Kambodscha Der Kampf der Frauen vom Pokertisch

Es ist der größte Arbeiterstreik in Kambodscha seit Jahren: In Phnom Penh wehren sich Casino-Arbeiterinnen gegen ihre Entlassung in der Coronakrise. Ihr Gegner: einer der profitabelsten Casinobetreiber der Welt.
Aus Phnom Penh berichten Maria Stöhr und Thomas Christofoletti (Fotos)
Sie streiken gegen ihre Entlassung: Casino-Mitarbeiterinnen in Phnom Penh

Sie streiken gegen ihre Entlassung: Casino-Mitarbeiterinnen in Phnom Penh

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Vor der großen Kreuzung, wo schon die großen Busse bereitstehen wie mobile Gefängniszellen, kommen die Frauen zwischen den Autos hervor. Hier zwei, da drei, sie steigen von Motorrollern und aus Taxis, aus vereinzelten Menschen wächst langsam eine Menge. Manche halten Pappschilder vor dem Körper, auf denen steht: »Nehmt ihr uns wieder fest? Was machen wir falsch?«.

Die Sonne steht um zwei Uhr nachmittags steil über der Betonstadt Phnom Penh, es ist an diesem Tag im März so heiß, das Licht so grell, dass man sich unbedingt in den Schatten flüchten wollte, hätte man nicht dies zu tun: streiken.

Frauen versammeln sich mit Plakaten Ende März vor dem Casino in Phnom Penh. Kurz danach werden sie von Sicherheitskräften in die Busse gedrängt und an den Rand der Stadt gefahren

Frauen versammeln sich mit Plakaten Ende März vor dem Casino in Phnom Penh. Kurz danach werden sie von Sicherheitskräften in die Busse gedrängt und an den Rand der Stadt gefahren

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

Doch dazu kommt es nicht. Noch bevor sich die Frauen, insgesamt ein paar Hundert, zu einer Demonstration versammeln und ihre Forderungen laut machen können: keine Entlassung, gerechte Abfindung, Schutz der Gewerkschaft, sind sie von Polizisten eingekesselt. Die Sicherheitskräfte, teils in Zivil, packen die Demonstrantinnen, schieben und drängen sie in Richtung der Busse. Es sind Schreie zu hören.

Ein Polizist versucht, dem SPIEGEL-Fotografen die Sicht auf den Protest vor dem NagaWorld-Casino zu nehmen

Ein Polizist versucht, dem SPIEGEL-Fotografen die Sicht auf den Protest vor dem NagaWorld-Casino zu nehmen

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

Ein Bus nach dem anderen wird mit den Frauen gefüllt, deren Job es sonst ist, an den Pokertischen zu sitzen und das Zocken der Reichen zu beaufsichtigen.

Ein Bus nach dem anderen fährt ab. Karrt die Frauen an den Rand der Stadt, schafft sie weit weg von dem Ort des Protests. Wer nicht da ist, kann nicht stören.

Seit Mitte Dezember streiken in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh Casino-Mitarbeiterinnen gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft LRSU gegen das Unternehmen NagaWorld, der einzig lizenzierte Hotel-Casino-Komplex in Phnom Penh. Sie werfen dem Betreiber vor, die Coronakrise als Vorwand zu benutzen, mehr als Tausend Angestellte entlassen zu haben, weil sie Mitglieder in der Gewerkschaft sind.

Das NagaWorld-Two-Casino in Phnom Penh, Kambodscha

Das NagaWorld-Two-Casino in Phnom Penh, Kambodscha

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom

Das Unternehmen bestreitet dies. In einem von wenigen Statements , in der regierungsfreundlichen »Khmer Times « veröffentlicht, bezeichnet NagaCorp die Streiks vor dem Casino als »illegal« und verweist auf 77 Millionen US-Dollar Umsatzeinbußen als Grund für die Entlassungen. Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft spiele, entgegen der Anschuldigungen durch die Streikenden, keine Rolle. Der SPIEGEL konnte die Betreiber des Casinos für ein Statement nicht erreichen.

Aus einem Streik, der sich nach der Auffassung vieler recht gut mit einem Kompromiss hätte lösen lassen, ist eine große Krise geworden. Der größte Aufstand von Arbeitern in Kambodscha seit 2014. Damals waren Tausende für bessere Bedingungen in den Kleidungsfabriken auf die Straßen gegangen, mindestens vier Menschen starben, als das Militär mit Schusswaffen auf die Demonstration hielt.

Eine Krise, bei der ein Exempel statuiert werden soll, weit über den Fall im Casino hinaus: Wer in Kambodscha für sein Recht als Arbeitnehmerin kämpft, kann nur verlieren.

