Richtungsstreit in Katalonien Gespaltene Separatisten

Wahlkampf aus dem Gefängnis, müde Anhänger: Kataloniens Separatisten sind gescheitert, zumindest vorerst. Vor der Wahl streiten sie um die beste Strategie – wollen sie erneut den Konflikt mit Madrid wagen?
Von Steffen Lüdke, Barcelona
Katalanische Studentin in Barcelona 2017: Jubel nur für ein paar Sekunden

Katalanische Studentin in Barcelona 2017: Jubel nur für ein paar Sekunden

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Jordi Sànchez friert. Es ist halb zehn Uhr an diesem Freitagmorgen in Barcelona, Sànchez kommt gerade aus dem Gefängnis, zum Treffen erscheint er in Hemd und dünnem Pulli. Jetzt versucht er verzweifelt, die Heizung in der Parteizentrale in Gang zu bringen. Viel Zeit hat er nicht, am Wochenende will er eine Wahl gewinnen, dann muss er zurück in seine Zelle.

Jordi Sànchez ist einer von neun Katalanen, die zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind, weil sie in ihrem Kampf für eine unabhängige Republik Gesetze gebrochen haben. »Presos polítics« nennen die Separatisten sie, politische Gefangene.

Gleichzeitig führt Sànchez als Generalsekretär von Junts per Catalunya die liberal-konservative Separatistenpartei in die Regionalwahl am Sonntag. Tagsüber und am Wochenende hat Sànchez Freigang. Er tritt dann auf Marktplätzen und Bühnen auf, wirbt für die Spitzenkandidatin Laura Borràs. Die Partei braucht ihn als Symbolfigur.

»Für mich ist der Wahlkampf wie eine Sauerstoffblase«, sagt er. Das Gefängnis sei kein schöner Ort.

Jordi Sànchez im Wahlkampf: Symbolfigur

Jordi Sànchez im Wahlkampf: Symbolfigur

Foto: JOSEP LAGO / AFP

Zum Helden der Separatisten wurde Sànchez im Spätsommer 2017. Monatelang peitschte Sànchez damals die Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien auf. Als Chef der großen zivilgesellschaftlichen Separatistenorganisation ANC lenkte er die meist friedfertigen Massen. Die Demonstranten verhinderten am 20. September, dass die Polizei das katalanische Wirtschaftsministerium durchsuchen konnte. Bilder zeigen Sànchez auf einem demolierten Polizeiauto. Die Beamten trauten sich erst am nächsten Tag wieder aus dem Gebäude.

Die Kampagne von Sànchez und seinen Mitstreitern stellte Spanien vor eine historische Zerreißprobe. Am 1. Oktober 2017 stimmten die Katalanen in einem Referendum über die Unabhängigkeit ab, illegalerweise, wenn man so will. Das Verfassungsgericht hatte die Abstimmung verboten. Regionalpräsident Carles Puigdemont rief die Republik aus und setzte die Erklärung Sekunden später außer Kraft. Seine Rede war der Höhepunkt eines Konflikts, der eine ganze Dekade geprägt hatte: Tausende Menschen weinten auf den Straßen Barcelonas vor Freude , andere saßen fassungslos und verängstigt zu Hause.

Freudentränen der Unabhängigkeitsbefürworter: Höhepunkt eines Konflikts, der eine ganze Dekade geprägt hat

Freudentränen der Unabhängigkeitsbefürworter: Höhepunkt eines Konflikts, der eine ganze Dekade geprägt hat

Foto: PIERRE-PHILIPPE MARCOU/ AFP

Dreieinhalb Jahre später ist klar, dass die Separatisten gescheitert sind. Zentralregierung und Justiz griffen erbarmungslos durch. Jordi Sànchez wurde wegen »Aufruhrs« zu neun Jahren Haft verurteilt. Viele seiner Mitstreiter sitzen ebenfalls ein. Ex-Präsident Puigdemont floh vor der spanischen Justiz nach Brüssel. Katalonien ist bis heute ein Teil von Spanien. Die Region hat noch nicht einmal zusätzliche Selbstverwaltungsrechte erhalten.

Separatisten in der Krise

Vor der Regionalwahl am Sonntag stecken die katalanischen Nationalisten deshalb in der Krise. Der erfolglose Kampf für eine eigene Republik hat die Anhänger mürbe gemacht. Nur 44,5 Prozent der Katalanen  sprechen sich derzeit für einen eigenen Staat aus. Viele von ihnen sind frustriert, weil ihre Anführer jahrelang die schnelle Unabhängigkeit versprachen – und dann nicht lieferten.

Bei der Wahl könnte es für die Separatisten trotz des Aufstiegs der Sozialisten knapp zu einer Mehrheit reichen. Aber was sie mit der Macht anstellen würden, wissen sie selbst nicht. Die Linksrepublikaner setzen auf Verhandlungen mit Madrid, das radikalere Lager um Puigdemont und Sànchez auf Konfrontation.

