Krieg in der Ukraine Kampf um Kiew – die wichtigsten Ereignisse der Nacht im Überblick

Russische Truppen rücken auf Kiew vor, der ukrainische Präsident Selenskyj ruft in einer neuen Videobotschaft die Bevölkerung zur Verteidigung der Hauptstadt auf. Die Führung in Moskau meldet die Eroberung einer Stadt im Südosten. Der Überblick.
Ukrainische Soldaten begutachten am Samstagmorgen Überreste eines Kampfes mit russischen Truppen

Ukrainische Soldaten begutachten am Samstagmorgen Überreste eines Kampfes mit russischen Truppen

Foto: SERGEI SUPINSKY / AFP

Explosionen erschüttern Kiew, die ukrainische Hauptstadt steht unter Artilleriebeschuss. Die russische Armee ist am dritten Tag nach der Kriegserklärung von Präsident Wladimir Putin weiter in das Nachbarland vorgerückt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte die Bevölkerung in der Nacht auf Samstag vor dem Ansturm der russischen Armee auf Kiew. Ein Angebot der USA, ihn außer Landes zu bringen, lehnte Selenskyj Berichten zufolge ab. Der Präsident meldete sich stattdessen in einem Video aus Kiew zu Wort.

Auch aus anderen ukrainischen Städten werden Gefechte gemeldet.

Ein Überblick über die Entwicklungen in der Nacht.

Die Lage in Kiew

Der Krieg ist nun mit voller Wucht in der Hauptstadt angekommen. In der Nähe des Regierungsviertels in Kiew sind Augenzeugen zufolge Schüsse zu hören. Nach Angaben der Zivilschutzbehörde ist ein großer Wohnblock von einem Geschoss getroffen worden. Ersten Meldungen zufolge gab es dabei keine Todesopfer. (Verfolgen Sie hier den laufend aktualisierten News-Überblick)

Laut der Nachrichtenagentur AP ist nicht klar, wie weit russische Soldaten bereits in Kiew vorgedrungen sind. Berichte über Kämpfe am Rande der Stadt deuteten darauf hin, dass kleine russische Einheiten die ukrainische Verteidigung sondierten, um einen Weg für die Hauptstreitkräfte freizumachen, hieß es. Brücken, Schulen und Wohnhäuser seien zerstört oder beschädigt worden.

Die ukrainische Flagge weht am Samstagmorgen über Kiew: Widerstand gegen den Einmarsch

Die ukrainische Flagge weht am Samstagmorgen über Kiew: Widerstand gegen den Einmarsch

Foto: GENYA SAVILOV / AFP

Die ukrainischen Behörden warnen angesichts des russischen Einmarsches vor Straßenkämpfen in der Hauptstadt. »Auf den Straßen unserer Stadt laufen jetzt Kampfhandlungen. Wir bitten darum, Ruhe zu bewahren und maximal vorsichtig zu sein!«, hieß es in der Mitteilung am Samstag. Wer in einem Bunker sei, solle dort bleiben. Im Fall von Luftalarm sollten die Menschen den nächsten Bunker aufsuchen. Die Stadt veröffentlichte eine Karte dazu.

»Wenn Sie zuhause sind, dann gehen sie nicht ans Fenster, gehen sie nicht auf die Balkone.« Die Menschen sollten sich etwa auch abdecken, um sich vor Verletzungen zu schützen.

Laut Kiews Bürgemeister Vitali Klitschko sind Dutzende Menschen bei den Kämpfen in Kiew in der Nacht auf Samstag verletzt worden. 35 Menschen, darunter zwei Kinder, seien verwundet worden. Dabei blieb unklar, ob er sich nur auf Zivilisten bezog. Klitschko fügte hinzu, dass es in Kiew derzeit keine große russische Militärpräsenz gebe.

Die Lage im Rest der Ukraine

Objektive Informationen, welche Städte die russischen Streitkräfte erobert haben, sind schwierig zu bekommen.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete am Samstag unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau, russische Truppen hätten die Stadt Melitopol in der südöstlichen ukrainischen Region Saporischschja eingenommen. Die Kleinstadt liegt in der Nähe des Asowschen Meeres.

Kämpfe werden von ukrainischer Regierungsseite auch aus der Nähe der ukrainischen Städte Mariupol, Cherson, Mykolajiw und Odessa im Küstengebiet des Schwarzen Meeres gemeldet. »Schwere Kämpfe finden in der Nähe von Mariupol statt«, sagte Präsidialamtsberater Mychailo Podoljak bei einem Briefing. »Aber es besteht keine Chance, dass Mariupol kapituliert oder eingenommen wird.«

Laut ukrainischem Militär werden die Städte im Osten der Ukraine aus der Luft attackiert. Vom Schwarzen Meer aus seien Marschflugkörper auf die Ukraine abgefeuert worden.

