. Staaten wie Pennsylvania, Michigan oder Wisconsin muss Biden unbedingt gewinnen, wenn er Trump schlagen will. Für sie stehen Politikerinnen wie Amy Klobuchar oder Gretchen Whitmer.

Biden selbst lässt sich bei der Suche weiter nicht in die Karten schauen. Sie soll wohl offiziell noch bis Juli laufen. Der Druck auf ihn, die richtige Entscheidung zu treffen, nimmt zu. Der Kandidat steht wegen Vorwürfen, er habe eine Mitarbeiterin sexuell attackiert , in der Kritik. Trumps Beliebtheitswerte steigen zum Teil wieder an. Ein Sieg Bidens im November ist alles andere als selbstverständlich.

Unlängst scherzte Biden, er würde die frühere First Lady Michelle Obama sofort als Vize nehmen, könne sich aber nicht vorstellen, dass sie den Job haben wolle. Dann wieder erklärt er, er sehe eine ganze Reihe "geeigneter Frauen für die Position", ohne sich jedoch festzulegen.

Aus dem Umfeld des Kandidaten wird derweil gestreut, er suche nach einer Kandidatin, die ihm sympathisch sei, mit der er im Weißen Haus gut zusammenarbeiten könne. Das kann für Harris sprechen - oder auch gegen sie.

Lange galten Biden und Harris als Verbündete. Sie war mit Bidens Sohn Beau befreundet, der vor einigen Jahren an Krebs starb. Sowohl Biden als auch der damalige Präsident Obama unterstützten Harris' Kandidatur für den Senat. Man mochte sich.

Dann erlebte die Freundschaft einen Rückschlag: Im Vorwahlkampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur attackierte Harris Biden in einer TV-Debatte scharf, sie warf ihm vor, sich in der Vergangenheit nicht eindeutig genug für die Interessen von Afroamerikanern eingesetzt zu haben. Sowohl Biden als auch seine Frau Jill nahmen Harris diesen Hieb anschließend wohl sehr übel.

Nun soll diese Episode angeblich ausgestanden sein, im Namen der gemeinsamen Mission: Donald Trump aus dem Weißen Haus zu vertreiben.

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