Die Abstimmung am Sonntag ist deshalb richtungweisend. Die Partei, die sich am Sonntag durchsetzt, wird den Kurs der nächsten Jahre bestimmen wollen. Im Kern geht es um eine Frage: Deeskalieren die Separatisten im Konflikt mit Madrid – oder nehmen sie erneut Anlauf?

Proteste nach dem Urteil gegen katalanische Separatisten: »Wir werden es wieder tun«

Proteste nach dem Urteil gegen katalanische Separatisten: »Wir werden es wieder tun«

Foto: LLUIS GENE/ AFP

Antonio García steht auf dem Dorfplatz der Vorstadt Sant Joan Despí und reckt das Plakat mit dem Gesicht von Jordi Sànchez in die Höhe. »Llibertat, presos polítics«, ruft der Rentner. Rund hundert Menschen stimmen ein. Viele tragen an diesem Donnerstagabend eine gelbe Schleife am Revers, über ihnen flattert die Estelada, die Flagge der Separatisten. So wie fast jeden Donnerstag seit 176 Wochen.

Jordi Sànchez lächelt, wenn man ihn auf die Kundgebungen anspricht. »Bis heute stoppen mich Menschen auf der Straße und brechen in Tränen aus«, sagt er. Die Gefängnisstrafen für ihn und seine Mitstreiter hätten einen kollektiven Schmerz ausgelöst.

Setzen die Radikalen sich durch, würden sie die Gesellschaft noch stärker spalten

Die Unabhängigkeitsbewegung nutzt die Haftstrafen ihrer Anführer, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Doch mitten in der Pandemie finden sich kaum noch mehr als eine Handvoll Personen zusammen, schon in den Monaten zuvor war die Erschöpfung spürbar. Führende Separatisten fürchten, dass der Protest in sich zusammenfallen könnte, falls die linke Regierung in Madrid die Gefangenen begnadigen sollte. »Politisch wäre das ziemlich schlecht für die Bewegung«, heißt es.

»Ich will nicht alles genauso machen wie beim letzten Mal. Ich will es besser machen.«

Separatistenführer Jordi Sànchez

Die Linksrepublikaner von der ERC werben inzwischen für Verhandlungen mit dem Zentralstaat und mehr Selbstverwaltung. Die Partei hat akzeptiert, dass sie die Unabhängigkeit nicht einfach erzwingen kann – erst recht nicht, wenn nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung sie unterstützt. »Wir werden stets am Dialog festhalten, selbst wenn wir im Gefängnis sitzen«, sagt der ehemalige katalanische Vizepräsident Oriol Junqueras, obwohl die Richter auch ihn zu einer langen Haftstrafe verurteilt haben.

Jordi Sànchez hält das Kalkül der ERC für Unsinn. »Der spanische Staat würde auch dann nicht nachgeben, wenn 70 Prozent der Katalanen für die Unabhängigkeit sind«, sagt er in der Parteizentrale. Im Kern ist seine Strategie deshalb dieselbe wie vor vier Jahren: Durch friedlichen Protest und zivilen Ungehorsam will er den Druck auf den Zentralstaat Schritt für Schritt erhöhen, wohl wissend, dass jede Form der staatlichen Repression den Separatisten hilft.

Polizist und Wählerin am 1. Oktober 2017: »Unser größter Fehler«

Polizist und Wählerin am 1. Oktober 2017: »Unser größter Fehler«

Foto: PAU BARRENA/ AFP

»Ich will nicht alles genauso machen wie beim letzten Mal«, sagt Sànchez, »ich will es besser machen.« Der größte Fehler der Separatisten sei es gewesen, nach der Polizeigewalt beim verbotenen Unabhängigkeitsvotum nicht die Straßen Barcelonas besetzt zu haben. Sànchez möchte ein erneutes Referendum eher erzwingen als erbitten. Seine Strategie würde die katalanische Gesellschaft noch stärker spalten.

In den Umfragen hat Junts per Catalunya in den vergangenen Wochen immer weiter aufgeholt. »ERC und Junts werben im Wahlkampf um dieselben separatistischen Wähler. Das hat zu einem Überbietungswettbewerb geführt«, sagt Ignacio Molina, Politologe und Analyst beim Thinktank Real Instituto Elcano. »Wenn es um die Frage geht, wer nationalistischer ist, hat Junts als radikalere Partei Vorteile.«

Molina hält es deshalb für möglich, dass die Partei von Jordi Sànchez am Sonntag auf ähnlich viele Stimmen wie die ERC kommen könnte. Vor ein paar Wochen schien das noch undenkbar. Sànchez selbst ist davon überzeugt, dass es so kommt. Er will am Samstag noch mal ins Theater gehen – und am Montag als Wahlsieger ins Gefängnis zurückkehren.

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