Blick in eins der NagaWorld-Casinos in Phnom Penh im Jahr 2018

Blick in eins der NagaWorld-Casinos in Phnom Penh im Jahr 2018

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom

Von Anfang an gehen die kambodschanischen Behörden repressiv gegen die Streikenden vor, nehmen acht Gewerkschaftsführer fest. Ein neu verabschiedetes Coronaschutz-Gesetz wird von der Regierung unter Premierminister Hun Sen als Vorwand genutzt, die Frauen an der Versammlung zum Streik zu hindern. Sie werden etwa in Massen zu Testzentren gebracht und danach unter Quarantäne gestellt. Oder mit Bussen an Orte außerhalb der Stadt verfrachtet.

Frauen warten vor dem Arbeitsministerium in Phnom Penh auf Gewerkschaftsführerin Chhim Sithar

Frauen warten vor dem Arbeitsministerium in Phnom Penh auf Gewerkschaftsführerin Chhim Sithar

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL
Streikende harren vor dem Arbeitsministerium aus und warten die Verhandlung zwischen Ministerium, Gewerkschaft und Casino-Unternehmen ab

Streikende harren vor dem Arbeitsministerium aus und warten die Verhandlung zwischen Ministerium, Gewerkschaft und Casino-Unternehmen ab

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

Kambodscha ist ein Land, das seit mehr als 30 Jahren von Premierminister Hun Sen und seiner Cambodian People's Party regiert wird. In dieser Zeit sind nicht nur die Rechte von Arbeiterinnen, sondern jegliche Opposition massiv eingeschränkt worden.

Wer frei seine Meinung sagt, sich für Menschenrechte oder die Umwelt einsetzt, als Journalistin kritisch berichtet, muss mit heftiger Repression rechnen, nicht selten mit langen Haftstrafen in überfüllten Gefängnissen.

Das Land ist abhängig von Geld aus China; sehr viele Immobilienprojekte werden von chinesischen Investoren gebaut, viel Infrastruktur ist auf China ausgelegt: Vor der Pandemie waren die NagaWorld-Casinos voll mit chinesischen Kunden; für Kambodschaner ist Glücksspiel offiziell verboten. Auf den Bussen, mit denen die streikenden Frauen abtransportiert werden, steht auf Aufklebern: »China Aid«.

Die Regierung, so die Auffassung von Beobachtern, arbeite gegen die Aktivistinnen, rechtswidrig und willkürlich, gegen Zugeständnisse, in die Hände des Casino-Betreibers. So geht es ihr laut Phil Robertson , stellvertretender Asien-Direktor von Human Rights Watch, vor allem darum, »einen der längsten Arbeitskämpfe in Kambodscha seit Jahren zu beenden«.

»Sie wissen nicht, wie umgehen mit einer kleinen schmalen klugen Frau, die wahre Worte spricht.«

Chhim Sithar, Gewerkschaftsführerin, die festgenommen wurde

NagaCorp, ein an der Hongkonger Börse gelistetes Unternehmen, gehörte laut einer Analyse von Gambling Compliance im Jahr 2018 zu den profitabelsten Casinos der Welt. Der malaysische CEO besitzt laut Forbes 2,9 Milliarden Dollar.

Diese Frau arbeitet im Casino. Ihr wurde nicht gekündigt – aber sie unterstützt die Streiks dennoch, und riskiert damit auch ihren Job

Diese Frau arbeitet im Casino. Ihr wurde nicht gekündigt – aber sie unterstützt die Streiks dennoch, und riskiert damit auch ihren Job

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

In Phnom Penh ragen die goldenen Türme der zwei Spielhallen in die Höhe, eine dritte wird gerade gebaut; zwischen den gigantischen Gebäuden liegen eingequetscht die Nationale Wahlkommission Kambodschas und die Nationalversammlung, es wirkt fast, als würden sie im Casino zur Miete wohnen.

Das Unternehmen sagt : Man habe in der Pandemie Einbußen verzeichnet, sei zu Entlassungen von etwa 1300 Mitarbeitenden gezwungen.

Streikende warten auf das Ende der Verhandlungsrunde am Arbeitsministerium

Streikende warten auf das Ende der Verhandlungsrunde am Arbeitsministerium

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

Wenn man die streikenden Frauen, kurz bevor sie in die Busse geschoben werden, fragt, warum sie hier sind, sagen sie:

»Ich arbeite seit elf Jahren im Casino. Ich habe nie einen Fehler gemacht. Ich habe nie etwas anderes gelernt.«

»Sie wollen uns loswerden, weil wir in der Gewerkschaft sind.«

»Warum sparen sie meine Stelle ein, wenn sie gleichzeitig ein drittes Casino bauen für Milliarden Dollar?«

»Wir tun nur, was wir dürfen. Wir streiken«

»Wir tun nur, was wir dürfen. Wir streiken«

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

Ein Tag vor dem Streik am Casino. Chhim Sithar sitzt an einem Tisch in ihrem Wohnzimmer. Sie, 34 Jahre alt, ist die Gewerkschafts- und die Wortführerin bei den Verhandlungen; sie ist eine von denen, die deshalb mehrere Wochen im Gefängnis waren. Sie sagt, sie habe alles vorbereitet, sie rechne damit, wieder festgenommen zu werden.

