Kaschmir-Konflikt Ein Jahr im Lockdown

Vor einem Jahr entzog Indien Jammu und Kaschmir die Autonomie. Seitdem herrscht in der Region Ausnahmezustand, die Menschen sind isoliert. Premier Modi legt derweil den Grundstein für den Sieg der Hindunationalisten.
Von Laura Höflinger, Bangalore
Paramilitär patrouilliert in der kaschmirischen Stadt Srinagar.

Paramilitär patrouilliert in der kaschmirischen Stadt Srinagar.

Foto: Dar Yasin/ AP

Als die Behörden endlich die Internetsperre aufheben ließen, musste Farooq Khan erst einmal sein Handy suchen. Er wusste nicht mehr, wo er es hingelegt hatte. Die fünfmonatige Kommunikationsblockade sei eine furchterregende Zeit gewesen, sagt er heute: "Plötzlich waren wir vollständig isoliert."

Denn Indien hatte damals, am 5. August 2019, nicht nur das Internet in Jammu und Kaschmir abschalten lassen, sondern auch Telefonverbindungen und das Kabelfernsehen gekappt. Nahezu über Nacht wurde die Bergregion im Himalaja zur Blackbox. Nichts drang heraus; nichts herein.

Noch am selben Tag entzog Neu-Delhi Jammu und Kaschmir die verbliebene Autonomie. Der Bundesstaat wurde in zwei Teile geteilt: in den mehrheitlich buddhistischen Ladakh sowie in Jammu und Kaschmir, Indiens einzige mehrheitlich muslimische Region. Der ehemalige Bundesstaat hat seitdem keine eigene Regierung mehr, sondern untersteht dem Innenministerium in Neu-Delhi.

"Dann ruft die Polizei bei mir an"

Genau ein Jahr liegt das jetzt zurück. Der SPIEGEL hat im Vorfeld des Jahrestags mit mehreren Menschen im Kaschmir-Tal gesprochen. Viele von ihnen klangen wütend am Telefon. Aber öffentlich sprechen wollten die meisten nicht - oder nur unter falschem Namen. "Wenn sie das schreiben, dann ruft die Polizei bei mir an", hieß es immer wieder. "Ich kann mir nicht leisten, während der Pandemie meinen Job zu verlieren", erklärte einer. Ein anderer sagte: "Sie müssen verstehen: Dieser Anruf wird abgehört."

Foto: DER SPIEGEL

Kaschmir ist ein Konfliktgebiet, das nicht erst unter dem aktuellen Premierminister Narendra Modi zu dem geworden ist, was es heute ist. Sowohl Indien als auch Pakistan erheben Anspruch auf Kaschmir, zwei Kriege haben die Nachbarn um das Gebiet geführt; und auch China kontrolliert einen Teil der Bergregion. Organisationen wie Amnesty International haben immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vor Ort angeprangert. Der pakistanische Geheimdienst hat Waffen und Terroristen in die Region eingeschleust. Sicherheitskräfte und radikale Militante schikanieren und bedrohen die Bevölkerung.

Was neu ist, ist die Stille im Tal. Viele derer, die sich früher zu Wort gemeldet hätten, sind verstummt. Hunderte sitzen ohne Gerichtsprozesse in Haft, darunter auch mehr als zwei Dutzend Politiker. Solche, die freigelassen wurden, mussten im Gegenzug zusagen, dass sie zum Verlust der Sonderrechte schweigen.

Auch Farooq Khan will seinen echten Namen nicht nennen. Dabei habe er in Indien immer Anlass zur Hoffnung gesehen, sagt er. "Ich habe in Indien studiert. Wenn meine Freunde gesagt haben, dass Pakistan die bessere Wahl ist, dann habe ich gesagt: Schaut euch die indische Verfassung an, schaut euch an, wofür dieses Land steht. Und jetzt? Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll."

Die Regierung in Neu-Delhi sieht in der Stille hingegen einen Beweis für den Erfolg ihrer Strategie. Die Bürger aus Jammu und Kaschmir hätten die Entscheidung akzeptiert, heißt es. Es stimmt: Im ersten Halbjahr sind weniger Zivilisten bei Schusswechseln und terroristischen Anschlägen gestorben als im Vorjahr. Proteste, bei denen Steine fliegen, sind selten geworden. Doch Khalid Shah von der Denkfabrik Observer Research Foundation in Neu-Delhi sagt: "Kann das wirklich als Erfolg gelten? Seit einem Jahr herrscht in Kaschmir mehr oder weniger ein Lockdown. Die Präsenz der Sicherheitskräfte ist überwältigend. Man kann kaum vor die Tür treten."

