Umweltzerstörung in Kambodscha »Wir werden belästigt, eingeschüchtert, bedroht«

Eine Gruppe junger Aktivistinnen und Aktivisten kämpft gegen die massive Umweltzerstörung in Kambodscha. Sie wird immer wieder zum Ziel der Regierung, einige mussten für ihr Engagement bereits ins Gefängnis.
Ein Interview von Maria Stöhr, Phnom Penh
Ly Chandaravuth setzt sich für Umweltschutz in Kambodscha ein. Im Jahr 2021 musste er deswegen fünf Monate ins Gefängnis, der Vorwurf: Aufwiegelung und Majestätsbeleidigung

Ly Chandaravuth setzt sich für Umweltschutz in Kambodscha ein. Im Jahr 2021 musste er deswegen fünf Monate ins Gefängnis, der Vorwurf: Aufwiegelung und Majestätsbeleidigung

Foto: Thomas Cristofoletti / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Herr Ly Chandaravuth, Sie machen mit aufrüttelnden Videos auf die massiven Umweltzerstörungen in Kambodscha aufmerksam. Was macht Sie so wütend?

Ly Chandaravuth: Kambodscha ist ein Land voller wertvoller Ressourcen. Aber niemand schützt sie, die Regierung beutet sie aus, ein Ausverkauf ohne Gedanken an Nachhaltigkeit. Es wird illegal mit Wildtieren gehandelt. Es werden illegal Wälder gerodet. Kambodscha hat eine der höchsten Entwaldungsraten der Welt. Mehr als 60 Prozent des Waldes im Land ist seit dem Jahr 2011 gerodet worden. Innerhalb von nur zehn Jahren! Es werden ganze Städte neu hochgezogen, Küstenläufe verändert. Alles läuft intransparent ab. Niemand wird informiert, vor allem die Öffentlichkeit nicht.

Zur Person
Foto: Thomas Cristofoletti / DER SPIEGEL

Ly Chandaravuth, Jahrgang 1999, hat an der Royal University of Law and Economics in Phnom Penh Jura studiert. Er ist Mitglied der Umweltorganisation Mother Nature, die in Videos und Postings in den sozialen Medien auf die Ausbeutung von Ressourcen in ihrer Heimat Kambodscha aufmerksam macht. Im Juni 2021 wurde er festgenommen und fünf Monate inhaftiert. Der Vorwurf: Aufwiegelung zum Umsturz und Majestätsbeleidigung.

SPIEGEL: Lassen Sie uns über den Sandabbau aus dem Mekong-Fluss sprechen. Was passiert da?

Chandaravuth: Die Regierung von Hun Sen trägt Sand aus dem Mekong ab; sie pumpt den Sand in eine Zone außerhalb von der Hauptstadt Phnom Penh, um dort Seen auszutrocknen. Dort sollen dann neue Stadtviertel und riesige Neubauprojekte entstehen. Die Folgen sind gravierend: Im Mekong sinkt durch die Entnahme des Untergrundes der Wasserstand. Was bedeutet, dass Meerwasser von der Mündung hinein in den Fluss drängt. Dadurch sterben Süßwasserfische. Die Rückstände der Maschinen, die den Boden ausbaggern, sind schädlich für Pflanzen und Tiere; Grünpflanzen am Ufer sterben ab. Der Fischbestand schrumpft. Das wiederum ist ein Problem für die Ernährung der Menschen. Eines der Grundnahrungsmittel der Kambodschaner ist Fisch. Wird er knapp, wird er teurer – zu teuer für viele.

SPIEGEL: Das Projekt in Phnom Penh ist inzwischen weit fortgeschritten, große Teile ehemaliger Nassflächen sind zu Bauwüsten geworden. Kambodscha insgesamt hat in den vergangenen 15 Jahren die Hälfte seiner Feuchtgebiete verloren.

Chandaravuth: Es ist ein irreversibler Prozess. 15 von 25 Seen rund um Phnom Penh sind schon zugeschüttet und trockengelegt; es fehlen der Stadt nun die natürlichen Rückhaltebecken und Speicher für die Wassermassen in der Regenzeit. Wo soll das Wasser in Zukunft hin? Es staut sich schon jetzt viel zu hoch in manchen Stadtteilen. Die Seen waren außerdem wie eine natürliche Kläranlage für das Abwasser Phnom Penhs. Und viele Menschen lebten von dem, was die Seen hergaben: vom Fisch, von Gemüse und Kräutern, die darin wachsen und sich auf dem Markt verkaufen lassen.

Die »Mekong Residence«, eine der vielen neu gebauten Luxus-Residenzen, die auf den ehemaligen Feuchtgebieten vor Phnom Penh gebaut wurden

Die »Mekong Residence«, eine der vielen neu gebauten Luxus-Residenzen, die auf den ehemaligen Feuchtgebieten vor Phnom Penh gebaut wurden

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom

SPIEGEL: Warum wird trotzdem weitergebaut?

Chandaravuth: Weil die Regierung glaubt, dass so Entwicklung geht. Shoppingmalls, Betonbauten, zugepflastertes Land. Ausländische Investoren, vor allem aus China, legen ihr Geld in Phnom Penh an, bauen Gebäude, die am Ende oft leer stehen. Niemand denkt an die Menschen, die hier leben, ans Wasser, die Umwelt. Diese Projekte verschärfen die Ungleichheit zwischen Arm und Reich.