»Sie wissen alle: Wenn wir den Kampf gewinnen, würden auch andere Arbeiter in anderen Branchen aufstehen und für ihr Recht kämpfen. So viele Menschen in diesem Land hätten guten Grund.«

Chhim Sithar, Gewerkschafts- und Wortführerin bei den Verhandlungen

»Wir tun nur, was wir dürfen. Wir streiken. Am Anfang waren wir 2000 Leute auf der Straße. Dann kam zum ersten Mal die Polizei und hat uns ins Gesicht geschlagen, stellte uns in Zivil nach. So ging es los.«

Sie sagt, es sei von Anfang an ein unfairer Kampf gewesen. Die Regierung wisse: »Wenn wir den Kampf gewinnen, würden auch andere Arbeiter in anderen Branchen aufstehen und für ihr Recht kämpfen. So viele Menschen in diesem Land hätten guten Grund dazu. Das fürchtet die Regierung«, so Sithar.

Gewerkschaftsführerin Sithar sagt, sie bereite sich auf eine erneute Festnahme vor

Gewerkschaftsführerin Sithar sagt, sie bereite sich auf eine erneute Festnahme vor

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom / DER SPIEGEL

Sie erzählt, wie ihr im vergangenen Dezember ein Polizist jeden Tag vor ihrem Haus aufgelauert habe. Beim nächsten Protest sei sie dann festgenommen worden: Zwölf Männer in Uniform hätten sie weggeschleift, geschlagen, die Ellbogen an ihre Kehle gedrückt; es gibt Videos davon.

Sithar beschreibt, wie sie in zwei verschiedenen überfüllten Gefängnissen war, insgesamt 74 Tage, in engen Räumen mit einem Handtuch-großen Platz zum Schlafen. Vier Streikende in Gebäude A, drei Streikende in Gebäude B, darunter eine Schwangere, keine mit Kontakt zu Anwälten oder der Familie; Covidfälle, Stress, kein Schlaf.

Sie sagt, das sei der Moment gewesen, an dem sie begriff, wie verheerend die Wirkung des Protests der Frauen sein muss für die mächtigen reichen Männer in ihrem Land. Sie sagt: »Ich bin klein, ich bin eine Frau, das schmerzt diese Männer sehr. Sie wissen nicht, wie umgehen mit einer kleinen schmalen klugen Frau, die wahre Worte spricht.«

Baugrube für den neuesten NagaWorld-Komplex in Phnom Penh: »Warum sparen sie meine Stelle ein, wenn sie gleichzeitig ein drittes Casino bauen für Milliarden Dollar?«

Baugrube für den neuesten NagaWorld-Komplex in Phnom Penh: »Warum sparen sie meine Stelle ein, wenn sie gleichzeitig ein drittes Casino bauen für Milliarden Dollar?«

Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom

Die Gewerkschaftsführerin fordert, dass die entlassenen Arbeiterinnen wieder eingestellt oder zumindest fair abgefunden werden. Dass niemand aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft diskriminiert und unter Druck gesetzt wird.

Die Gewerkschaft sei gerade in der Spielbranche wichtig. Sie erzählt von Frauen, die als »Dealer Supervisor« an den Blackjack- und Pokertischen arbeiteten und von wütenden Kunden, die gerade Geld verloren haben, ins Gesicht geschlagen, mit Bier beschüttet, angeschrien würden; denen 25-Dollar-Scheine in die Hand gedrückt würden, damit sie mit aufs Hotelzimmer kommen. Allzu oft sei das Casino nicht eingeschritten.

»Wer gibt den Frauen Schutz?«, fragt Sithar. Sie selbst ist auch seit Jahren im Casino angestellt, sie hat alles beobachtet. Profit, sagt sie, ist das oberste Gebot im Casino. Um die kleinen Leute, die ihn ermöglichen, gehe es nicht.

Sie erzählt von der letzten Verhandlung mit NagaWorld, bei der auch wieder die Regierung mit am Tisch saß. Dass sie eine Enttäuschung war, dass sie nicht mehr wirklich daran glaube, dass je ein Kompromiss gefunden werde.

Sie sagt: Kambodscha sei für sie eine Diktatur. Weil Gerichte täten, was der Mächtige sage. Weil die Reichen die Macht hätten und die normalen Leute keine. Aber dann korrigiert sie sich, dann sagt sie: »Zum Opfer wird man trotzdem erst, wenn man nichts mehr tut. Wir machen weiter, wir hören nicht auf.«

Mitarbeit: Chanborey Pen

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.