Der Fortschritt, den Modi versprochen habe, sei nicht eingetreten: "Die Straßen in Srinagar sind so schlecht, dass man nach ein paar Kilometern Rückenschmerzen bekommt. Viele Unternehmen haben große Verluste gemacht." Wegen des ständigen Ausnahmezustands falle der Unterricht aus. Die Pandemie hat alles noch verschlimmert. In den vergangenen zwölf Monaten waren im Kaschmir-Tal an nicht einmal hundert Tagen die Schulen geöffnet und weil die Behörden das Internet bis heute drosseln lassen, sind auch Onlinekurse kaum möglich. Jetzt am Jahrestag haben die Behörden erneut eine Ausgangssperre verhängt.

Schulunterricht im Freien während der Pandemie: In den letzten zwölf Monaten waren im Kaschmir-Tal an nicht einmal hundert Tagen die Schulen geöffnet.

Schulunterricht im Freien während der Pandemie: In den letzten zwölf Monaten waren im Kaschmir-Tal an nicht einmal hundert Tagen die Schulen geöffnet.

Foto: TAUSEEF MUSTAFA/ AFP

"Die Wut ist beispiellos", sagt Shah, der selbst Kaschmirer ist. Viele junge Menschen, die sich früher für Indien begeistern konnten, seien bereit, den Militanten beizutreten. "Das letzte Jahr hat gezeigt, dass Neu-Delhi keinen Plan hat, wie es mit Kaschmir weitergehen soll. Für die Regierung ist die Region nur eins: ein Sicherheitsproblem."

Derweil macht das Gerücht die Runde, dass die Regierung vorhabe, gezielt Hindus in Kaschmir anzusiedeln, um aus der muslimischen Mehrheit eine Minderheit zu machen. Seit März ist es Auswärtigen unter bestimmten Bedingungen zum ersten Mal erlaubt, sich in Kaschmir dauerhaft niederzulassen. Die indische Politikwissenschaftlerin Ayesha Ray vom King's College, Pennsylvania sagt: "Wir haben es mit einer hindunationalistischen Regierung an der Macht zu tun. Die Ängste vor einem demografischen Wandel sind daher nicht unrealistisch."

Was sagt die hinduistische Minderheit?

"Indem Indien Jammu und Kaschmir zu einem Unionsterritorium degradiert hat, hat sie auch uns Bewohner gedemütigt", sagt Sanjay Tickoo. Niemand in Kaschmir nehme sich seitdem noch der alltäglichen Probleme der Bürger an.

Tickoo gehört der hinduistischen Minderheit im Tal an. In den Neunzigern mussten Tausende Hindu-Familien vor radikalen islamischen Kämpfern fliehen. Modis BJP rechtfertigt ihr Vorgehen oft mit dem Unrecht, das den Hindus widerfahren ist und das es wieder gutzumachen gelte. Aber Tickoo sagt: "Die Regierung benutzt uns als Vorwand, um ihre hindunationalistisch Agenda im Tal umzusetzen." Er habe schon einmal erlebt, was eine Mehrheit einer Minderheit antun kann.

Modis symbolkräftiger Besuch am Jahrestag

Polizisten und Gläubige erwarteten am Mittwochmorgen die Ankunft von Premier Modi in Ayodhya.

Polizisten und Gläubige erwarteten am Mittwochmorgen die Ankunft von Premier Modi in Ayodhya.

Foto: PRABHAT KUMAR VERMA/EPA-EFE/Shutterstock

Es ist deswegen von hoher Symbolkraft, dass in Indien ausgerechnet am Jahrestag Kaschmirs ein weiteres wichtiges Ereignis stattfinden wird: Premier Narendra Modi traf am Mittwoch in Ayodhya ein; einer heiligen Stätte in Nordindien, die mehr als tausend Kilometer von Kaschmir entfernt liegt - und die doch mit der Unruheregion zusammenhängt.

Rund 14 Prozent der Inder sind Muslime, die Mehrheit sind Hindus. Beide Religionsgemeinschaften erheben Anspruch auf Ayodhya. Einst stand hier eine Moschee aus dem 16. Jahrhundert. 1992 rissen fanatische Hindus ­sie nieder, weil sie überzeugt waren, dass darunter der Geburtsort des Hindugottes Ram liegt. Jahrzehntelang hatten Hindus und Muslime, um das Gelände gestritten. Modi selbst hat heute den Grundstein für den neuen Tempel gelegt.

Beides - die Abschaffung des Sonderstatus für Kaschmir und der Bau des Ram-Tempels - gehörte zu den großen Versprechen seiner Partei, der BJP. Der 5. August wird damit als historischer Tag in die Geschichte Indiens eingehen. Es ist der Tag, an dem die Hindunationalisten ihrem Ziel wieder ein Stückchen näher gekommen sind: dass Indien keine säkulare Demokratie ist, sondern die einzige Heimat der Hindus.

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