Die Ukraine gab an, mehr als 1000 russische Soldaten seien getötet worden. Russland gab keine Opferzahlen bekannt.

Was macht Präsident Wolodymyr Selenskyj?

Der ukrainische Präsident bemüht sich, den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Mut zu machen. Am Samstagmorgen hat Selenskyj in einer neuen Videobotschaft  seinen Durchhaltewillen im Kampf gegen den russischen Angriff bekräftigt.

DER SPIEGEL

»Wir werden die Waffen nicht niederlegen, wir werden unseren Staat verteidigen«, sagt er in dem Video, in dem er offenbar vor seinem Amtssitz in Kiew stand. Er wünsche »allen einen guten Morgen«, sagte er mit einem Lächeln.

Er wolle kursierende Falschnachrichten widerlegen, wonach er das Land verlassen habe. »Ich bin hier.« Das Land müsse verteidigt werden. »Ruhm der Ukraine!« Er selbst werde in Kiew bleiben.

Zudem kündigte Selenskyj neue Waffenlieferungen an. »Waffen und Ausrüstung unserer Partner sind auf dem Weg in die Ukraine. Die Anti-Kriegs-Koalition funktioniert«, schrieb Selenskyj am Samstag auf Twitter  und verwies auf ein Telefongespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Bereits am Freitagabend hatte Selenskyj in einer Erklärung die Bevölkerung zur entschlossenen Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. »Das Schicksal des Landes entscheidet sich gerade jetzt«, sagte er.

DER SPIEGEL

Selenskyj wurde auf Geheiß der US-Regierung aufgefordert, Kiew zu verlassen, lehnte das Angebot jedoch ab, wie ein hochrangiger amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter mit direkter Kenntnis des Gesprächs sagte. Der Beamte zitierte den Präsidenten mit den Worten, dass »der Kampf hier ist« und dass er Panzerabwehrmunition brauche, aber »keine Mitfahrgelegenheit«.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte zuvor die ukrainische Armee aufgefordert, die Waffen niederzulegen.

Wie geht es der Zivilbevölkerung?

Viele Ukrainer versuchen, ihr Land zu verlassen. Hunderttausende seien auf der Flucht, schätzt die Uno. Bei einer Bevölkerung von 44 Millionen Menschen könnten in den kommenden Wochen weitere drei bis vier Millionen versuchen, ihr Land zu verlassen.

Flüchtende auf dem Weg Richtung Polen

Flüchtende auf dem Weg Richtung Polen

Foto: DIMITAR DILKOFF / AFP

Tausende erreichten inzwischen EU-Länder wie Polen, die Slowakei, Rumänien und Ungarn. Ukrainische Bürger können ohne Visum in die EU einreisen.

Reporter berichten von langen Schlangen an der Grenze zu Polen, es sind vor allem Frauen und Kinder. Polen hat zugesichert, sie mit Lebensmitteln und Medikamente auszustatten. »In den vergangenen 24 Stunden haben 35.000 Menschen die polnisch-ukrainische Grenze in Richtung Polen überquert«, sagte der polnische Vize-Innenminister Pawel Szefernaker am Freitagabend dem öffentlich-rechtlichen Sender TVP.

Die »New York Times« berichtet aber auch von Ukrainern, die an der polnischen Grenze in die entgegengesetzte Richtung gingen: Kleinere Gruppen von Männern, die sagten, sie würden nach Hause zurückkehren, um zu kämpfen. »Wir werden Russland schlagen«, rief demnach ein Rückkehrer mittleren Alters, als er die Grenzschützer passierte.

Welche diplomatischen Bemühungen gibt es?

Eine diplomatische Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Russland erklärte sich zwar bereit für Gespräche. Und ein Sprecher Selenskyjs sagte, die Führung in Kiew sei darüber mit Moskau in Kontakt.

»Unmittelbar in diesen Stunden führen die Seiten Konsultationen über Ort und Zeit eines Gesprächsprozesses«, schrieb Sprecher Serhij Nikiforow auf Facebook. Ungarn bot sich als Gastgeber für Friedensgespräche an. Zuvor hatte der Kreml Minsk als möglichen Verhandlungsort genannt, die Ukraine hatte sich für Warschau ausgesprochen.

