Katar in der Pandemie Gestärkt aus der Krise

Katar liegt mit sämtlichen Nachbarn im Streit, aber gerade das hilft dem kleinen Golfstaat in Zeiten der Corona-Pandemie. Der große Kontrahent Saudi Arabien hat dagegen Probleme.
Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani besucht einen Hersteller von Beatmungsgeräten

Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani besucht einen Hersteller von Beatmungsgeräten

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Amiri Diwan

Mit hellblauem Nasen- und Mundschutz lässt sich der Emir von Katar Tamim Bin Hamad Al-Thani durch das Forschungszentrum des Großunternehmens Barzan führen. Es gehört dem Verteidigungsministerium und entwickelt eigentlich Waffen. Doch der Emir ist diesmal nicht wegen der Laser und Granatenwerfer gekommen. Er interessiert sich für ein kleines, schwarzes Gerät mit Luftschlauchanschlüssen. Es ist das neueste Produkt von Barzan: ein Beatmungsgerät.

Seit rund einem Monat stellt Katar selbst diese entscheidende Abwehrwaffe im Kampf gegen das Coronavirus her, 2000 Stück pro Woche, mithilfe von Produktionsanlagen, die es aus den USA einfliegen ließ. "Eigentlich gab es einen Fünfjahresplan, um diese Maschinen nach und nach ins Land zu bringen, aber jetzt haben wir sie eben alle auf einmal geholt", sagte Nasser Hassan al-Naimi, Geschäftsführer von Barzan, der Nachrichtenagentur AFP.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In Zeiten der Pandemie profitiert der kleine Golfstaat paradoxerweise von einem Modernisierungsschub, den zuvor ein anderer Notstand ausgelöst hatte: Seit dem Ausbruch der Katarkrise am 5. Juni 2017 hat das Emirat begonnen, seine Wirtschaft umzubauen. Es will selbstständiger werden. Dazu schuf es unter anderem den Staatskonzern Barzan. Sogar deutsche Milchkühe ließ die Regierung importieren, für die Zukunft des Landes.

Saudi-Arabien und die VAE gegen Katar und die Türkei

Angeführt von den Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien hatten einige Länder damals ihre Beziehungen zu Katar eingefroren und ihre Grenzen geschlossen. Noch immer ist Katar praktisch abgeschnitten: Es hat nur eine Landesgrenze, die mit Saudi-Arabien, und sie bleibt zu. Flugzeuge müssen weit ausholen und Katar in einem großen Bogen anfliegen, denn Saudi-Arabien und die VAE haben ihren Luftraum für Katar-Flüge weiterhin gesperrt.

Die Golf-Nachbarn wollten das kleine Emirat so in die Schranken weisen. Es sollte aufhören, mit seiner Propagandamaschinerie und Scheckbuchdiplomatie die islamistischen Muslimbrüder zu unterstützen. Die Bewegung gibt es in der gesamten Region: In Tunesien sind sie ein moderater Teil der Regierung; im Gazastreifen herrscht ein Muslimbrüder-Ableger, die radikalislamische Terrororganisation Hamas. Saudi-Arabien und die VAE betrachten die Muslimbrüder als eine der größten Gefahren für die eigene Macht.  

Doch der Plan des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ("MbS"), seinen Kontrahenten, den emiratischen Kronprinzen Mohammed bin Zayed ("MbZ"), unter Druck zu setzten, ist nicht aufgegangen: Katar ist nicht eingeknickt, es wird unterstützt von der Türkei. Es ist ein Konflikt, der das sunnitische Lager spaltet und regionale Organisationen wie den Golf-Kooperationsrat (GCC) lähmt. Ein Ausweg aus dem Patt ist nicht in Sicht.

Katar ist von Corona besonders stark betroffen

Dabei hätte mit Corona nun der Moment der Annäherung werden können – die Pandemie kennt schließlich keine Grenzen. Geschickt nutzte Katar sie als Vorwand, um sein schon länger gehegtes Ziel voranzubringen, die Beziehungen zum syrischen Regime wieder aufzunehmen und sich gegenüber Iran versöhnlich zu zeigen - was wiederum ganz und gar nicht in saudischem Interesse liegt.

Erst im Mai machten wieder Desinformationen über Katar in sozialen Medien die Runde, die aus saudi-arabischen Quellen zu stammen schienen. Der Vorgang erinnerte an 2017: Die Krise war damals ausgelöst worden durch ein gefälschtes Interview des Emirs von Katar auf einer offiziellen katarischen Nachrichtenseite – Experten gehen davon aus, dass diese gehackt worden war. Katar wiederum versucht derzeit, in der britischen Premier League zu verhindern, dass Saudi-Arabien den Fußballklub Newcastle übernimmt. Zudem konkurrieren die beiden Länder um die Ausrichtung der Asienspiele 2030.

Katar ist von Corona besonders betroffen. Pro Kopf hat das Land eine der höchsten Infektionsraten  der Welt. Einem Bericht  der britischen Zeitung "Guardian" zufolge sind viele der Erkrankten ausländische Haushaltshilfen, die oft unter prekären Bedingungen leben und arbeiten. Zudem verbreitete sich das Virus im Zentralgefängnis von Doha. Katar zwingt nun seine Bevölkerung unter Androhung einer Strafe von bis zu drei Jahren Haft und rund 55.000 Dollar Bußgeld zur Verwendung einer Kontaktverfolgungs-App

Wirtschaftlich steht Katar sehr gut da - trotz Corona. Nach Schätzungen  des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das Erdgas exportierende Land dieses Jahr eines von nur sieben Ländern sein, die überhaupt ein Plus verzeichnen. Mit Schadenfreude dürfte man in Doha verfolgt haben, dass der IWF Saudi-Arabien und den VAE dagegen ein dickes Minus prognostiziert.   

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, "Katars MbZ". Mohammed bin Zayed ist jedoch, wie an anderer Stelle im Text beschrieben, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wir haben die Stelle korrigiert.

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