SPIEGEL: Inwiefern?

Chandaravuth: Wer soll sich die Wohnungen, die gerade gebaut werden, leisten können? Wer braucht drei Shoppingmalls nebeneinander? Die Menschen, die für diese Mega-Projekte Platz machen müssen, ganz bestimmt nicht. Die Überflutung trifft auch erst mal die Viertel der Ärmeren. Die können nicht so leicht umziehen. Sie sind ausgeliefert.

Ly Chandaravuth beim Besuch der letzten übrig gebliebenen Seen vor seiner Heimatstadt: »Irreversibler Prozess«

Ly Chandaravuth beim Besuch der letzten übrig gebliebenen Seen vor seiner Heimatstadt: »Irreversibler Prozess«

Foto: Thomas Cristofoletti / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sie versuchen, mit ihrer Gruppe Mother Nature  gegenzusteuern. Was tun Sie?

Chandaravuth: In Kambodscha sind viele unabhängige Medien geschlossen worden, Journalisten wie Aktivisten werden unterdrückt und eingeschüchtert. Es fehlt schlicht Berichterstattung über das, was vor sich geht, außerhalb der von der Regierung beeinflussten Zeitungen. Wir versuchen, in unseren Posts und Videos diese Aufklärung zu einem Teil zu übernehmen.

SPIEGEL: Wer ist Ihr Publikum?

Chandaravuth: Vor allem junge Leute. Die Videos werden Zehntausende Male geklickt und geteilt, manche mehr als eine Million Mal. Viele sind entsetzt, wenn sie sehen, wie ihr Land kaputt gemacht wird. Schreiben uns, unterstützen uns, und teilen die Videos bei Facebook. Das allein macht uns zu Feinden der Regierung: Wir werden belästigt, eingeschüchtert, bedroht. Unsere Social-Media-Kanäle lahmgelegt.

SPIEGEL: Sie und Ihre Mitstreiter wurden für die Videos verhaftet, waren über Monate im Gefängnis.

Chandaravuth: Ich hatte vor der Kamera eine Wasserprobe aus dem Tonle Sap River in Phnom Penh nehmen wollen. Das Wasser hatte seit Tagen unfassbar gestunken. Wir machen das manchmal: Proben aus dem Fluss an ein Labor schicken, um zu belegen, wie sich die Wasserqualität verschlechtert. Ich hatte das Fläschchen gerade aus dem Fluss geholt, da kamen Beamte in Zivil und nahmen mich fest.

SPIEGEL: Mit welcher Begründung?

Chandaravuth: Sie werfen mir und anderen Aktivistinnen und Aktivisten Aufwiegelung zum Umsturz der Regierung und Majestätsbeleidigung vor. Ich war am Anfang schockiert, das muss ich zugeben. Aber dann habe ich mich arrangiert. Es ist, was mit Menschen in Kambodscha passiert, die frei ihre Meinung äußern. Ich bin auf Bewährung draußen, was zum Beispiel heißt, dass ich das Land nur verlassen darf, wenn ich die Regierung um Erlaubnis bitte.

SPIEGEL: Wie groß ist das Umweltbewusstsein in Kambodscha?

Chandaravuth: Ich merke, dass Leute in Europa oft nicht nachvollziehen können, warum Gesellschaften, die den Klimawandel und Umweltzerstörung so deutlich und jeden Tag spüren, sich so wenig dafür interessieren. Aber Sie müssen sich vorstellen: Die staatliche Unterdrückung, die Verzerrung von Realität ist in Kambodscha mächtig. Viele haben Angst, Kritik zu üben. Sie sehen, was mit denen passiert, die sich trauen. Sie sind in einem Land aufgewachsen, das grausame Kriege und Traumata erlitten hat; diese Gewalt ist nicht lange her, ist in den Köpfen der Menschen. Sie wissen genau, dass die Mächtigen zu allem imstande sind. Da ist man lieber still. Und was wir nicht außer Acht lassen sollten: Die Menschen sind in der Pandemie ärmer geworden. Sie haben Jobs verloren. Sie haben oft kein Sicherheitsnetz. Sie haben andere, direktere Probleme.

Sand trifft auf See: Wo heute noch die Bahnen der Wasserspinat-Pflanzen zu sehen sind, werden bald Gebäude stehen

Sand trifft auf See: Wo heute noch die Bahnen der Wasserspinat-Pflanzen zu sehen sind, werden bald Gebäude stehen

Foto: Thomas Cristofoletti / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Was müsste sich ändern?

Chandaravuth: Die Regierung. Nichts wird sich ändern, solange die an der Macht bleiben, die es sind. In einer Diktatur gibt es keinen Wandel. Ich sehe nicht optimistisch in die Zukunft. Wir machen trotzdem weiter. Vielleicht stehen eines Tages doch alle gemeinsam auf, vielleicht wird dieser Tag kommen. Für mich ist Schweigen keine Option. Wir müssen laut sein.

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Gebaut auf Sand

Foto: Thomas Cristofoletti

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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