Doch hatte Putin deutlich gemacht, dass er die ukrainische Führung um Selenskyj stürzen will. Der ukrainische Präsident selbst sieht sich als Feind Nummer eins des russischen Angriffs. So bleibt offen, was Gespräche bringen sollen und wer sie führen würde.

Selenskyj hat auch den israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett im Konflikt mit Russland darum gebeten, zwischen den beiden Ländern zu vermitteln. Israel sei der einzige demokratische Staat ist, der ausgezeichnete Beziehungen zu beiden Ländern unterhalte, sagt der ukrainische Botschafter in Israel, Jewgen Kornijtschuk.

Kiew spreche schon seit mindestens einem Jahr mit Israel über eine mögliche Vermittlerrolle. Bisher seien die Anfragen aber erfolglos geblieben.

Was macht die Weltgemeinschaft?

Im Uno-Sicherheitsrat wurde eine gegen den russischen Angriff gerichtete Resolution eingebracht – und scheiterte wie erwartet am Veto Moskaus.

Westliche Diplomaten werteten die Abstimmung am Freitagabend in New York dennoch als Erfolg beim Versuch, Russland international zu isolieren. Denn China – sonst enger Uno-Partner der Russen – enthielt sich genauso wie Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Elf Staaten stimmten zu, während über 70 weitere nicht stimmberechtigte Länder die Resolution unterstützten.

Sitzung des Uno-Sicherheitsrates

Sitzung des Uno-Sicherheitsrates

Foto: Anadolu Agency / Anadolu Agency via Getty Images

Um Druck auf Russland auszuüben, traten in der Nacht auf Samstag die neuen EU-Sanktionen in Kraft. Die Strafmaßnahmen zielen darauf ab, Russland und seiner Wirtschaft erheblichen Schaden zuzufügen.

Dafür werden zum Beispiel die Refinanzierungsmöglichkeiten des Staates und von ausgewählten privaten Banken und Unternehmen eingeschränkt. Zudem erlässt die EU Ausfuhrbeschränkungen für strategisch wichtige Güter.

Darüber hinaus setzt die EU Putin und den russischen Außenminister Sergej Lawrow auf ihre Sanktionsliste. Unklar blieb zunächst allerdings, ob Putin und Lawrow Vermögen in der EU haben, das eingefroren werden könnte.

Das Außenministerium in Moskau teilte mit, die beiden hätten keine Konten im Westen. Auch die USA, Großbritannien und Kanada verhängten Sanktionen gegen Putin und Lawrow.

Die Staats- und Regierungschefs der 30 Nato-Staaten bekräftigten bei einem Sondergipfel am Freitag ihre feste Entschlossenheit zur kollektiven Verteidigung der Alliierten. »Unser Bekenntnis zu Artikel 5 des Vertrags von Washington ist unerschütterlich. Wir stehen zum Schutz und zur Verteidigung aller Verbündeten zusammen«, hieß es in der Abschlusserklärung.

»Wir werden tun, was notwendig ist, um jeden Verbündeten und jedes Stück Nato-Gebiet zu beschützen und zu verteidigen«, sagte Generalsekretär Stoltenberg.

Die Ukraine bittet den Internationalen Währungsfonds nach Angaben seiner geschäftsführenden Direktorin Kristalina Georgiewa um eine Notfinanzierung.

Derzeit würden verschiedene Möglichkeiten für Finanzhilfen geprüft, darunter eine bestehende Kreditlinie über fünf Milliarden Dollar, von der noch 2,2 Milliarden Dollar abgerufen werden könnten, sagt sie.

US-Präsident Joe Biden bewilligt 350 Millionen Dollar an Militärhilfe für die Ukraine. Er wies das Außenministerium in einem Memorandum an, die Mittel freizugeben, die im Rahmen des Foreign Assistance Acts bereitgestellt werden.

Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

  • Wie reagieren die Menschen in der Ukraine auf den Überfall? Was denkt die russische Bevölkerung? Ein SPIEGEL-Team berichtet aus dem Kriegsgebiet und analysiert, was Wladimir Putins Großmachtstreben für die Weltordnung bedeutet. Hier weiter lesen

  • Warum hat der Krieg in der Ukraine so eine immense Bedeutung? Und was macht den Konflikt so gefährlich? Das erklärt der Politologe Bertrand Badie im Interview .

  • Der Krieg in der Ukraine wirkt sich auch auf die deutsche Innenpolitik aus. In der SPD wächst der Unmut über den Umgang mit Putin-Freund Gerhard Schröder. Auch in seiner Heimtstadt Hannover gerät der Altkanzler unter Druck.

mmq/Reuters/dpa/AFP/AP